Von Matthias Rüb, Washington
03. März 2008 Das Pentagon habe ein Erdbeben verursacht, hieß es am Wochenende in Washington. Am Freitag entschied das amerikanische Verteidigungsministerium, den Milliardenauftrag für den Bau der neuen Flotte von Tankerflugzeugen für die amerikanische Luftwaffe einem Konsortium aus dem Europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS und dem amerikanischen Rüstungsunternehmen Northrop Grumman zu erteilen – nicht dem amerikanischen Bewerber Boeing. Die Schockwellen waren schon am Wochenende zu spüren, vor allem in Everett im Bundesstaat Washington, wo Boeing seine Version des Tankflugzeugs bauen wollte. Gut möglich, dass Boeing Protest gegen die Entscheidung zugunsten des europäisch geführten Konsortiums einlegt, dass sich der Streit über das ganze Jahr hinzieht und im kommenden Jahr gar noch den künftigen Präsidenten beschäftigen wird.
In jedem Fall werden die geplanten Tankerflugzeuge im Wahlkampf für die Präsidenten- und Kongresswahlen vom November eine wichtige Rolle spielen. Vorerst geht es um den Bau von zunächst 179 Tankflugzeugen in den kommenden zehn bis 15 Jahren für etwa 40 Milliarden Dollar. Die Flugzeuge sollen von dem Konsortium auf der Basis des Airbus A330 in einem Werk in Mobile im Bundesstaat Alabama montiert werden. Langfristig sollen fast 400 Airbus-Tankflugzeuge gebaut werden. Die sollen die teilweise noch aus den fünfziger und sechziger Jahren stammende Flotte von derzeit 535 Lufttankern auf der Basis von Flugzeugen des Typs Boeing 707 und DC-10 ersetzen. Dies erweitert den Umfang des Auftrags auf bis zu 100 Milliarden Dollar.
Prestigezugewinn gegenüber dem ewigen Konkurrenten Boeing
Der Jubel in Europa über den tollen Auftrag“ (Bundeskanzlerin Merkel) und den historischen Erfolg“ (Präsident Sarkozy) ist also allein schon wegen der vielen Milliarden berechtigt. Hinzu kommt der Prestigezugewinn gegenüber dem ewigen Konkurrenten“ Boeing, der seit mehr als einem halben Jahrhundert auf die lukrativsten Aufträge der Air Force“ gleichsam abonniert war und fest mit dem Auftrag zum Bau der neuen Generation der Tankerflotte gerechnet hatte.
Die Air Force“ ist die Speerspitze der Streitkräfte, die fast in Minutenschnelle an allen Ecken und Enden der Welt einsatzfähig sein muss. Ohne Tankflugzeuge taugen aber die modernsten Jagdbomber nicht, und auch die Langstreckenbomber müssen trotz einer Reichweite von bis zu 11.000 Kilometern in der Luft aufgetankt werden. Ein strategisches Schlüsselgerät wie ein Tankerflugzeug von einem europäisch geführten Konsortium bauen zu lassen ist somit eine nationale Gewissensentscheidung. Deshalb sagte der Chef des Lufttransportkommandos der Air Force“, General Arthur Lichte: Dies wird ein amerikanisches Tankflugzeug mit einer amerikanischen Flagge auf dem Heckflügel sein, geflogen von amerikanischen Piloten, die jeden Tag amerikanische Leben schützen.“
Dies ist ein Schlag gegen die amerikanische Luftfahrtindustrie
Das wollten zunächst nur wenige glauben. Wir sind entsetzt über die Entscheidung, diesen Auftrag für unser amerikanisches Militär an den europäischen Airbus-Konzern und an dessen ausländische Arbeiter zu vergeben“, hieß es in einer Erklärung der Kongressdelegation des Bundesstaates Washington, wo Boeing mehrere Werke hat. Dies ist ein Schlag gegen die amerikanische Luftfahrtindustrie, gegen amerikanische Arbeiter und gegen die Männer und Frauen in der amerikanischen Uniform“, schrieben die mehrheitlich demokratischen Abgeordneten und Senatoren weiter. Dagegen hob der Chef des EADS-Konsortiumspartners Northrop Grumman, Ronald D. Sugar, hervor, dass 60 Prozent der Teile des neuen Airbus-Tankflugzeugs in den Vereinigten Staaten gebaut würden und allein im Werk Mobile 2000 neue Arbeitsplätze, im Bundesstaat Alabama 7000 und in ganz Amerika sogar insgesamt 25.000 neue Jobs geschaffen würden.
