Vorwahlkampf in Amerika

Episch, historisch, einzigartig

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Der Kandidat der Demokraten: Barack Obama in der letzten Vowahlnacht

Der Kandidat der Demokraten: Barack Obama in der letzten Vowahlnacht

04. Juni 2008 Wie oft hat man in den vergangenen fünf Monaten diese Attribute schon gehört: episch, historisch, einzigartig. Aber der Vorwahlwahlkampf in den Vereinigten Staaten, der vor fünf Monaten im winterlichen Iowa begonnen hatte und jetzt in der amerikanischen Prärie zu Ende gegangen ist, war genau das: einzigartig. Episch war der Kampf, den die Senatoren Clinton und Obama gegeneinander geführt hatten, historisch ist sein Ergebnis: Erstmals in der Geschichte Amerikas gibt es einen schwarzen Kandidaten, der mehr als gute, vielleicht sogar sehr gute Chancen hat, Präsident dieses Landes zu werden - eines Landes, das ungeachtet aller Beschädigungen noch immer eine Supermacht ist.

Noch ist es zwar nicht offiziell, aber daran, dass Barack Obama Kandidat der Demokratischen Partei wird, dürfte nicht mehr zu rütteln sein. Hillary Clinton hat ihre Niederlage noch nicht eingestanden. Aber die Art und Weise, wie sie am Abend nach den beiden letzten Vorwahlen zu ihren Anhängern sprach, und auch was sie sagte, lassen keinen anderen Schluss zu: Es ist nicht mehr als eine Frage von Tagen, bis sie ihren Anspruch auf das Weiße Haus aufgibt.

Zerronnene Gewissheiten

Wer hätte das vor einem Jahr gedacht? Damals, als der junge schwarze Senator aus Illinois seine Bewerbung mit großer Ungeduld vorantrieb und die Frau des ehemaligen Präsidenten Clinton früh aus der Reserve der gemächlich-selbstsicheren Vorbereitung lockte? Vor einem Jahr war es eine Binsenweisheit, dass Hillary Clinton die Kandidatur nicht zu nehmen sei, dass nicht ein einziger ihrer parteiinternen Konkurrenten das Zeug habe, sie von der Spitze zu verdrängen.

Es waren die Inspiration, die Rhetorik des Wandels und die persönliche Mobilisierungskraft Barack Obamas, die das schafften. Unabhängig vom Ausgang des Hauptkampfes im Herbst ist es sein bleibendes Verdienst, dass er viele jener Wähler dazu gebracht hat, sich an diesem uramerikanischen Ausleseprozess zu beteiligen, die der Politik bislang fern standen und für sie nur Zynismus übrig hatten. Dass darunter viele schwarze Wähler sind, bedarf keiner weiteren Erklärung.

Der Faktor „Rasse“

Zwei Fragen stellen sich nun nach der Vorentscheidung: Was will Frau Clinton, welches Amt strebt sie an? Und wie entscheidend ist die Hautfarbe des Kandidaten wirklich? Genauer: Welches elektorale Gewicht hat der Faktor „Rasse“ in der Wahlkabine?

Was die Ambitionen Frau Clintons anbelangt, so nimmt sich die Aussicht einer Vizepräsidentschaftskandidatur in der Kombination mit dem schwarzen Obama zumindest vordergründig verlockend aus: Sie könnte ihre Stärken dort für die Demokraten einbringen, wo Obama Defizite hat: in der weißen Arbeiterschaft, bei den Latinos, vor allem unter den älteren weißen Frauen. Von denen haben viele schon gesagt, sie würden an der Präsidentenwahl im November nicht teilnehmen, sollte nicht Frau Clinton das „Ticket“ anführen. Diese Reserviertheit und Verweigerung würden vermutlich hinfällig, träten die beiden Konkurrenten gemeinsam an.

Nicht einer, sondern zwei Vizepräsidenten?

Auf der anderen Seite fällt es schwer zu glauben, dass Frau Clinton ihren Ehrgeiz im Zaume halten könnte und sich mit dem Posten des Vizepräsidenten(-Kandidaten) zufrieden gäbe. Es gibt zwar Beispiele in der Geschichte, die zeigen, dass ein Vizepräsident durchaus einflussreich sein kann - Vizepräsident Cheney war ist das beste -, aber in der Regel sind Vizepräsidenten oft nicht mehr als Dekor; sie werden zur Beerdigung ausländischer Staatsmänner geschickt, sie müssen bereitstehen für den Fall des Falles.

Und würde es Obama wirklich gefallen, nicht nur einen, sondern gleich zwei Vizepräsidenten in nächster Nähe zu wissen? Es gibt schließlich auch noch Bill Clinton. Und es war diese Vorstellung, dass eine Präsidentin Hillary Clinton es mit einem besserwisserischen „Aufsichtsratsvorsitzenden“ Bill Clinton zu tun haben werde, welche auf nicht wenige Vorwähler abschreckend wirkte, ganz unabhängig von der dynastischen Perspektive. Frau Clinton will Macht, und Herr Clinton sucht das Rampenlicht.

Polarisiertes Land

Der andere Punkt ist Obamas Hautfarbe, darum man muss nicht herumreden. Es gibt viele Wähler, die ihn genau deswegen nicht wählen werden, vor allem im Süden der Vereinigten Staaten, aber auch anderswo, mögen diese Leute auch jetzt das Gegenteil beteuern. Wie viele werden das sein? Deren Gewicht werden auch die vielen schwarzen Wähler nicht neutralisieren können, die erstmal zur Wahl gehen werden. Amerika ist, in Teilen zumindest, ein polarisiertes Land, und auch ein Barack Obama wird nicht das Wunder der Spontanheilung vollbringen.

In jedem Fall haben die Amerikaner am 4. November eine klare Wahl: zwischen einem linksliberalen, jungen Demokraten, dessen Beschwörung des Wandels viele von ihnen in den vergangenen Monaten begeistert hat und der gegen die Fortsetzung der amerikanischen Präsenz im Irak ist, und einem konservativen, aber unorthodoxen Republikaner, der ein Befürworter des Irak-Kriegs war und ist und am Wahltag 72 Jahre alt sein wird.

Eine klare Wahl

Dass John McCain überhaupt wettwerbsfähig ist und alle Prognosen einen knappen Wahlausgang voraussagen, ist überhaupt die große Überraschung dieser Wahlsaison. Schließlich sollte man meinen, dass wegen der Unpopularität des George W. Bush und seiner Innen- und Außenpolitik ein Republikaner sich gar nicht erst zu bewerben brauchte. Dies ist offenkundig nicht so. McCain wird die vage, oft inhaltsleere und gelegentliche penetrante Wechsel-Rhetorik Obamas zerzausen wollen und ihn als Sicherheitsrisiko darstellen; Obama wird versuchen, McCain als Fortsetzung Bushs zu diskreditieren. Die Amerikaner haben die Wahl. Eine klarere Alternative gibt es vermutlich nicht.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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