01. September 2008 Erste Ausläufer des Hurrikans Gustav haben Montagfrüh die amerikanische Küste am Golf von Mexiko erreicht. Dem Radar zufolge zog die Spitze des Wirbelsturms über das Delta des Mississippi-Flusses in Richtung New Orleans, sagte eine Meteorologin des Nationalen Hurrikan-Zentrums (NHC). Mit Regen und starkem Wind beginne der Hurrikan über New Orleans im Bundesstaat Louisiana hinwegzufegen. Aus dem Osten der Südstaatenmetropole gab es Berichte über erste Stromausfälle.
New Orleans wurde zur Geisterstadt
Vor dem herannahenden Hurrikan Gustav sind im amerikanischen Bundesstaat Louisiana fast zwei Millionen Menschen geflohen. New Orleans wurde zur Geisterstadt: Nur etwa 10.000 der 240.000 Einwohner folgten nicht der Evakuierungsanordnung der Behörden.
Nach den jüngsten Vorhersagen dürfte der Sturm wahrscheinlich weniger stark am Montagmittag auf die amerikanische Golfküste treffen als zuletzt befürchtet und möglicherweise nicht die gleiche zerstörerische Wucht entfalten wie Hurrikan Katrina vor drei Jahren. Das bleibt aber immer noch ein sehr gefährlicher Sturm, warnte Gouverneur Bobby Jindal. Er forderte die in den gefährdeten Küstengebieten zurückgebliebenen Menschen nachdrücklich auf, ebenfalls im Landesinneren Zuflucht zu suchen.
Republikaner passen Parteitag der Lage an
Wegen des Hurrikans strichen die Republikaner das Auftaktprogramm ihres Nominierungsparteitages zusammen. Nur die absolut notwendigen Programmpunkte fänden statt, teilte Senator John McCain am Sonntag mit, der auf dem Parteitag in St. Paul im Bundesstaat Minnesota offiziell zum Präsidentschaftskandidaten seiner Partei gekürt werden soll.
Zur Eröffnung werden die Delegierten lediglich für etwa zwei Stunden zusammenkommen, um sich wie von den Parteistatuten verlangt zu konstituieren, wie der Wahlkampfchef McCains, Rick Davis, am Sonntag sagte. Jenseits davon werde nun täglich und mit Blick auf die Lage neu entschieden, wie das Treffen weiter gestaltet werde. So sei zunächst noch unklar, wann die offizielle Wahl McCains zum Präsidentschaftskandidaten stattfinden solle. Wir müssen dem, was am Golf von Mexiko passiert, mit Respekt gegenübertreten. Am Montag würden nur die notwendigen Verfahren abgehandelt und keine politischen Reden gehalten. Es sei das erste Mal, dass ein Parteitag wegen äußerer Einflüsse so tiefgreifend abgeändert worden sei, sagte ein Kommentator des Fernsehsenders CNN.
McCain nennt Gustav eine nationale Herausforderung
Präsident George W. Bush und Vizepräsident Dick Cheney sagten ihre Teilnahme an dem Kongress ab. Bush will statt dessen von Texas aus die Arbeit des Katastrophenschutzes beobachten. Er war vor drei Jahren wegen der verspäteten und misslungenen Hilfsaktionen nach Hurrikan Katrina scharf kritisiert worden - unter anderem von seinem Parteikollegen McCain.
Der zeigt sich optimistisch, dass es nicht zu einem neuerlichen Versagen der Behörden kommt. Ich hege die große Erwartung, dass die Fehler der 'Katrina'-Katastrophe diesmal vermieden werden, sagte der Präsidentschaftskandidat am Sonntag, kurz nachdem er von den Gouverneuren der betroffenen Bundesstaaten über die Lage informiert worden war. Die Koordination zwischen den verschiedenen Ebenen sei nach seinem Eindruck hervorragend. Es gebe aber auch noch einige Probleme wie etwa die Kommunikationsmöglichkeiten der Rettungskräfte. Wir habe es mit einer großen nationalen Herausforderung zu tun und mit möglicherweise mit einer großen Naturkatastrophe, sagte McCain.