Vieles spricht dafür, dass vom verletzten Nationalstolz und vom Outsourcing amerikanischer Arbeitsplätze sogar in Bereichen, welche die nationale Sicherheit berühren, noch viel die Rede sein wird im Wahljahr 2008. Dies könnte sich für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain als brenzlig erweisen. Denn er war es im Wesentlichen, der Anfang 2003 als damaliger Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses des Senats einen faktisch schon geschlossenen Vertrag zwischen dem Pentagon und Boeing zu Fall brachte, weil er dahinter einen süßen Handel“ für Boeing auf Kosten der Steuerzahler vermutete. Danach hätte die Air Force“ für mindestens 23,5 Milliarden Dollar 100 Tankflugzeuge des Typs Boeing 767 zunächst leasen und später für noch mehr Geld kaufen sollen.
Alle Welt sagte einen Sieg Boeings über Airbus voraus
McCains Verdacht sollte sich bald bestätigen, denn es stellte sich heraus, dass die für Waffen- und Ausrüstungsbeschaffung der Luftwaffe zuständige Pentagon-Angestellte Darleen Druyun schon im September 2001 mit dem damaligen Boeing-Finanzchef Michael Sears etwas ausgekungelt hatte, wofür die beiden drei Jahre später zu neun beziehungsweise vier Monaten Gefängnis verurteilt werden sollten. Druyun wurde kurz nach ihrer Pensionierung vom Pentagon im November 2002 für ein Jahresgehalt von 250.000 Dollar von Januar 2003 an von Boeing angestellt. Auch für ihre Tochter und ihren Schwiegersohn hatte sie Jobs bei Boeing ausgehandelt. Nachdem das Ausmaß des Skandals nach und nach ans Licht gekommen war, feuerte Boeing im November 2003 Druyun und Sears, Boeing-Chef Phil Condit trat wegen des Skandals kurz darauf zurück. Boeing musste 615 Millionen Dollar Strafe wegen der Bestechungsaffäre zahlen.
Der Kongress strich im Oktober 2004 die Mittel für das Leasen und den späteren Kauf der Boeing-Tankerflugzeuge, das Pentagon schrieb den Auftrag neu aus. Bis April 2006 legte Boeing ein alt-neues Angebot auf Basis der Boeing 767 vor, es stiegen aber eben auch EADS und Northrop Grumman mit dem A330 in den Ring. Alle Welt sagte einen Sieg Boeings über Airbus voraus, weil Boeing schon seit 70 Jahren Tankflugzeuge für die Air Force“ baut.
Den Ausschlag zugunsten des etwas teureren Angebots von EADS-Northrop gab für die Air Force“ nach Auskunft von Luftwaffen-General Lichte, dass der Airbus mehr Passagiere, mehr Fracht, mehr Kerosin, mehr Verwundete“ transportieren könne. Schon formiert sich unter oppositionellen Demokraten und Gewerkschaften populistischer Widerstand gegen die Entscheidung der Luftwaffe. Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain, der sich gerne als unerschrockenen Kämpfer gegen Vetternwirtschaft und mächtige Industrielobbyisten präsentiert, könnte sich bald als Vernichter amerikanischer Rüstungsjobs angeschwärzt sehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP