Von Matthias Rüb, Washington
06. März 2008 Hillary Clinton hat nach den großen Schlachten des ersten Superdienstag am 5. Februar auch die des zweiten, kleineren Superdienstags am 4. März gewonnen. Damit ist es ihr abermals gelungen, eine schon totgesagte Wahlkampagne wiederzubeleben - aber ihre Etappensiege haben nur das Patt bestätigt. Denn dank seiner zahlreichen Siege in kleineren Bundesstaaten zwischen dem ersten und dem zweiten Superdienstag führt Barack Obama weiter nach der Gesamtzahl der vergebenen Delegiertenstimmen, ohne dass er sich freilich absetzen konnte. Obamas Vorsprung wächst nicht und schrumpft nicht.
Selbst wenn einer der beiden Kandidaten, was nach Lage der Dinge gegenwärtig unwahrscheinlich ist, bei allen verbleibenden Vorwahlen jeweils 60 Prozent der Stimmen erringt, wird er oder sie es nicht über die magische Marke von 2025 Delegiertenstimmen schaffen, die zur Nominierung beim Parteitag Ende August in Denver (Colorado) nötig sind.
Schlacht um die Seele der Partei
Auch die Loyalitäten der Wählergruppen zu den beiden Kandidaten, die in den vergangenen Wochen in Bewegung zu geraten schienen, sind wieder festgefroren: Die Jungen, die besserverdienenden Weißen mit Hochschulausbildung sowie die Schwarzen stehen zu Obama, während die Älteren - vor allem ältere Frauen -, die Mittelschicht der Arbeiter und Angestellten sowie die Latinos treu zu Frau Clinton stehen. Es bleibt also dabei, dass es die knapp 800 durch ihre Ämter zur Teilnahme an der National Convention berechtigten Superdelegierten sein werden, also Kongressmitglieder, Parteifunktionäre und sonstige Größen der Partei, die letztlich über die Nominierung entscheiden.
Die Wahlkampfteams beider Senatoren versuchen jeweils mit ihren eigenen, in sich stimmigen Argumentationslinien die Schlacht um die Seele der Partei zu gewinnen. David Axelrod, Kampagnenchef Obamas, wies darauf hin, dass Obama weiter über die Mehrzahl der Delegiertenstimmen mit imperativem Mandat der Wähler und auch über die Mehrheit der abgegebenen Wählerstimmen verfüge. Aus Frau Clintons Lager heißt es, Obama habe in den demokratischen Vorauswahlen keinen einzigen jener bevölkerungsreichen Schlachtfeldstaaten für sich entscheiden können, in welchen im November dann die Präsidentenwahl gegen den Republikaner John McCain entschieden wird.
Überflüssige Platitüde
Tatsächlich hat die Senatorin aus New York nicht nur die Primary in ihrem Heimatstaat gewonnen, sondern auch noch jene in Kalifornien und in Texas sowie in den zwischen Demokraten und Republikanern am härtesten umkämpften Staaten Florida und Ohio, wo George W. Bush in den Jahren 2000 und 2004 die entscheidenden republikanischen Siege erringen konnte. Wer in diesen großen Staaten schon in den Vorwahlen nicht zu gewinnen vermöge, der könne sie auch beim Duell gegen McCain um das Weiße Haus nicht erobern.
Beide Standpunkte sind mit guten Argumenten unterfüttert. Da es zudem keine entscheidenden weltanschaulichen Unterschiede in den Positionen der Kandidaten zu den wichtigsten Fragen des Wahlkampfes gibt - von der Steuer- und Wirtschaftspolitik über die Gesundheits- und Bildungspolitik bis zur Außen- und Sicherheitspolitik sind sich Frau Clinton und Obama im wesentlich einig -, wird in den kommenden Wochen der schon jetzt tobende Charakterkampf verschärft werden.
Möglicherweise spielt die Zeit jetzt nicht mehr für Obama. Mit ihren spektakulären Comebacks von New Hampshire am 8. Januar sowie an den beiden Super-Dienstagen vom 5. Februar und 4. März hat Hillary Clinton Stehvermögen bewiesen; sie genießt zudem wachsenden Respekt für ihre Willensstärke und Energieleistung. Zudem entdecken die Medien jetzt Seiten des Jungstar Obama aus Illinois, die nicht so strahlend gut aussehen. So gibt es zweifelhafte Immobiliengeschäfte mit dem politischen Insider und Spendensammler aus Chicago, Tony Rezko, gegen den dieser Tage ein Gerichtsverfahren wegen Betrugs beginnt. Bei seiner letzten Rede vor den Vorwahlen in Texas, in der Nacht zum Dienstag vor einer begeisterten Menge in Houston, sagte Obama wie bei früheren Reden abermals: Ich bin nicht perfekt.
Das ist nicht nur eine überflüssige Platitüde, weil selbstredend kein Mensch perfekt ist, sondern kann als Zeichen verstanden werden, dass dem 46 Jahre alten Senator sein raketenhafter Aufstieg doch allmählich zu Kopfe steigt: Nur wer glaubt, immerhin annähernd perfekt zu sein, kommt überhaupt auf die Idee, zu versichern, er sei es nicht. Die gemeinsamen Auftritte Barack Obamas mit seiner Frau Michelle gemahnen zudem immer mehr an monarchische Veranstaltungen: Der Prinz und seine Prinzessin halten Hof. Dagegen wirken Hillary und Bill Clinton fast schon wie Politmalocher im Blaumann, denen man die schwere Schufterei deutlich ansieht und die vom jahrelangen Umgang mit gefährlichen Substanzen, mit denen sie ihre politischen Gegner zu vergiften pflegen, längst selber angegriffen sind.
Schwadronierender Grünschnabel
Der zugleich garstigste und vielleicht wirksamste Werbespot im Fernsehen vor den Wahlen in Texas und Ohio (sowie in Rhode Island und Vermont) vom Dienstag war jener des Teams Clinton, der schlummernde Kinder in ihren Bettchen zeigte, während man es irgendwo läuten hörte. Ein sonore Männerstimme sagte sodann aus dem Hintergrund sinngemäß, wenn nachts um drei im Weißen Haus das Telefon klingele und eine Weltkrise am Apparat sei, dann müsse jemand mit Erfahrung den Hörer in der Hand haben. In ihrer Siegesrede in der Nacht zum Mittwoch nahm Frau Clinton das Motiv wieder auf, Obama als schwadronierenden Grünschnabel hinzustellen: In solchen Fällen, sagte Frau Clinton, sei keine Zeit für schöne Reden - und für ein sicherheitspolitisches Praktikum vor einer allfälligen Entscheidung auch nicht. Sie aber, so die frühere First Lady, habe mehr als 80 Länder bereist, kenne mithin die Welt und viele ihrer Mächtigen.
Obamas Gegenargumente, den Job im Weißen Haus übernehme noch jeder unvorbereitet, weil er eben einzigartig sei, zudem habe Frau Clinton bisher ebenso wenig ein Regierungsamt bekleidet wie er, sind zwar stimmig. Aber ein Schutzschild gegen die Charakterattacken waren Argumente zur Sache noch nie. Zwei Monate nach dem Auftakt zur Vorwahlsaison vom 3. Januar in Iowa, nach einem erbitterten, auszehrenden und teuren Wahlkampf stehen die Demokraten bei der Kandidatensuche wieder am Anfang. Niemand weiß, wer gewinnen wird. Aber man darf damit rechnen, dass die Kampagne in den kommenden Wochen nicht schöner und versöhnlicher werden wird.
Text: F.A.Z., 06.03.2008, Nr. 56 / Seite 3
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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