Von Katja Gelinsky, Washington
20. Januar 2009Jennifer Harisson hat bei einem Spezialanbieter für Treckingtouren in Extremgebieten spezielle Wärmekissen für Schuhe und Handschuhe bestellt. Zwölf Stunden hat die 45 Jahre alte Amerikanerin aus dem Washingtoner Nobelvorort Potomac diesen Dienstag auf der National Mall verbracht. Die Wärmekissen kaufte sie in weiser Voraussicht. In Washington scheint zwar die Sonne, aber es ist empfindlich kalt.
Jennifer Harisson gehört zu den Tausenden von Freiwilligen, die Ordnungs- und Hilfsdienste leisten, wenn die Amtseinführung von Barack Obama zelebriert wird. Ein historisches Ereignis, da will ich dabei sein. Sonst interessiere sie sich nicht sonderlich für Politik, gibt die Verkäuferin in einer Boutique zu. Aber so ein Tag wie heute kommt nie wieder.
Das denkt auch Rayna Mills aus dem Washingtoner Stadtteil Capitol Hill. Die 22 Jahre alte, alleinerziehende, schwarze Mutter hat ihren zwei Jahre alten Sohn Micca in zwei Anoraks gepackt. Schon im Morgengrauen hat sie sich mit dem Kind auf den Weg zur National Mall gemacht. Micca soll an diesem historischen Tag dabei sein.
In der Begeisterung über die beginnende Amtszeit des ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten verwischen Klassen- und Rassenunterschiede, zumindest an diesem Tag der Amtseinführung. Die Menschen in der Region Washington sind wie elektrisiert, Einheimische wie Besucher.
Auf dem Flughafen Reagan National Airport herrschte am Vorabend der Amtseinführung eine Atmosphäre wie in einem Riesenzeltlager. Junge und Alte mit Rucksäcken, schwerem Schuhwerk und dicken Mänteln bevölkerten die Terminals. An den Souvenirständen, wo Bilder von Obama mit dunkler Sonnenbrille aufgestellt sind, wie von einem Hollywood- oder Rockstar, drängen sich die Menschen, als gebe es etwas umsonst.
Nicht bei den Feierlichkeiten dabei ist Robert Gates. Der Verteidigungsminister ist ausgewählt worden, um sich an einem geheimen Ort für den Notfall bereit zu halten, gegen den man sich mit enormen Sicherheitsmaßnahmen gewappnet hat. Überall sind Polizei- und Sicherheitskräfte präsent. Hubschrauber kreisen über der Stadt. Man hört Sirenengeheul zwischen den Blechbläsern der Bands, die vor dem Kapitol aufmarschiert sind.
Ständig werden neue Ehrengäste in schwarzen Limousinen vorgefahren. Hollwoodstars wie Steven Spielberg und Dustin Hoffmann sind da. Und natürlich die gesamte Politikprominenz. Amtierende wie ehemalige Regierungs-, Senatoren- und Kongressmitglieder schlagen sich auf die Schultern und schütteln sich die Hand. Colin Powell, Bushs früherer Außenminister, schützt sich mit einem eleganten weiß-grauen Schal gegen die Kälte.
Einträchtig Seite an Seite sind die bisherige und die künftige First Lady erschienen: Laura Bush und Michelle Obama. Die Stimmung ist festlich und fröhlich. Die politischen Differenzen, die drückende Wirtschaftskrise und die Konfliktherde Gaza, Irak und Afghanistan werden vom fröhlichen Geschmetter der Marschkapellen übertönt.
Wer nicht berühmt ist, kommt in einem der Tausenden von Bussen, die aus dem ganzen Land herangerollt sind. Allein dabei zu sein, zählt. In der Menschenmenge zu stehen und darüber zu jubeln, dass erstmals ein Schwarzer amerikanischer Präsident wird. Ich hätte nie gedacht, dass wir das erleben werden. Immer wieder ist dieser Satz zu hören.
Schmerzhaft endete die Ära Bush dagegen für Dick Cheney. Der bisherige Vizepräsident hatte sich einen Muskel im Rücken gezerrt. Das Missgeschick, so wurde berichtet, passierte, als Cheney Umzugskisten schleppte.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS