05. November 2008 Nun ist es Tatsache: Barack Obama hat die amerikanischen Präsidentschaftswahlen gewonnen und wird Amerikas erster schwarzer Präsident. Die Finanzmärkte hatten dieses Wahlergebnis zum Teil schon vorweggenommen, was an den amerikanischen und europäischen Börsen am Dienstag zu einen ausgeprägten Höhenflug führte.
Nichtsdestoweniger reagierten sie auf die frühe Entscheidung zunächst mit Begeisterung. Der Aktienmarkt in Hongkong reagierte mit einem kräftigen Kurssprung. Zum Ende der ersten Sitzungshälfte notiert der Hang-Seng-Index (HSI) bei 15.197 Punkten und damit um 5,7 Prozent höher als zum Handelsschluss am Dienstag. Auch die Börse in Tokio schloss 4,46 Prozent höher.
Glücklich über klare Verhältnisse
Zwar profitiere der Markt auch von den positiven Vorgaben der amerikanischen Börsen, doch würden die Kurse hauptsächlich von der Hoffnung auf einen politischen Wandel getragen, sagen Händler in Hongkong.
Die Kurse steigen, weil es nach den Umfragen einen klaren Sieger und damit voraussichtlich kein Hin und Her geben wird, sagte Amerika-Analyst Emil Heppel von der Landesbank Berlin schon am Vortag, als der Dax um 5 Prozent auf 5.278,04 Punkte stieg. Auch der Dow Jones und der S&P-500 verbuchten ein Plus von 3,3 bzw. 4,1 Prozent.
Doch der Obama-Bonus zeigte sich kurzlebig. Zuerst sah es so aus, als ob auch der deutsche Aktienmarkt fest in den Tag gehen würde. Doch dann wendete sich die Stimmung im Handel auf den Terminkontrakt für den wichtigen amerikanischen Aktienindex S&P-500 zum negativen.
Und so eröffnet der Dax den Handel sogar etwas leichter mit einem Minus von 15 Punkten oder 0,3 Prozent bei 5.463 Punkte. Händler machen dafür Gewinnmitnahmen nach der Rally der vergangenen Tage verantwortlich.
Buy the rumours, sell the fact - (Kauf das Gerücht, verkaufe die Fakten), so lautet ein alter Leitspruch an der Börse und nach diesem Motto scheinen die meisten Anleger am Morgen zu handeln.
Dass Obama für die Wall Street gut ist, kann ich nicht erkennen
Schon im Vorfeld zeigten kritische Stimmen zeigen, dass es gut möglich sein könnte, dass die Finanzmärkte lediglich vom allgemeinen Optimismus angesteckt wurden bzw. auf eine Rally spekulierten und diese so ausgelöst wurde.
Dass Obama für die Wall Street gut ist, kann ich allerdings nicht erkennen, gab Heppel am Dienstag schon zu bedenken und wies auf die angekündigten Steuererhöhungen für Wohlhabende hin. Selbst vom versprochenen Wandel überzeugte Marktteilnehmer bremsten: Dieser Wandel vollziehe sich nicht über Nacht, hieß es in Hongkong. Daher scheine der Hang-Seng-Index auch nicht mehr viel Potential nach oben zu haben, blicke man auf die aktuelle Ertragslage der Unternehmen.
Kein Wandel über Nacht
Marktstratege Berndt Fernow von der Landesbank Baden-Würtetmberg (LBBW) sieht den Obama-Effekt als kurzfristig an und geht davon aus, dass die aktuelle Rally spätestens am Donnerstag mit der Leitzinsentscheidung der Europäischen Zentralbank ausläuft. Die Anleger hätten eine Senkung der Leitzinsen schon eingepreist. Und an den schwierigen konjunkturellen Perspektiven der Vereinigten Staaten werde erst einmal auch ein neuer Präsident nichts ändern.
Zumal, wie etwa Robbert van Batenburg und Wilson Mui von Louis Capital Research meinen, ein Sieg McCains für die Börse als förderlicher zu betrachten gewesen wäre. Obamas Wirtschaftsprogramm lässt sich kurz wie folgt zusammenfassen: Mehr Steuern - mehr Staat (vgl. Obamas Pläne für die Wirtschaft: Der Hang wird steil sein).
