Anleihen

Kreditwürdiges Orakel

Von Steffen Uttich

08. Mai 2008 Aus der Sicht eines Gläubigers sind die besten Schuldner immer noch diejenigen, die den Kredit eigentlich gar nicht brauchen. Regelmäßig gehen dann die Zinsen ein - und zum vereinbarten Zeitpunkt wird das geliehene Geld pünktlich zurückgezahlt.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass der amerikanische Rückversicherer Berkshire Hathaway zu Beginn dieser Woche keinerlei Probleme hatte, Abnehmer für seine beiden neuen Anleihen im Volumen von zusammen 2 Milliarden Dollar zu finden. An der Spitze des Unternehmens steht Warren Buffett - berühmt, populär und mit einem geschätzten Vermögen von rund 62 Milliarden Dollar der reichste Mann der Welt. Das lässt eine ausgezeichnete Bonität erwarten.

Ein seltener Emittent am Anleihemarkt

Buffetts Investmentvehikel tritt nicht allzu häufig als Emittent am Anleihemarkt auf. Für die neuen Schuldtitel mit fünf Jahren Laufzeit (Isin: USU23797AQ36) zahlt das Unternehmen einen Kupon von 4,6 Prozent, für die zehnjährigen Titel (Isin: USU23797AR19) einen Kupon von 5,4 Prozent. Diese Verzinsung klingt durchaus attraktiv und bietet einen spürbaren Aufschlag zu vergleichbaren sicheren amerikanischen Staatsanleihen. Fünfjährige Treasuries rentierten am Mittwoch mit rund 3,2 Prozent und zehnjährige Treasuries mit 3,9 Prozent.

Eine Mindeststückelung von 2000 Dollar macht den Zugang sogar für Privatanleger erschwinglich. Auf jeden Fall liegt diese Schwelle deutlich niedriger als die Einstiegsschwelle in das Reich des berühmtesten Investors der Welt über den Kauf einer Aktie von Berkshire Hathaway. Deren Kurs liegt derzeit bei rund 130 000 Dollar.

Ein Warren Buffett muss die Emission nicht rechtfertigen

Die Verwendung des über die Anleihen aufgenommenen Geldes ist für viele Käufer offenbar zweitrangig. Nähere Angaben dazu wurden rund um die Emission nicht gemacht. Auch auf der Hauptversammlung des Unternehmens vor einer Woche spielte die Emission keine Rolle. Da ging es um größere Dinge, um Buffetts Einschätzung der Lage an den Kapitalmärkten im Allgemeinen und seinen nächsten Investitionsideen im Besonderen.

Der Finanzinformationsdienst Bloomberg versuchte sich in einer Meldung zur Anleiheemission immerhin an einer Querverbindung zu einem möglicherweise bevorstehenden „mittelgroßen“ Unternehmenskauf in Großbritannien. Allerdings sitzt das Unternehmen schon jetzt auf Barmitteln in Höhe von 36 Milliarden Euro, die auf eine sinnvolle Anlage warten.

Als „Orakel von Omaha“ berühmt geworden

Das Vertrauen in den Mann aus dem Mittleren Westen der Vereinigten Staaten, der unter dem Spitznamen „Orakel von Omaha“ Berühmtheit erlangte, scheint grenzenlos zu sein. Daran konnte auch der jüngste Quartalsbericht des Unternehmens nichts ändern. Auf den ersten Blick war der Gewinneinbruch von 2,6 Milliarden Dollar im ersten Quartal des Vorjahres auf nunmehr 940 Millionen Euro ernüchternd. Buffett verwies zur Begründung jedoch auf Bilanzierungsvorschriften für Derivate, die eine unmittelbare Einstellung von unrealisierten Gewinnen oder Verlusten verlangen. Dabei ist das Geld seiner Ansicht nach aber gar nicht weg.

Die Rating-Agentur Standard & Poor's bestätigte kurz nach der Bekanntgabe des Zwischenergebnisses die Argumentation von Buffett. Aus ihrer Sicht geht es lediglich um eine Bilanzvolatilität und nicht um einen tatsächlichen Verlust. Deshalb wurde ohne Zögern die Bestnote „AAA“ für die Bonitätsausstattung von Berkshire Hathaway bestätigt und der Ausblick auf „stabil“ gesetzt.

Was wird sein, wenn Buffett nicht mehr ist?

Allerdings lassen die Analysten von Standard & Poor's in ihrer aktuellen Einschätzung ein Thema anklingen, das vielen Aktionären und Gläubigern des Unternehmens schwer auf der Seele liegt. Es ist der Blick auf die Zeit nach Buffett: „Ein negativer Ausblick könnte einem Managementwechsel folgen, der zu einer anderen Unternehmenskultur oder einem anderen Risikoprofil von Berkshire Hathaway führen sollte.“

Der weltberühmte Investor und sein Unternehmen sind nicht ein und dasselbe - nur allzu häufig und allzu gern wird dies von den Anhängern des „Orakels von Omaha“ jedoch übersehen. Aber irgendwann trennen sich zwangsläufig die Wege. „Das kann morgen passieren oder erst in drei Jahren“, kokettierte Buffett mit dem Rückzug auf der Hauptversammlung in der vergangenen Woche.

Drei interne Kandidaten werden immer wieder genannt

Dieses Personenrisiko lastet immer schwerer auf Berkshire Hathaway. Buffett ist heute 77 Jahre alt. Als Nachfolger für seine Rolle als Vorstandsvorsitzender des Unternehmens werden drei interne Kandidaten gehandelt. Geht es um die entscheidende Rolle des Chefanlegers, ist von mehreren externen Kandidaten die Rede. Als Anforderung formulierte der Investor, sein Nachfolger müsse genetisch programmiert sein, in Zukunft alle möglichen Risiken zu vermeiden.

Was immer sich hinter dieser Formulierung verbirgt, sie wirkt offenbar beruhigend. Die Randbemerkung von den bis zu drei Jahren auf der Hauptversammlung wurde deshalb nicht allzu wörtlich genommen - wohl auch nicht von den Käufern der beiden neuen Anleihen. Wenn die zehnjährigen Titel fällig werden, ist Buffett bei hoffentlich guter Gesundheit 87 Jahre alt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Reuters

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