Amerikanischer Wahlkampf

Spiritueller Vatermord

Von Matthias Rüb, Washington

01. Mai 2008 Wenn es um das Ende einer mehr als zwei Jahrzehnte währenden Beziehung zu einem Pastor geht, der den eigenen Weg zum Glauben geöffnet, die kirchliche Trauung vollzogen, die beiden Kinder getauft, das neue Haus gesegnet und sogar die ehrgeizigen politischen Pläne seines Schützlings mit Gebet und Fürbitten unterstützt hat, dann muss die Trennung biblische oder wenigstens mythologische Dimensionen annehmen.

Als Barack Obama, vom fortgesetzten öffentlichen Streit um Prediger Jeremiah Wright schwer ramponiert, in der Nacht zum Mittwoch vor aller Welt Augen und Ohren endgültig mit seinem umstrittenen Pastor brach, da beging er so etwas wie spirituellen Vatermord.

Tags zuvor hatte Wright bei einem polternden Auftritt vor dem Nationalen Presseklub in Washington gleichsam seinen verlorenen Sohn vollends verstoßen, indem er seine schlimmsten Verschwörungstheorien und empörendsten Beleidigungen gegen Amerika wiederholte und damit die Präsidentschaftskandidatur Obamas in deren schwerste Krise stürzte.

„Gott segne Amerika? Nein, Gott verdamme Amerika!“

Zu den Anschlägen vom 11. September 2001 sagte Wright am Montag abermals - wie schon kurz nach dem terroristischen Massenmord von New York und Washington bei einer Predigt in seiner Kirche in Chicago -, diese seien so etwas wie die Vergeltung für eine verkommene amerikanische Außenpolitik: „Man kann nicht andere Völker terrorisieren und erwarten, dass das nicht irgendwann zurückschlägt.“

Selbst die abstruseste aller antiamerikanischen Unterstellungen, wonach die Regierung in Washington das Aids-Virus entwickelt habe, um die Schwarzen zu dezimieren oder womöglich auszulöschen, wollte Wright nicht zurückweisen: „Wenn ich sehe, was den Afroamerikanern in diesem Lande alles widerfahren ist, traue ich der Regierung alles zu.“ Und schließlich stand er faktisch zu seinem von vielen Amerikanern als geradezu blasphemisch empfundenen Ausruf „Gott segne Amerika? Nein, Gott verdamme Amerika!“ und dozierte, Gott verurteile gewisse „Taten der Regierung - nicht des amerikanischen Volkes -, für welche es wahrlich keine Entschuldigung gibt“.

Den antisemitischen und separatistischen Führer der schwarzen Muslimbewegung „Nation of Islam“, Louis Farrakhan, pries Wright „als eine der wichtigsten Stimmen des 20. und 21. Jahrhunderts“, auf den „das schwarze Amerika hört, gleichviel ob es mit ihm übereinstimmt oder nicht“. Zuallerletzt wies er alle Kritik an seiner Person und Haltung rundherum als „Kritik an der schwarzen Kirche“ insgesamt zurück, die für viele - zumal Weiße - bisher „unsichtbar gewesen“ sei. Dies wiederum brachte viele andere Schwarze - Geistliche wie Laien - gegen den egozentrischen Pastor auf, denn es gebe zahlreiche andere schwarze spirituelle Traditionen und Positionen als nur eben jene extrem politisierenden von Wrights eigener „Trinity United Church of Christ“ von Chicagos „South Side“.

Keine Spur von christenpflichtiger Vergebung

Die Christenpflicht der Vergebung jedenfalls pflegte Wright nicht, und zwar am allerwenigsten an seinem verlorenen Sohn Obama, der sich angesichts der seit Wochen anhaltenden Debatte um Wright bis zum Mittwoch nur tastend von diesem losgesagt hatte. „Politiker sagen, was sie sagen und tun, was sie tun mit Blick auf ihrer Wählbarkeit, sie richten sich nach Wortschnipseln und nach Umfrageergebnissen“, wetterte Wright über Obama, ohne ihn beim Namen zu nennen. Damit stempelte er den bisher noch aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten zum Verräter und Opportunisten.

Der vergalt es ihm, indem er sich auf einer eilends einberufenen Pressekonferenz „empört und traurig über die Kommentare und das Spektakel“ Wrights zeigte und diesem vorwarf, er habe „eine Karikatur aus sich gemacht“. Das mache ihn, Obama, „wütend und traurig“, die Beziehung zu seinem Pastor habe schweren, womöglich irreparablen Schaden genommen. Obamas innerparteiliche Konkurrentin Hillary Clinton, die Obama schon vor Wochen aufgefordert hatte, mit dem Pastor zu brechen, beschrieb den Ausbruch Wrights erwartungsgemäß als „verletzend und skandalös“ und sagte, sie habe sich davon „beleidigt gefühlt“.

Ein Bruch in letzter Sekunde?

Nach jüngsten Umfragen hat die Affäre um Obamas Pastor dem Senator aus Illinois erheblichen politischen Schaden zugefügt. Am Dienstag bei den Vorwahlen in Indiana und North Carolina wird sich zeigen, ob Obama den Bruch zu spät oder gerade noch rechtzeitig vollzogen hat. Wright war für Obama, der ohne seinen kenianischen Vater aufwuchs, in mehr als nur metaphorischer Hinsicht ein Ersatzvater: Der Pastor führte den jungen Mann zum christlichen Glauben, sah ihn eine Familie gründen und diese wachsen.

Obama preist in seinem ersten Buch „Dreams from My Father“ Wright in den wärmsten Worten und mit höchsten Respekt - und er referiert recht präzise, wie der Pastor, von dessen Rhetorik er jetzt überrascht sein will, zu predigen pflegt. Den Titel seines zweiten Buches „The Audacity of Hope“ hat Obama aus einer Predigt von Wright entlehnt, in welcher dieser zuvor nach Obamas eigener Beschreibung wütend gegen „die Herzlosigkeit der Politiker im Weißen Haus und in den Gouverneursresidenzen“ gewettert hatte. Pastor Wright, so scheint es, ist sich über die Jahrzehnte treu geblieben, er war und ist, wie alle ihn kannten. Nur will ihn Obama jetzt nicht wiedererkennen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS

 
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