Der Senator aus Arizona rief seine Landsleute zur Solidarität mit den Menschen in den Gegenden auf, die Gustav trifft. Ich hoffe, dass Amerika seine Herzen und seine Brieftaschen öffnet, sagte der Präsidentschaftskandidat. Dies ist eine Zeit, in der wir die Parteipolitik beiseitelassen und wie Amerikaner handeln müssen. Die Republikaner wollen große Unternehmen und Spender der Partei dazu ermutigen, für Hilfseinsätze in der betroffenen Region Geld bereitzustellen, berichtete die New York Times.
Hurrikan-Stufe drei - wie Katrina
Im Golf von Mexiko, in dem ein Viertel des amerikanischen Rohölbedarfs produziert wird, kamen wegen des herannahenden Sturms die Förderung so gut wie zum Erliegen. Viele der Arbeiter auf den 4000 Bohrinseln in dem Gebiet wurden vorsorglich evakuiert. Der Ölpreis legte an diesem Montag um rund einen Dollar zu.
Die Experten vom amerikanischen Hurrikanzentrum rechneten nicht mehr damit, dass Gustav bis zum Aufprall auf das Festland auf die zweithöchste Hurrikan-Stufe vier anwachsen wird. Sie erwarteten den Wirbelsturm nun mit Windgeschwindigkeiten von bis zu rund 200 Kilometern pro Stunde weiter als Hurrikan der Stufe drei und einer etwa viereinhalb Meter hohen Sturmflut. Entwarnung bedeutet dies aber keineswegs, denn auch der verheerende Hurrikan Katrina vor drei Jahren war mit Stärke drei auf das Festland geprallt.
Katrinas knapp neun Meter hohe Flutwelle hatte zahlreiche Dämme bersten lassen und 80 Prozent des zum großen Teil unter dem Meeresspiegel gelegenen New Orleans überflutet. Die Metropole versank im Chaos. Flutopfer mussten tagelang auf den Dächern ihrer Häuser auf Rettung warten. Entlang der amerikanischen Golfküste kamen etwa 1500 Menschen ums Leben. Der Sachschaden belief sich auf 80 Milliarden Dollar. Es war der größte bei einer Naturkatastrophe in den Vereinigten Staaten.
Erste Todesopfer in den Vereinigten Staaten - fast hundert Tote in der Karibik
Nach Angaben der Bundesbehörden wurden die Dämme um New Orleans zwar verstärkt, haben aber noch immer Schwachstellen, vor allem nahe der von Katrina damals am schwersten betroffenen Stadtteile. Um eine Wiederholung dieser Katastrophe zu verhindern, ordnete Bürgermeister Ray Nagin nun frühzeitig eine Evakuierung der Stadt an. Er warnte, jeder der sich der Anweisung widersetze, begebe sich in extreme Gefahr. Nagin, der den Hurrikan die Mutter aller Stürme nannte, verhängte ein nächtliche Ausgangssperre und kündigte ein hartes Vorgehen gegen Plünderer an.
Indes forderte Gustav die ersten Todesopfer in den Vereinigten Staaten: Ein Mann wurde vor Florida in schwerer See über Bord gespült, wie die amerikanische Küstenwache mitteilte. Drei weitere Menschen starben bei Krankenhaus-Evakuierungen in Louisiana.
Bislang hat Gustav in der Karibik mindestens 95 Menschen das Leben gekostet. Allein 76 Todesopfer waren in Haiti zu beklagen, wie die dortigen Behörden am Sonntag mitteilten. Jamaika meldete zehn Tote, die Dominikanische Republik fast ebenso viele. In Kuba, wo der Hurrikan am Sonntag auf Land traf, wurden rund 86.000 Häuser völlig zerstört und Tausende weitere beschädigt. Zudem wurden 80 Kraftwerke außer Betrieb gesetzt. Berichte über Tote lagen zunächst aber nicht vor.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, F.A.Z., Naval Research Laboratory, Reuters