Von Matthias Rüb, Washington
06. Mai 2008 Wieder ein Endspiel - oder doch eine wichtige Vorentscheidung zwischen Hillary Clinton und Barack Obama. Rein rechnerisch geht es an diesem Dienstag in zwei weiteren Vorwahlen zwar lediglich um 218 Delegiertenstimmen für den Nominierungsparteitag der Demokraten: 84 werden im Bundesstaat Indiana vergeben, 134 sind es in North Carolina. Bedeutend aber wird die Trendentwicklung sein: Bleibt der von Rückschlägen gezeichnete Obama schwach, holt Hillary Clinton weiter auf? Oder zeigt der wankende Favorit, dass er seine innerparteiliche Konkurrentin wieder in Schach halten kann?
Keiner der Kandidaten wird schon am Wahlabend die Nominierung zum Herausforderer des Republikaners John McCain sicher haben. Denn nach der jüngsten Zählung (der Nachrichtenagentur AP) braucht Frau Clinton noch 423 Delegierte, um die Schwelle von 2025 erforderlichen Stimmen beim Nominierungsparteitag zu überschreiten; derzeit hat sie 1334 gewählte Delegierte und 268 Superdelegierte, also zusammen 1602 Stimmen. Obama steht derzeit bei insgesamt 1736 Delegiertenstimmen, davon 1488 gewählte Delegierte mit imperativem Mandat und 248 dank ihrer Parteifunktion oder wegen eines gewählten Amtes zur National Convention nach Denver entsandte Superdelegierte, die in ihrer Entscheidung für einen Kandidaten an kein Wählervotum gebunden sind.
Selbst verursachtes Chaos
Obwohl also klar ist, dass der epische Kampf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur auch in den bis zum 3. Juni noch ausstehenden acht Vorwahlen nicht durch gewählte Delegierte entschieden werden kann, dürften die Abstimmungen von diesem Dienstag schicksalsträchtig sein. Gewinnt Barack Obama beide Staaten, ist ihm die Nominierung faktisch nicht mehr zu nehmen. Gewinnt dagegen Hillary Clinton neben Indiana auch North Carolina, dann hat sie mehr als theoretische Chancen, Obama doch noch einzuholen. Gibt es einen unentschiedenen Wahltag mit jeweils einem Gewinn und einer Niederlage für beide, dann geht das Ringen mit unverminderter Härte weiter.
Hillary Clinton hat nach jüngsten Umfragen deutlich bessere Chancen, in Indiana zu gewinnen. Dort sind gut 85 Prozent der 6,3 Millionen Einwohner Weiße, Schwarze stellen 9,4 Prozent und Latinos 4,5 Prozent der Einwohner. Hinzu kommt, dass die Vorwahlen in Indiana offen sind, das bedeutet, dass auch Republikaner und Unabhängige an der Abstimmung bei den Demokraten teilnehmen dürfen, selbst wenn sie bei den Präsidentenwahlen am 4. November wieder republikanisch stimmen wollen. Der konservative Radiomoderator Rush Limbaugh betreibt seit Monaten eine Kampagne, um möglichst viele Anhänger der Republikaner - die ihren eigenen Kandidaten McCain ja schon gekürt haben - zur Teilnahme an offenen Vorwahlen bei der Konkurrenz zu bewegen. Ziel ist es, das von den Demokraten selbst verursachte Chaos zu vertiefen - deshalb sollen nach Limbaughs Theorie möglichst viele Republikaner bei Vorwahlen der Demokraten für Frau Clinton stimmen, damit das Rennen länger offen bleibt und die zerstrittene Partei weiter Schaden nimmt.
Ein politisches Erdbeben ist möglich
Entscheidend wird in Indiana wie auch in North Carolina sein, wie die unabhängigen und zentristischen Wähler auf die späte Trennung Obamas von seinem umstrittenen Pastor Jeremiah Wright reagieren, nachdem dieser seine von vielen als empörend empfundenen anti-amerikanischen, tendenziell rassistischen Verschwörungstheorien öffentlich bekräftigt hatte.
In North Carolina, wo 22,3 Prozent der gut acht Millionen Einwohner Schwarze sind, die zu 90 Prozent für Obama stimmen dürften, während der Anteil der Weißen bei 69 Prozent und jener der Latinos bei sechs Prozent liegt, scheint Obama seinen vor Wochen noch zweistelligen Vorsprung auf Clinton fast vollständig eingebüßt zu haben. Die Vorwahlen in dem Südstaat sind halboffen, es dürfen als Unabhängige registrierte Wähler bei der Vorausscheidung der Demokraten abstimmen, nicht aber Republikaner. Der frühere Präsident Bill Clinton hat im ländlichen North Carolina unermüdlich für seine Frau Wahlkampf gerade unter jenen zentristisch-patriotischen (weißen) kleinen Leuten gemacht, die Obama im April mit herablassenden Äußerungen über deren vorgebliche Bitterkeit vor den Kopf gestoßen und Frau Clinton in die Arme getrieben hatte. Ein Überraschungssieg Frau Clintons in North Carolina wäre ein politisches Erdbeben, das Obamas Kandidatur bis in die Fundamente erschüttern würde.
Wie der Cowboy Bush
Thematisch standen Iran und der Benzinpreis im Mittelpunkt des Wahlkampfes. Frau Clinton bekräftigte ihre Drohung mit härtesten Vergeltungsmaßnahmen bis hin zur Auslöschung Irans gegen die Mullahs in Teheran, sollten diese den amerikanischen Verbündeten Israel (mit Nuklearwaffen) angreifen. Sie blieb bei ihrer Forderung nach einer vorübergehenden Suspendierung der Kraftstoffsteuer im Sommer. Obama kritisierte, Frau Clinton spreche in der Iran-Politik wie der Cowboy Bush, und wies die temporäre Steuerfreiheit von Kraftstoff als populistische Bauernfängerei zurück. In Pennsylvania hatte Frau Clinton nach einem mit ähnlichen Argumenten geführten Wahlkampf Obama mit fast zehn Prozentpunkten überflügelt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