Staatsverschuldung könnte stark steigen
Rund 115 Milliarden Dollar will der Demokrat ausgeben, unter anderem in Form von Steuererstattungen für Familien mit niedrigen und mittleren Einkommen. Temporäre Steuererleichterungen für Firmen stehen im Raum, die neue Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten schaffen. Große Infrastrukturprojekte sollen angeschoben, erneuerbare Energien gefördert werden. Einkommensteuer und Kapitalertragsteuer sollen erstmals seit 15 Jahren steigen, Steuersenkungen für Reiche der Ära Bush rückgängig gemacht werden.
Allein der Plan, ein neues nationales Krankenversicherungsprogramm zu schaffen, das zum Teil auf Zuschüssen aus einem Fonds gespeist wird, in das Unternehmen einzahlen müssen, die ihren Mitarbeitern keine betriebliche Krankenversicherung anbieten, dürfte etliche börsennotierte Konzerne deutlich belasten.
Insgesamt dürfte eine Einlösung der Versprechen die ohnehin schon hohe Staatsverschuldung rasch weiter ansteigen lassen. Volkswirt Johnny Bo Jakobsen von Nordea verweist zudem darauf, dass ein tiefer Konjunktureinbruch die Staatsfinanzen im Zuge weiterer Stützungsmaßnahmen noch stärker als derzeit erwartet belasten könnte. Obama hat Ideen für ein zusätzliches Konjunkturprogramm bereits in der Tasche, aber die kosten zunächst einmal auch Geld.
Nordea-Volkswirt Jakobsen geht davon aus, dass das amerikanische Haushaltsdefizit, das am Ende des am 30. September beendeten Fiskaljahrs 2008 bei 455 Milliarden Dollar (3,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts) lag, 2009 auf 700 Milliarden Dollar steigen wird. Dabei ist eine Reform der Krankenversicherung noch gar nicht berücksichtigt.
Hoffnung für Erneuerbare Energien
Unter diesen Umständen sehen die Vorzeichen für die Rentenmärkte insgesamt fast besser aus als für die Aktienmärkte. Die Analysten von Loius Capital sehen als Profiteure die amerikanischen Autohersteller, Infrastrukturunternehmen und Kommunalobligationen an. Auch dürften die Pläne zur Lösung der Hypothekenkrise Wohnungsbauunternehmen zugute kommen, die im unteren Preissegment tätig sind.
Darüber hinaus sollten auch Unternehmen aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien profitieren. Mit Obama könnte sich ein ganz neuer Trend für die Anbieter Alternativer Energien in den Vereinigten Staaten ergeben und sich ein riesiger Markt öffnen., sagt Thilo Müller von MB Fund Advisory. Als Verlierer der geplanten Krankenversicherungsreformen sieht Louis Capital zwangsläufig die Versicherer, wohingegen Einzelhändler davon profitieren sollten.
Republikaner haben Nimbus abgegeben
Was die Börsen in Begeisterung versetzt, scheint tatsächlich mehr der versprochene Wandel und die Aufbruchsstimmung zu sein, die der charismatische Obama verbreitet, nachdem die Republikaner im Zuge der Finanzkrise den Nimbus größerer wirtschaftspolitischer Kompetenz verloren haben und ihnen die Schuld an dem Desaster angelastet wird.
Nichtsdestoweniger steht Obama vor großen Aufgaben in einer schwierigen Zeit. Bislang haben sich die Börsen unter demokratischen Präsidenten insgesamt besser entwickelt als unter republikanischen. Indes spielen dabei zahlreiche Faktoren eine Rolle und der Zusammenhang wäre eher umgekehrt zu sehen, namentlich dass nach schlechten Börsenzeiten unter republikanischen Präsidenten eben die Zeit für einen Wechsel reif ist.
Und so ist dem Ganzen zumindest zu einem gewissen Grad der Charakter einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zuzumessen. Somit steht zu hoffen, dass es sich auch diesmal so verhält. Nach dem verlustreichen Jahr 2008 könnten Aktienanleger bessere Zeiten gebrauchen. Fürs erste wird wieder einmal die Reaktion der Wall Street die Richtung vorgeben.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Bildmaterial: AFP