Der Weg des Barack Obama

Trittsicher bis zur Schwelle des Weißen Hauses

Von Matthias Rüb, Washington

29. Oktober 2008 Es ist die stoische Ruhe, die Konzentration auf das Wesentliche, die traumwandlerische Sicherheit, das Richtige zu sagen oder gar zu tun. Und es ist wohl auch der Umstand, dass das Glück jenen findet, der es am energischsten sucht. Barack Obama, 47 Jahre alter demokratischer Juniorsenator aus Chicago in Illinois, steht gut vier Jahre nach seiner fulminanten Rede auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten in Boston für den damaligen Präsidentschaftskandidaten John Kerry, mit der er sich auf die nationale politische Bühne katapultierte, selbst an der Schwelle zum Weißen Haus.

Spätestens seit der offiziellen Verkündung seiner Präsidentschaftskandidatur an einem klirrend kalten Wintertag im Februar 2007 vor dem Alten Kapitol in Springfield in Illinois, eigentlich aber schon seit seinem Amtsantritt als Senator am 4. Januar 2005 steht Obama im gleißenden Scheinwerferlicht des überwiegend wohlwollenden, mitunter aber auch misstrauischen bis feindseligen öffentlichen Interesses. Er hat in dieser Zeit keinen einzigen „Aussetzer“ gehabt: keinen sichtbaren Ausdruck der Beunruhigung oder Verunsicherung, keine emotionale Aufwallung wie seine innerparteiliche Konkurrentin Hillary Clinton bei ihrem tränenreichen Kaffeehausgespräch vor der Vorwahl in New Hampshire, keine Verbalausrutscher wie sein ehemaliger Konkurrent bei den Vorwahlen der Demokraten und jetzige Vizepräsidentschaftskandidat Joseph Biden, keine Temperamentsschwankungen und Ungeduldsausbrüche wie sein sichtlich unter Hochspannung stehender politischer Gegner von den Republikanern, John McCain, bei den Fernsehdebatten.

Ein schier unfehlbares taktisches Gespür

Der gemäßigt konservative politische Kommentator David Brooks, der sich sicher ist, dass aus dem gemäßigt konservativen Senator McCain ein ausgezeichneter Präsident werden würde, hat dieser Tage in der „New York Times“ ein bemerkenswertes polit-psychologische Kurzporträt Obamas verfasst. Brooks unterteilt Politiker (und zumal amerikanische Präsidenten) in zwei Kategorien. Die einen würden von einer Verlusterfahrung getrieben: Sie suchen in der Macht Kompensation für etwas, das ihnen meist früh in ihrer Entwicklung abhandengekommen ist oder fortgesetzt vorenthalten wird. Präsident Lyndon B. Johnson etwa habe nach Respekt gestrebt, Bill Clinton nach Bewunderung. Im Weißen Haus, am Ziel ihres Strebens angelangt, müssten sie dann „ihre Dämonen, ihre Unsicherheit und ihr Verlangen kontrollieren“.

Der andere Typus sei von der Erfahrung der Fülle geprägt, von der unausgesprochenen Überzeugung, dass er jede Herausforderung, die das Schicksal für sie und die Nation auch bereithalten möge, meistern und daran zusammen mit seinem Volk weiter wachsen werde. Franklin Delano Roosevelt und Ronald Reagan, die Idealtypen dieser Kategorie, seien bei ihrem Aufstieg von der Gewissheit getrieben worden, dass sie zu ihrem eigenen Frommen und zum Nutzen aller ihr natürliches oder gottgegebenes Potential auszunutzen hätten.

Barack Obama, so Brooks, habe die Biographie des ersten Typus und die Persönlichkeit des zweiten: Aus der kindlichen Mangelerfahrung eines abwesenden Vaters und einer irrlichternden Mutter, die auch an der Verhaltensoberfläche erkennbare Seelenwunden erwarten lasse, sei eine von der Fülle der Selbstgewissheit geprägte Persönlichkeit hervorgegangen. Gerade in der vielleicht entscheidenden Zeit des Wahlkampfes, da Amerika und die Welt von einer historischen Finanzkrise geschüttelt wurden und McCain seinen Wahlkampf bald unterbrach, bald intensivierte, diesen und jenen Vorschlag machte, strahlte Obama präsidiale Ruhe und Selbstgewissheit aus, als würfen die turbulenten Ereignisse genau jene Fragen auf, auf welche er die Antworten seit je parat habe. Man muss vielleicht nicht gleich mit Brooks davon sprechen, Obama verfüge über das „organisierte Unterbewusstsein einer Selbstregulierungsmaschine“, um diese erstaunliche Willensleistung und das schier unfehlbare taktische Gespür zu beschreiben.

Eine Leerstelle unerfüllter Träume

Es ist ein sonderbarer, auch sprechender Zufall, dass die Autobiographien der beiden Präsidentschaftskandidaten des Jahres 2008 ganz ähnliche Titel tragen. John McCain verneigt sich in seinem 1999, im Alter von immerhin 63 Jahren verfassten Erinnerungsbuch vor dem „Faith of My Fathers“: Er teilt den (patriotischen) Glauben und die Überzeugungen des Vaters und des Großvaters, die beide gleichsam überlebensgroße Figuren und Admiräle der Kriegsmarine waren. Barack Obama schrieb seine Lebensgeschichte mit dem Titel „Dreams from My Father“ 1995 im Alter von gerade einmal 34 Jahren. In dem Erinnerungsbuch, das nach Obamas ursprünglichen Plänen eine Reflektion über die Lage der Schwarzen in Amerika drei Jahrzehnte nach den Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung und über seine eigene Identität als aufstrebender schwarzer Politiker hätte werden sollen, kommt der aus Kenia stammende Vater gerade nicht vor - oder allenfalls als Leerstelle unerfüllter Träume.

