Osteuropa

Zunehmende Risiken für Anleger in Zentral- und Osteuropa

18. Januar 2008 Im Zuge der immer weiter um sich greifenden Kreditkrise sind in den vergangenen Wochen auch die zuvor sehr gute gelaufenen Börsen in Zentral- und Osteuropa aus der Erfolgsspur geraten. Einzelne Märkte oder Marktsegmente mussten seit Jahresbeginn Kursverluste von bis zu 21 Prozent hinnehmen, allen voran die Werte des polnischen mWIG40-Index.

Diese Entwicklung dürfte kaum verwundern. Denn die Kreditkrise brachte und bringt die internationalen Anleger dazu, ihre Risikoneigung und -wahrnehmung neu zu justieren. Das dürfte unter Umständen dazu führen, dass künftig auch jene Märkte kritischer betrachtet werden, die in den vergangenen Jahren im Rahmen der allgemeinen Hausse und der allumfassenden EU-Beitrittseuphorie einen gewaltigen Aufschwung erlebt hatten.

Credit Default Swaps osteuropäischer Staaten deutlich gestiegen

Analysen von Lombard Street Research und der deutschen Bank legen offen, dass goldenen Zeiten in diesen Regionen vorerst vorbei sein könnten. Immerhin sind die Credit Default Swaps der Staaten von Estland über Litauen, Lettland, Bulgarien, Rumänien und Russland bis hin zur Türkei in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. Das führt zur Vermutung, dass die Risiken einer Investition in diesen Regionen deutlich höher sein könnten, als das in den vergangenen Jahren allgemein angenommen wurde.

Längst sind die Zeiten vorbei, in welchen die Staaten mit einer Kombination zwischen einer tiefen Inflation, hohem Wachstum und stark steigenden Vermögenspreisen glänzen konnten. So sind vor allem in den baltischen Staaten die makroökonomischen Relationen zwischen Wachstum, Preisentwicklung, externen Ungleichgewichten, einer starken Verschuldung der privaten Haushalte und der weitgehend an den Euro gekoppelten Währungen völlig aus dem Ruder gelaufen.

Das durchschnittliche Leistungsbilanzdefizit der Zentraleuropäischen Staaten, einschließlich der drei baltischen „Tiger“, lag im vergangenen Jahr bei etwa neun Prozent des Bruttoinlandsproduktes. In Staaten wie Bulgarien und Lettland erreicht die Kennzahl sogar den Wert von 20 Prozent. Das sind jedoch nicht die einzigen Probleme. Sondern in Ländern wie Polen und Ungarn hat nicht nur die Verschuldung innerhalb kurzer Zeit dramatisch zugenommen, sondern ihre Struktur ist auch noch sehr problematisch. Denn ein Großteil der Finanzmittel kommt aus dem Ausland.

Starke Auslandsverschuldung der privaten Haushalte in Polen und Ungarn

Rund 60 Prozent der polnischen Hypotheken und rund 45 Prozent der ungarischen Hypotheken seien in ausländischen Währungen refinanziert, heißt es in der Studie von Lombard Street Research, die sich zumindest im Ergebnis weitgehend mit einer gleich gelagerten Analyse der Deutschen Bank deckt. Das sind die bekannten „Carry Trades“ des „kleinen Mannes“, der sich in den vergangenen Jahren vor allem im Schweizer Franken verschuldete. Auf diese Weise setzen sich die Schuldner einem hohen Wechselkursrisiko aus, das dann einträte, wenn der Franken deutlich aufwerten sollte.

Ungarn scheint insgesamt besonders gefährdet zu sein. Das Land steht einem Doppeldefizit im Budget und im Außenhandel gegenüber, das Wachstum ist schwach, die Preise steigen und die gegenwärtige Mixtur aus Geld- und Fiskalpolitik dürfte angesichts des fallenden internationalen Risikoappetits kaum jemanden überzeugen können. Manche Staaten wie Ungarn, sowie die tschechische und slowakische Republik, sind extrem abhängig von der Exportwirtschaft. Bei ihnen würde sich aufgrund ihrer geringen Größe eine Flaute in der Weltwirtschaft deutlicher bemerkbar machen, als beispielsweise in Brasilien.

Russland dagegen steht finanziell und makroökonomisch hervorragend da. Allerdings würde sich auch dessen Spielraum einschränken, sollte der Ölpreis in den kommenden Monaten oder Jahren deutlicher korrigieren.

Insgesamt dürfte man die Wertpapiermärkte der am deutlichsten exponierten Staaten der Region und vor allem auch die ausländischen Banken, die sich dort engagiert haben, mit der notwendigen Skepsis betrachten müssen. Das gilt vor allem für die baltischen Staaten, Bulgarien und nicht zuletzt auch Ungarn und Rumänien.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: Deutsche Bank, Lombard Street Research

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