Von Matthias Rüb, Washington
24. April 2008 Die Programme Hillary Clintons und Barack Obamas ähneln sich in vielem. Darum geht es im schier unendlichen innerparteilichen Wahlkampf vor allem um Charaktereigenschaften und Erfahrung - beste Zutaten für eine anhaltende Schlammschlacht.
In der Außen- und Sicherheitspolitik ist Clinton als Falke eine eher zentristische Kandidatin, die am Tag ihres Pennsylvania-Siegs sogar die nukleare Abschreckungspolitik gegenüber Teheran wiederbelebt hat. Obama stellt sich mit seinem Angebot an alle Schurkenstaaten, ohne Vorbedingungen in Verhandlungen einzutreten, als außenpolitische Taube dar und steht somit links.
Wechselspiel von Favorit und Underdog
In der Gesundheitspolitik wiederum ist Frau Clinton die Linke, weil sie eine gesetzliche Pflichtversicherung für alle durchsetzen will, während es Obama in der Manier eines zentristischen Wirtschaftsliberalen beim Prinzip der Freiwilligkeit belassen will, wobei die Versicherungsangebote allerdings ausgeweitet und mit staatlicher Hilfe verbilligt werden sollen.
Auch beim Rollenspiel von Favorit und Underdog wechseln sich die beiden ab. Ende des vorigen Jahres war Frau Clinton von den Demoskopen schon zur Kandidatin der Demokraten gekürt, Obama wurden allenfalls Außenseiterchancen zugebilligt. Dann kam Obamas Sieg in Iowa, dann der von Frau Clinton in New Hampshire. Derzeit spricht der Trend für Frau Clinton, dafür hat Obama mehr Geld.
Obama reklamiert für sich das Alleinstellungsmerkmal, als Außenseiter anzutreten, der nichts mit dem Washingtoner Politiker- und Lobbyistenklüngel zu tun habe. Daher rührt sein beständig wiederholter Aufruf zum change, zum Wechsel oder Wandel. Tatsächlich umgibt sich der Juniorsenator aus Illinois, der im Januar 2005 nach Washington kam, mit vielen Insidern. In seinem engsten Beraterkreis lassen sich drei Gruppen unterscheiden: bewährte Schlachtrösser des demokratischen Parteiapparats, die alten Freunde und Vertrauten aus der Chicago Gang und schließlich einige wirkliche Neulinge im politischen Geschäft.
Obamas Wahlkampagne hat drei Architekten
Die Architekten von Obamas Wahlkampagne sind David Axelrod und David Plouffe, dazu kommt Kommunikationsdirektor Robert Gibbs. Axelrod, 53 Jahre alt, arbeitete bis 1984 als Reporter bei der Chicago Tribune, ehe er Pressesprecher des damaligen Abgeordneten und späteren Senators Paul Simon wurde. Ende der achtziger Jahre gründete er ein eigenes Beratungsunternehmen. Er half den Chicagoer Bürgermeistern Harold Washington und Richard Daley bei deren erfolgreichen Wahlkampagnen, zudem beriet Axelrod vor allem schwarze Bürgermeisterkandidaten im ganzen Land.
Seit 2002 hat Axelrod mit seiner Firma an 42 Wahlkampagnen demokratischer Kandidaten mitgewirkt. 2004 war er Medienberater des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers John Edwards. Einer seiner wichtigsten Erfolge war der Wahlsieg von Deval Patrick, der 2006 zum ersten schwarzen Gouverneur von Massachusetts gewählt wurde. Patrick und Obama sind befreundet, Obama übernahm manches Schlagwort aus Reden, die Axelrod schon für Patrick hatte schreiben lassen.
Der schon legendäre Schlachtruf Yes we can! (etwa: Ja, das können wir packen!), der den Wählern Obamas das Gefühl vermitteln soll, gleichsam direkt an der Weltkugel zu drehen, ist ein klassisches Produkt von Ax (die Axt), wie Axelrod genannt wird.
Brzezinski ist der Elder Statesman im Team
Der 40 Jahre alte David Plouffe überwacht als fleißiger Manager das Tagesgeschäft des Wahlkampfs. Plouffe hat schon 1992 die freilich kurzlebigen Aspirationen des Senators Tom Harkin aus Iowa aufs Präsidentenamt unterstützt. Von 1997 an arbeitete er für den damaligen demokratischen Minderheitsführer im Repräsentantenhaus Dick Gephardt, dessen ebenfalls rasch gescheiterte Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur von 2004 er als Kampagnenmanager vorantrieb.
