Clinton und Obama

Kampf gegen „schmutzige Socken“

Von Matthias Rüb, Washington

17. April 2008 Immerhin gehen sie zivilisierter miteinander um, wenn sie gemeinsam auf der Bühne stehen als wenn sie im Fernkampf der Wahlwerbung im Fernsehen oder der Reden vor Anhängern aufeinander herumhacken. Aber nur ein bisschen.

Hillary Clinton und Barack Obama waren sich in Philadelphia bei ihrem 21. Fernsehduell des Wahljahres in der Nacht zum Donnerstag in manchem sogar einig: Sie wollten sich noch nicht auf einen „running mate“, einen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten festlegen. Und sie trauen einander schon zu, den Republikaner John McCain am 4. November zu schlagen, sind aber überzeugt, selbst jeweils viel besser gerüstet zu seien als die deutlich mehr verwundbare Konkurrenz aus der eigenen Partei.

Küsschen statt Kugeln

Die Frage, wer die eineinhalbstündige Debatte denn nun gewonnen habe, ist ebenso müßig wie die Geheimwissenschaft der Auslegung, was die Umfragen unter den Wählern im Bundesstaat Pennsylvania, wo am Dienstag die nächste Runde der Vorwahlen stattfindet, sowie im ganzen Land denn nun zu bedeuten hätten: Man wird es erst nach den Wahlen wissen.

Die Debatte, moderiert von den „Anchors“ des Fernsehsenders ABC, Charles Gibson und George Stephanopoulos, zerfiel grob in zwei Teile: Charakterfragen, Ausrutscher und Versprecher auf der einen, Dissens in Sachfragen auf der anderen Seite. Wahrscheinlich interessiert sich das Publikum mehr für die erste als für die zweite Hälfte.

Frau Clinton musste sich abermals für ihre übertriebene Darstellung eines Besuchs in Tuzla in Bosnien-Hercegovina vom März 1996 entschuldigen, wo sie keineswegs - wie behauptet - unter Beschuss von Scharfschützen geraten war, sondern auf dem Flugfeld in aller Ruhe Gedicht, Blumen und Küsschen eines bosnischen Mädchens entgegennehmen konnte. Denn der Krieg war zu dem Zeitpunkt schon ein halbes Jahr vorbei, ein stabiler Waffenstillstand war an die Stelle des Scharfschützen- und Granatterros getreten.

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Mehr „schmutzige Socken“ bei Obama

Bei Obama schien die Menge der „schmutzigen Socken“, die er sich im langen Wahlkampf bisher geholt hat und immer wieder mit ostentativem Ekel in aller Öffentlichkeit emporgehalten sieht, auch auf den zweiten Blick größer. Frau Clinton erinnerte abermals an die Predigt von Jeremiah Wright Jr., der über zwei Jahrzehnte hinweg Obamas Pastor und geistlichem Mentor gewesen war. Die Predigt hatte Wright unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gehalten: „America's chicken coming home to roost“ donnerte Pfarrer Wright seinerzeit über die Anschläge auf New York und Washington und zitierte damit den im Februar 1965 ermordeten Führer der radikalen schwarzen Befreiungsbewegung „Nation of Islam“, Malcolm X, der mit den gleichen denkwürdigen Worten im November 1963 die Ermordung von Präsident John F. Kennedy kommentiert hatte. Die Metapher von den Hühnern Amerikas, die zum Schlafen in den Stall zurückkommen, besagt mit dem Ausdruck einer gewissen Genugtuung, dass verwerfliches Handeln letztlich auf seinen Urheber zurückgefallen sei.

Und auch die weithin als herablassend und elitär kritisierten Äußerungen Obamas bei einer Veranstaltung vor wohlhabenden Parteispendern in San Francisco, wonach Menschen in Kleinstädten und ländlichen Gebieten „verbittert“ seien angesichts verlorener Jobs und sich deshalb „an ihre Waffen und ihre Religion klammern und Antipathien gegen Leute entwickeln, die anders sind als sie“, brachte Frau Clinton wieder zu Sprache. Obama brachte seinerseits seine bekannten Erklärungen vor - die inkriminierte Predigt Wrights habe er nicht gehört und nicht gekannt, seine eigenen Äußerungen über „frustrierte“ Mitbürger seien missverständlich gewesen - und warf Clinton vor, sich altbekannter politischer Spielchen zu bedienen. Am Ende wird der Wähler in dem fortgesetzten Charakterstreit entscheiden - am 22. April in Pennsylvania und am 4. November im ganzen Land.

„Ja, ja, ja!“

Und dann, ach ja, waren da noch die Äußerungen zur Sache: das jeweils von Clinton wie Obama gegebene Versprechen, Menschen mit einem Jahreseinkommen von weniger als 200.000 Dollar nicht mit zusätzlichen Steuern zu belasten, das individuelle Recht zum Waffentragen gemäß Verfassung aufrechtzuerhalten, den Bundesstaaten aber Einschränkungen etwa bei Schnellfeuerwaffen zuzugestehen, die amerikanischen Truppen aus dem Irak so bald wie möglich abzuziehen, dem Verbündeten Israel im Falle eines iranischen Angriffs entschlossen militärisch beizustehen und Irans vermutetem Streben nach Atomwaffen entgegenzuwirken - wobei Obama abermals direkte Gespräche auf höchster Ebene mit Teheran forderte, während Clinton für die Wiederaufnahme diplomatischer Verbindungen auf unterer Ebene plädierte.

Einig waren sich beide darin, dass sie einander im Falle der Nominierung einen Sieg gegen den republikanischen Kandidaten John McCain zutrauen. „Ja, ja, ja!“, antwortete Clinton, nachdem Stephanopoulos angesichts einer ausweichenden Antwort der Senatorin zu den Siegchancen Obamas gegen McCain nachgehakt hatte: Entweder werde sie selbst Präsident oder eben Obama, sagte sie. Auch darüber wird am Ende der Wähler entscheiden.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP

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