Über die Zeit, da Obama gemeinsam mit der Mutter bei den Großeltern mütterlicherseits auf der als paradiesisch empfundenen Pazifikinsel Hawaii lebt, schreibt Obama lapidar: „Es gab nur ein Problem: Mein Vater hat gefehlt.“ Immer präsent war dagegen die heute 85 Jahre alte und derzeit schwer kranke Großmutter, die Obama am vergangenen Wochenende besuchte - in der Sorge, es könne seine letzte Reise zu ihr sein.

Seine Suche nach Identität führte Obama auf manche Umwege

Selbst für amerikanische Verhältnisse ist Obama eine besondere Fusion von Einflüssen. Sein Vater war ein ambitionierter Austauschstudent aus Kenia, der sich an der Universität von Hawaii in eine junge Weiße aus Kansas verliebte. Am 4. August 1961 wurde Barack Hussein Obama in Hawaii geboren. Sein Vorname bedeutet „Von Gott gesegnet“ in der Sprache der Luo. Die Ehe der Eltern hielt nicht lange, und im Alter von vier Jahren kam Barack Obama mit seiner Mutter nach Jakarta, wohin die junge Frau ihrem zweiten Mann, einem indonesischen Austauschstudenten und späteren Ölmanager, folgte. Dort wuchs Barack Obama auf, und in seinem Buch schreibt er, niemand könne dort leben, ohne bleibende Einflüsse aus dieser muslimisch geprägten Metropole mitzunehmen.

Im Alter von zehn Jahren kam Obama zurück nach Hawaii, lebte bei seinen Großeltern und schloss die Schule ab. Seine Suche nach Identität - als Schwarzer, frisch aus Asien kommend, in einem weißen Großelternhaus - führte ihn auf manche Umwege, auch zu Marihuana und zu Kokain, wie er zugibt: „Es passiert. Es passiert vielen jungen Leuten“, sagt Obama heute, „aber ich habe aus meinen Fehlern gelernt und bin weitergegangen.“ Und zwar zum Jurastudium an die Universitäten Columbia und Harvard, wo er der erste schwarze Chefredakteur der renommierten „Harvard Law Review“ wurde. Statt die gutdotierten Angebote bekannter Anwaltskanzleien anzunehmen, wurde er ein Kleine-Leute-Anwalt und Sozialarbeiter in einem Mittelstandsviertel von Chicago, wo er, als Praktikant in einer Anwaltskanzlei, auch seine spätere Frau Michelle kennenlernte und 1992 heiratete. Die beiden Töchter Malia und Sasha wurden 1998 und 2001 geboren.

Das Drehbuch seiner Laufbahn schrieb er selbst

Freunde und Förderer, die früh das politische Talent Obamas erkannten, drängten ihn, sich um ein öffentliches Amt zu bewerben, und schon beim ersten Anlauf wurde Obama 1996 in den Senat von Illinois gewählt. In seiner siebenjährigen Amtszeit hat er sich dort viele Freunde auf beiden Seiten des politischen Spektrums gemacht und achtete sorgsam darauf, sich in strittigen Fragen nicht festzulegen.

Zu jener Zeit spielte Jeremiah Wright, der temperamentvolle und von der schwarzen Befreiungstheologie beseelte Pastor der „Trinity United Church of Christ“, eine bedeutende Rolle nicht nur im spirtuellen Leben Obamas, sondern auch als eine Art Steigbügelhalter für die politische Karriere des jungen und immens ehrgeizigen Politikers. Doch später trennte sich Obama von Wright, nachdem dessen antiamerikanische Ausfälle bekanntgeworden waren und dieser mithin keinen Platz mehr haben konnte in dem Drehbuch, das Obama für sein Leben und seine Laufbahn selbst zu verfassen schien. „Politiker sagen, was sie sagen, und tun, was sie tun, mit Blick auf ihre Wählbarkeit, sie richten sich nach Wortschnipseln und nach Umfrageergebnissen“, wetterte Wright später über seinen verlorenen Ziehsohn. Auf die Frage seiner Halbschwester, die ihn zu jener Zeit in Chicago besuchte, für wen er die Sozialarbeit und die politische Arbeit mache, antwortete Obama nach eigener Auskunft mit einem unschlüssigen Schulterzucken und sagte: „Ich tue es für die anderen. Und für mich.“

Einer, der schon länger im politischen Geschäft ist als Obama und bald seinen Abschied nimmt, sagte dem jungen und frischgewählten Senator in einem vertraulichen Gespräch eine „leuchtende Zukunft“ voraus. Obama berichtet über die Begebenheit in seinem zweiten Buch „The Audacity of Hope“ (Hoffnung wagen) von 2006, das schon ganz im Jargon eines Politikers geschrieben ist und nur noch an wenigen Stellen die stilistische Brillanz, die Selbsterkenntnis und Selbstdistanz des ersten Buches durchblitzen lässt. „Wer wie Sie eine Menge Aufmerksamkeit erregt, wird irgendwann unter Beschuss kommen. ... Alle werden auf einen Ausrutscher warten, verstehen Sie, was ich meine? Also passen Sie gut auf sich auf.“ Das Gespräch fand im Weißen Haus statt. Der Rat kam von George W. Bush. Bisher hat sich Obama penibel daran gehalten.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, Reuters

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