Vorwahlen in Amerika

Clintons Chancen schwinden

Von Bertram Eisenhauer

07. Mai 2008 Wäre Amerikas Demokratische Partei eine Comicfigur, der Morgen nach den Vorwahlen in North Carolina und Indiana fände sie mit zusammengebissenen Zähnen vor, zwischen denen sie ein gequältes „Aaargh“ hervorstieße. Denn wieder einmal wurde die Hoffnung enttäuscht, der Urnengang werde entweder Barack Obama endlich eindeutig zu jenem Kandidaten machen, um den sich die Partei würde scharen können - oder aber er werde Hillary Clinton ein überzeugendes Argument an die Hand geben, warum doch eher sie, die Kampferprobte, die Kandidatin sein sollte an Stelle des Charismatikers. Ein Sieg Obamas in Indiana zum Beispiel, vor kurzem von den Demoskopen durchaus noch für möglich gehalten, hätte für klare Verhältnisse gesorgt.

Stattdessen geschah das, was das demographische Profil der beiden Bundesstaaten nahelegte: Obama siegte in North Carolina, getragen von den Stimmen der Schwarzen, die dort ein Drittel aller Wähler stellten, sowie Mehrheiten unter jungen Wählern, Leuten mit College-Abschluss und jenen Demokraten, die sich selbst als links einordnen; und Clinton gewann in Indiana, ebenfalls wieder mit Hilfe genau jener Klientele, die ihre Kandidatur bisher am Leben hielten: Frauen, Ältere, Leute aus ländlichen Gebieten und Amerikas Arbeiterklasse.

Nur 22.000 Stimmen mehr für Clinton

Die Demokratische Partei quält sich weiter mit der Entscheidung zwischen zwei formidablen Kandidaten - und das nicht zuletzt wegen Clinton: ihrer Hartnäckigkeit, ihrem brennenden politischen Ehrgeiz, ihrer Weigerung, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Wähler ihr, vor einem Jahr noch die Favoritin, einen Mann vorziehen könnten, den sie für einen Blender und Träumer hält, und sei es auch mit nur einer knappen Mehrheit.

Doch so sehr Hillary Clinton auch strampelt: Ihre Chancen schwinden, zu nehmen ist Barack Obama die Kandidatur fürs Weiße Haus kaum mehr. Denn Clintons Sieg in Indiana, den sie so dringend brauchte, fiel denkbar knapp aus: 50,9 gegen 49,1 Prozent.

In der Wahlnacht zögerten Amerikas Fernsehsender, die sonst bei den Hochrechnungen die Nase gerne vorne haben, stundenlang damit, den Staat einem der Kandidaten zuzuschlagen, da mit jedem der städtisch geprägten Stimmbezirke, dessen Ergebnis in die Hochrechnung miteinfloss, Clintons Vorsprung weiter abschmolz. Am Ende trennten Clinton nur 22.000 Stimmen von ihrem Wettbewerber. In North Carolina derweil konnte dieser seinen zweistelligen Vorsprung aus den Umfragen verteidigen; mit 56,2 zu 41,5 Prozent entschied er den Staat für sich: ein Vorsprung von 220.000 Stimmen.

Genosse Trend auf Obamas Seite

Obama hat nicht nur den Genossen Trend (das „momentum“, wie die Amerikaner sagen) auf seiner Seite, sondern auch die komplizierte Arithmetik der amerikanischen Vorwahlen. Bei CNN etwa führte Moderator John King sie den Zuschauern in der Wahlnacht auf einem mannshohen Touch-Screen vor: Selbst wenn Clinton die sechs verbleibenden Abstimmungen in West Virginia, Kentucky, Oregon, Puerto Rico, Montana und South Dakota mit jeweils 55 zu 45 Prozent für sich entscheiden sollte - was unwahrscheinlich ist, in Oregon, Montana und South Dakota gilt Obama als Favorit -, könnte sie seinen Vorsprung bei den regulären Delegiertenstimmen nicht mehr aufholen. 1493 davon hat er auf seinem Konto, sie kommt (nach Zählung der „New York Times“) auf 1338.

Wieviele neue Delegierte ihm nun aus Indiana und North Carolina zufallen, steht noch nicht fest; möglicherweise wird er seinen Vorsprung ausbauen können. Klar ist aber mindestens: Indem Obama am Dienstag einen Wettbewerb deutlich gewann und einen anderen hauchzart verlor, hat er auch gezeigt, dass eins von Clintons zentralen Argumenten gegen seine Kandidatur - ihm fehle das Stehvermögen, sich gegen den Republikaner John McCain durchzusetzen - nicht verfangen hat.

Auch dass Clinton in den vergangenen Wochen neue Energie zu finden schien, indem sie sich als Kämpferin für Amerikas Kellnerinnen, Feuerwehrmänner und übrigen hart Arbeitenden präsentierte, dass sie mit der ökonomisch unsinnigen Forderung, die Benzinsteuer im Sommer zeitweise auszusetzen, die Populistin gab, hat sie vorangebracht - aber eben nicht entscheidend.

Auf die „Super-Delegierten“ kommt es an

Das entscheidende Publikum des Wettbewerbs zwischen Obama und Clinton sind ohnehin inzwischen die fast 800 „Super-Delegierten“, allerlei Aktivisten, Funktionäre und Amtsinhaber der Demokratischen Partei. Ihre Stimmen werden am Ende den Ausschlag geben, ob bereits am Ende der Vorwahlsaison Anfang Juni oder - wovor vielen Demokraten graust - erst beim Parteitag im August.

Für Hillary Clinton sind die „super delegates“ die letzte Hoffnung; in den vergangenen Wochen hat sie erleben müssen, wie sich immer mehr von ihnen für Obama erklärt haben, selbst einige Überläufer aus ihrem Lager in das des Rivalen hat es gegeben. Obama, so berichtet die „New York Times“, werde womöglich schon am Mittwoch eine weitere Gruppe von solchen Parteigrößen präsentieren können, die sich ebenfalls für ihn erklären.

Warten auf die nächste Wendung

Und die ganz normalen Wähler, die bei den Vorwahlen in Bundesstaat nach Bundesstaat für Rekordbeteiligungen sorgen? Wer kriegt ihre Stimme, wenn ihr Favorit oder - wahrscheinlicher - ihre Favoritin aus dem Rennen ist? Die zunehmend bittere Auseinandersetzung zwischen Clinton und Obama hat nämlich dazu geführt, dass in Umfragen etwa in Indiana nicht einmal jeder zweite von Clintons Anhänger angab, er würde bei der Präsidentschaft im Herbst Obama unterstützen; jeder dritte Wähler erklärte, er werde sich dann für McCain entscheiden.

Solche Zahlen sind natürlich sechs Monate vor der Wahl höchst unzuverlässig; gerade viele von Amerikas Werktätigen, die jetzt mehrheitlich noch zu Hillary stehen, dürften am Ende, mit einem Republikaner als Alternative konfrontiert, doch zurückkehren in die Arme der Demokratischen Partei. Freilich: Für die amerikanische Wahlsaison 2008, die schon so viele überraschende Wendungen bereithielt, hat wirklich niemand ein Drehbuch. Schon deshalb wird es spannend zu sehen, was Barack Obama und, vor allem, Hillary Clinton als nächstes einfällt.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, dpa

 
Rubriken

Besuch in Berlin

Obama spricht vor Siegessäule

 
Video in voller Größe
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche