Amerikanischer Wahlkampf

Danke für die Frage, du Depp

Von Jordan Mejias, New York

Facebook ist eines der Social Networks

Facebook ist eines der Social Networks

27. Oktober 2008 Politiker haben keine Freunde. Facebook, die Website, auf der auch sie sich längst in soziale Netzwerke einweben, billigt ihnen statt Freunden lediglich Befürworter zu. Diese aber verwandeln sich, haben sie erst einmal ihren Befürworterstatus erreicht, in Unterstützer und schließlich in Fans. Was ganz automatisch vor sich geht, nach einem ersten Mausklick.

Ich bin jetzt Fan von Barack Obama, wie 2.215.848 andere Nutzer auch. Bis ich nachgelesen und mir angesehen habe, was diese Fans so alles auf Obamas Pinnwand und ihren eigenen Profilseiten in Form von Notizen, Fotos und Videos hinterlassen, werden es garantiert noch viel mehr und der aktuelle Wahlkampf und der nächste und übernächste schon vorbei sein.

The Fugees und Martin Luther King

Ich will mich darum nicht verzetteln und zunächst nur in Erfahrung bringen, was Obama mitzuteilen hat. Seine Profilseite ist ja nur eine unter hundertzehn Millionen, und von ihnen unterscheidet sie sich grundsätzlich nicht. Dass er männlichen Geschlechts und verheiratet ist, nämlich mit Michelle, sowie seine religiösen Ansichten als christlich bezeichnet, ist keine Neuigkeit. Ich weiß sogar, dass er zwei Kinder hat, auch wenn er sie in Facebook nicht erwähnt. Oder vielleicht doch. Denn unter seinen Interessen verzeichnet er Basketball, Schreiben und „m. Kindern herumhängen“. Seine Lieblingsmusiker heißen Miles Davis, John Coltrane, Bob Dylan, Stevie Wonder, Johann Sebastian Bach, von dem er besonders die Cello-Suiten schätzt, und The Fugees. Letztere haben, obwohl Obama sie gleich nach Bach aufführt, mit Hip-Hop mehr zu tun als mit Fugen.

Als seine Lieblingsfilme gibt Obama „Casablanca“, „Der Pate I und II“, „Lawrence von Arabien“ und „Einer flog über das Kuckucksnest“ an. Als seine Lieblingsbücher Toni Morrisons „Song of Salomon“, „Moby Dick“, Shakespeares Tragödien, Taylor Branchs Studie über die Bürgerrechtsbewegung „Parting the Waters“, Marilynne Robinsons kontemplativen Roman „Gilead“, die Bibel, Ralph Waldo Emersons Essay über die Eigenständigkeit und Abraham Lincolns gesammelte Schriften. Als Lieblingsfernsehserie nur „Sportcenter“. Als Lieblingszitat Martin Luther Kings „Der Bogen des moralischen Universums ist lang, aber er neigt sich der Gerechtigkeit entgegen“. Alles in allem keine verblüffende, aber bedachte und breitangelegte Auswahl. Ich bin froh, dass ich ein Fan geworden bin.

Mehr Abwechslung als jede offizielle Rede

Etwas enttäuschend sind dagegen seine Lieblingsseiten. Da beschränkt er sich auf Eigenwerbung, von „Frauen für Obama“ über „Latinos für Obama“ bis „Veteranen und Militärfamilien für Obama“. In diesem eigennützigen Sinne geht es wahlzielstrebig weiter. So reiht sich in der „You Tube Box“ zwar ein Videoclip an den anderen, aber wenn sie nicht Ausschnitte aus Obamas Reden zeigen, ermuntern sie zur Mitarbeit im Wahlkampf.

Auch die Rubriken „Notizen“, „Fotos“, „Gepostete Beiträge“ und „Kurzmeldungen“ sind allein dazu da, Stimmung für den Kandidaten zu machen. Der postet, wie es unter Nutzern heißt, zwischendurch einen Link, ein Video, eine Notiz, eine Nachricht und hängt meist auch noch die Bitte dran, ein paar Dollar zu spenden. Trotzdem fühle ich mich nicht von Obamas Auftritt angesprochen. Und mit seinen Notizenschreibern und Internetvertretern will ich weder chatten noch mailen. In einem öffentlichen, zugleich aber intimen Medium wie dem Internet werfen so viel Delegierungsmethoden gewisse Authentizitätsprobleme auf.

Gott sei Dank gibt es noch die Pinnwand. Rund eine halbe Million Einträge sind auf ihr zu finden. Alles bloß Hommagen an Obama? Mitnichten. Es geht manchmal heiß her zwischen Fans und jenen, die nur so heißen und sich, wie es scheint, subversiv eingeschlichen haben. Es wäre keine Überraschung, wenn sich hinter einigen besonders kritischen Nutzern Wahlkämpfer der Gegenpartei versteckten. Jedenfalls bietet die Pinnwand viel mehr Abwechslung als jede offizielle Rede und Debatte.

Jenes Ding namens Computer

Haben sich deswegen Facebook und andere Websites wie YouTube und MySpace von Geheimwaffen in allseits bekannte und benutzte und am Ende womöglich entscheidende Wahlkampfinstrumente verwandelt? Wer glaubt, darauf eine Antwort liefern zu können, ist ein Spekulant. Junge potentielle Wähler sind im Internet sicher leichter aufzutreiben als anderswo, und schon die beeindruckende, stetig steigende Zahl der Nutzer legt nahe, dass sich da ein engagiertes, interessiertes Publikum zu versammeln pflegt. Aber ob aus Nutzern Wähler werden, die den altmodischen Urnengang absolvieren, ist eine andere Frage.

Dennoch ist selbst der technologisch nicht ganz so gewiefte John McCain bei Facebook anzutreffen, und auch bei ihm habe ich mich, schon um der Ausgewogenheit willen, als Fan angemeldet. McCain hat eingestanden, erst noch lernen zu müssen, wie jenes Ding namens Computer zu bedienen sei. Seine Profilseite sieht dementsprechend aus. Gut, er musste sie bestimmt nicht eigenhändig bauen, aber auch seine Computerfachleute geben sich konzeptuell konservativ. Die Website des Republikaners vermeidet das Facebookspezifische, sie betreibt nicht unverhohlen Wahlkampf, etwa mit Werbeclips, die auch im Fernsehen laufen.

Als Kulturmensch schemenhaft

Im Gegensatz zu Obama ist McCain viel seltener zu hören, und wenn er zu hören ist, versucht er die Internetjugend zum Beispiel mit seiner denkwürdigen, hoffentlich humoristisch gemeinten Antwort zu erreichen, die er einem jungen Fragesteller entgegenschleuderte: „Danke für die Frage, du kleiner Depp!“ Was kann es da verwundern, dass er, nach vorläufig letzter Zwischenzählung, gerade auf 588.642 Fans kommt.

Mit seinen Privatinformationen geht McCain noch sparsamer um als Obama. Seine politische Einstellung, lesen wir, ist konservativ. Unter „Religiöse Ansichten“ steht geschrieben: North Phoenix Baptist Church. Wer darüber mehr wissen möchte, muss googeln. Wie Obama schaut sich McCain gern Basketballspiele an, kann sich zudem für Sport im Allgemeinen und für Baseball, Football, Boxen, Angeln, Wandern und Geschichte im Besonderen begeistern. Seine Lieblingsfilme heißen „Viva Zapata“, „Letters from Iwo Jima“ und „Some Like It Hot“. Ein einziges Lieblingsbuch hat er zu bieten: Hemingways „Wem die Stunde schlägt“. Immerhin bekennt er sich zu zwei Lieblingsfernsehsendungen: „24“ und „Seinfeld“. Als Kulturmensch bleiben seine Umrisse also durchaus schemenhaft.

Spielend aber macht er das mit seiner beruflichen Vita wett. Chronologisch recht verquer, informiert er uns über seine lange Zeit in Washington als Abgeordneter und Senator, über die Stationen seiner militärischen Karriere, die er in der Navy als Captain, Squadron Commander und Pilot durchlief, und über die dazugehörenden Orden: Silver Star, Bronze Star, Legion of Merit, Purple Heart, Distinguished Flying Cross. Ob das die Phantasie der Facebook-Gemeinde beflügelt?

Freie Fahrt für Obama

Auch das Videoangebot, das sich im Wesentlichen mit Werbeclips und leicht angestaubten Ausschnitten aus Nachrichtensendungen begnügt, will keine Begeisterungsstürme auslösen, und die Pinnwand, auf der sich McCains Fans bisweilen rabiat austoben, hinkt mit 113.422 Nutzern weit hinter der von Obama hinterher. McCain aber hat „Pork Invaders“, das eigens entwickelte Videospiel. Es soll Washingtons Ausgaben für ausgabenunwürdige Projekte anprangern: mit rosaroten Schweinchen, die mit einem Veto abzufeuern sind.

Wer gewinnt, wird als Belohnung erfahren, dass Obama die Steuergelder verprasse, McCain indes äußerst sparsam mit ihnen umgehe. Wer hätte das gedacht! Zu allem Unglück beschwört das Spiel durch Grafik und Mechanik auch noch die Urgeschichte des Internets herauf. Oder soll es die Nutzer mittels Retrolook ins republikanische Lager hinüberlocken? Statt Lösungen anzubieten, gibt die Invasion der rosaroten Schweinchen manch Rätsel auf.

Weniger rätselhaft als bemerkenswert ist der große Spielraum, den McCain seiner Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin einräumt. Während er zurückhaltend lächelt, droht sie neben ihm den nächsten Nutzer zähnebleckend zu verschlingen. Die gesamte Website aber erweckt den Eindruck, als verdanke sie ihre Existenz nur der widerwilligen Einsicht, dass ein Wahlkampf ohne Mitwirkung des Internets nicht mehr zeitgemäß ist. An seine sozialen Netzwerke und ihre wahlpolitische Wirksamkeit scheint bei McCain jedoch niemand zu glauben. Deshalb freie Fahrt für Obama. Wären für die Wahl nur Facebook-Nutzer zugelassen, gäbe es keine Frage, wie der neue Präsident heißen müsste. Am 4. November aber werden auch Leute wählen, die nie einen Computer berührt haben.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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