Kommunikationschef Robert Gibbs, 36 Jahre alt, war schon Pressesekretär Obamas während dessen Wahlkampf um den im November 2004 schließlich eroberten Senatsposten und ging sodann mit dem Juniorsenator als dessen Sprecher nach Washington. Gibbs war 2004 Pressesprecher der Wahlkampagne von John Kerry.
In Fragen zur Außenpolitik und zur nationalen Sicherheit lässt sich Obama von Dutzenden altgedienten Politikern früherer demokratischer Regierungen beraten. Zbigniew Brzezinski, Jimmy Carters mittlerweile 80 Jahre alter Nationaler Sicherheitsberater, ist der Elder Statesman im Team. Auch der 68 Jahre alte Tony Lake war Sicherheitsberater - unter Bill Clinton von 1993 bis 1997 - und ist seit mehr als vier Jahrzehnten im praktischen und auch theoretischen außenpolitischen Geschäft.
Keine Angst vor Verhandlungen mit Schurkenstaaten
Lake ist wie Obama ein Irak-Kriegs-Gegner der ersten Stunde. Den Standpunkt Obamas, wonach eine große Nation und ihr Präsident niemals Angst vor Verhandlungen mit irgendjemandem haben dürfen, hat Lake entwickelt. Die 43 Jahre alte Susan Rice - mit Außenministerin Condoleezza Rice nicht verwandt - ist ebenfalls eine Veteranin der Clinton-Regierung: Die schwarze Politikerin war im Außenministerium und später im Nationalen Sicherheitsrat für Afrika zuständig, auch während des Völkermords in Ruanda.
Die 37 Jahre alte Publizistin und Harvard-Professorin Samantha Power, eine Befürworterin humanitärer Interventionen gegen Völkermord in aller Welt, musste im Januar aus dem Beraterkreis ausscheiden, nachdem sie Frau Clinton als Monster bezeichnet hatte. Dafür lernte Power beim Kampf für Obama dessen Rechtsberater Cass Sunstein kennen und lieben. Ben Rhodes, 30 Jahre alt und als Wunderkind gefeiert, ist Obamas Chef-Redenschreiber für Außen- und Sicherheitspolitik.
Die prominentesten Militärs und Militärfachleute in Obamas Beraterstab sind der 64 Jahre alte Richard Danzig, der unter Bill Clinton im Pentagon als Staatssekretär für die Kriegsmarine zuständig war, der Luftwaffen-Generalmajor Jonathan Scott Gration sowie der 69 Jahre alte Lawrence Korb, der unter Ronald Reagan Abteilungsleiter im Pentagon war.
Veteranen der Clinton-Regierung
In Wirtschaftsfragen lässt sich Obama von der Chicago Gang um den 38 Jahre alten Ökonomen Austan Goolsbee beraten, der im privaten Gespräch mit kanadischen Diplomaten die Regierung in Ottawa beruhigte, Obamas populistische Angriffe im Wahlkampf gegen den Freihandel dürften nicht auf die Goldwaage gelegt werden - was einen kleinen Skandal verursachte, nachdem Informationen über das Treffen durchgesickert waren.
Goolsbee war 2004 schon Wirtschaftsberater von John Kerry. Der 40 Jahre alte Renten- und Steuerexperte Jeffrey Liebman, der Obamas Reformpläne für die staatliche Rentenversicherung verfasst hat, setzte sich mit diesem Gegenstand schon von 1998 bis 2000 im Weißen Haus unter Clinton auseinander. Auch der 55 Jahre alte Außenhandelsfachmann Daniel Tarullo ist ein Veteran der Clinton-Regierung.
Spiritueller Mentor wurde entlassen
Seinen Pastor Jeremiah Wright, von dem sich Obama zum Titel für sein zweites Buch (Die Kühnheit der Hoffnung) inspirieren ließ, hat Obama als spirituellen Mentor aus seinem Beraterkreis entfernt, nachdem rassistische, antisemitische und antiamerikanische Predigtpassagen von Wright bekannt geworden waren. Finanzchefin des Wahlkampfteams, das vor allem über das Internet erfolgreich Spenden sammelt, ist die 48 Jahre alte Penny Pritzker aus Chicago, eine Erbin des Hyatt-Hotel-Imperiums, deren Privatvermögen auf zwei Milliarden Dollar geschätzt wird.
Von David Axelrod weiß man, dass er sich im Jahr 2000 Hillary Clinton als Medienberater angeboten hatte, als sich die damals noch amtierende First Lady um einen Senatssitz im Bundesstaat New York bewarb. Frau Clinton verzichtete auf Axelrods Dienste - und gewann auch ohne ihn. Soeben haben ihre Wahlkampfstrategen einen neuen Schlachtruf entwickelt. Er lautet: Yes we will! - Ja, wir werden es packen!
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, Reuters