Von Matthias Rüb, North Potomac
05. November 2008 David und Jeanne Kahn arbeiten am Wahltag im Schichtdienst. Für wen sie stimmen würden, haben sie seit Wochen schon sichtbar mit einem yard sign kundgetan. Ein yard sign ist ein vielleicht einen auf einen halben Meter großes Schild aus robuster Plastikfolie, das auf ein Drahtgestell aufgezogen ist und in den Boden des Vorgartens gesteckt wird. Bei den Kahns in North Potomac steckt schon seit dem Ende der langen Vorwahlsaison im Juni das Schild in der blauen Farbe der Demokratischen Partei mit der Aufschrift Obama im Garten. Nur beim Rasenmähen wurde es vorübergehend entfernt.
David hat schon am Morgen gewählt, Jeanne ist am Nachmittag an der Reihe. Sie verbinden die Bürgerpflicht der Stimmabgabe mit der Kür der Parteiaktivisten: Im gesetzlich vorgeschriebenen No Electioneering-Abstand von 100 Fuß (etwa 30 Meter) zum Eingang ins Wahllokal in der Dufief-Grundschule verteilen sie die allerletzten Flugblätter und Broschüren und Wahlempfehlungen der Demokratischen Partei.
Maryland bleibt blau
Nicht immer sind die Kahns mit den Empfehlungen ihrer Partei einverstanden. Natürlich stimmen sie für Barack Obama und Joseph Biden und auch für den populären Abgeordneten im Repräsentantenhaus Chris Van Hollen, dessen Wiederwahl mit mehr als drei Viertel der abgegebenen Stimmen als sicher gilt. Maryland gehört anders als die Nachbarstaaten Pennsylvania und Virginia auch dieses Jahr nicht zu den besonders umkämpften Schlachtfeldstaaten, sondern bleibt fest im tiefblauen Lager der Demokraten.
In Maryland, wo 5,6 Millionen Einwohner mit einem leicht über dem Landesmittel liegenden Durchschnittseinkommen leben, sind die Wähler zum Beispiel auch aufgerufen, in einem Referendum über die Aufstellung von Geldspielautomaten an den Pferderennbahnen des Bundesstaates abzustimmen. Der vor zwei Jahren in sein Amt gewählte demokratische Gouverneur Martin O'Malley in der Hauptstadt Annapolis ist für die Zulassung der Slot Machines. Es soll zusätzliches Steuergeld aus dem Glücksspiel ins Staatssäckel fließen, das dann in erster Linie den Schulen und Hochschulen des Bundesstaates an der Atlantikküste zugutekommen soll.
Das ist obszön
Das finden Jeanne und David Kahn nicht richtig. Es ist obszön, den Leuten das Geld auf diese Weise aus der Tasche zu ziehen, denn die meisten Glücksspieler kommen aus den ärmeren Gegenden des Bundesstaates und das Geld fließt dann auch in die wohlhabenderen Gebiete. Überhaupt sei es ein Armutszeugnis, wenn der Staat sich zu einer Art Dealer für potentielle Suchtkranke mache, die möglicherweise vom Glücksspiel nicht mehr loskämen.
Der Andrang beim Wahllokal ist etwas größer als bei den Präsidentenwahlen vor vier und vor acht Jahren, aber es kommt nicht zu besonders langen Wartezeiten. Weil in Maryland der Sieg des Demokraten Obama faktisch feststeht und ihm die zehn Wahlmännerstimmen gewohnheitsmäßig zufallen, kommt es hier nicht zu einem Ansturm wie anderswo.
Irene und Helmut Fillachione haben gemeinsam schon am Vormittag abgestimmt, auch sie sind Anhänger der Demokraten. Vielleicht 25 Minuten haben sie gewartet, bis sie sich an die Touchscreen-Computer setzen und ihre Wahlentscheidungen eingeben konnten. Beim wichtigen Referendum zum Glücksspiel haben sich ihre Stimmen übrigens neutralisiert.
Die Vorteile der Wahlmaschinen
Technische Probleme hat es nicht gegeben. Die elektronischen Wahlcomputer haben auch ihre Vorteile. Wenn der Wähler zum Abschluss seiner Stimmabgabe zu den Kandidaten auf Bundes-, Einzelstaats-, Landkreis- und Gemeindeebene mit einem allerletzten Dialogfeld auf dem Bildschirm gefragt wird, ob seine hier summierten Wahlentscheidungen korrekt wiedergegeben sind und nun gespeichert und gezählt werden können, macht die Wahlmaschine auch auf Enthaltungen aufmerksam. Der Computer erkennt das undervoting, dass etwa die Stimme zum Vorsitzenden der Schulaufsichtsbehörde fehlt und fragt, ob es damit seine Richtigkeit habe. Bei der Wahl mit dem Stimmzettel aus Papier, der dann von einem optischen Scanner in einen Zählcomputer eingelesen wird, kann die Maschine keine Sicherheitsabfrage vornehmen und zählt die möglicherweise irrtümliche Enthaltung sogleich als solche. Wenn es über die Wahl- und Zählmaschinen keine weiteren Beschwerden gäbe, könnte man von pannenfreien Wahlen sprechen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP