Inflationserwartungen steigen

Ökonomen sehen Leitzins bis Ende 2008 unverändert

Von Benedikt Fehr

Schlecht wie das Wetter auf diesem Bild: Die Inflationserwartungen der EZB-Beobachter

Schlecht wie das Wetter auf diesem Bild: Die Inflationserwartungen der EZB-Beobachter

03. September 2008 Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) wird nach einmütiger Einschätzung von Fachleuten den Euro-Leitzins am kommenden Donnerstag unverändert auf 4,25 Prozent belassen. Gleichwohl sehen die professionellen EZB-Beobachter und die Anleger an den Finanzmärkten die Pressekonferenz nach der Ratssitzung mit Spannung. Denn EZB-Präsident Jean-Claude Trichet wird dann die neuen Vorhersagen des EZB-Stabs für Wirtschaftswachstum und Inflation bekanntgeben. Die Fachwelt erhofft sich hiervon Aufschluss über die weitere Zinsentwicklung.

Michael Schubert, ein EZB-Beobachter der Commerzbank, geht davon aus, dass der EZB-Stab seine „Projektion“ für das Wirtschaftswachstum deutlich nach unten korrigieren wird. Von „Projektion“ ist die Rede, weil der Stab seine Vorhersage an die Annahme eines unveränderten Leitzinses knüpft; denn die EZB-Mitarbeiter wollen nicht den Eindruck erwecken, etwas über die Entscheidungen des EZB-Rats - ihrer politischen Führung - zu wissen. Laut Schubert dürfte der EZB-Stab wegen der deutlichen konjunkturellen Abkühlung im Euro-Raum für das laufende Jahr nur noch eine Wachstumsrate von 1,3 Prozent vorhersagen und für 2009 von 1,1 Prozent. Im Juni hatten diese Prognosen noch auf 1,8 und 1,5 Prozent gelautet. Peter Meister, ein EZB-Beobachter der BHF-Bank in Frankfurt, hegt die gleiche Erwartung.

Fall des Ölpreises dürfte Preisauftrieb dämpfen

Auch was die Inflationsprognose anbelangt, sind sich die beiden Fachleute ziemlich einig. Schubert geht davon aus, dass die neue EZB-Prognose gegenüber September unverändert bleibt. Damals hatte der EZB-Stab für das laufende Jahr eine Jahresinflation von 3,4 Prozent vorhergesagt, für 2009 von im Jahresdurchschnitt 2,4 Prozent. Meister erwartet nun eine marginale Anhebung auf 3,5 und 2,5 Prozent. Vor diesem Hintergrund dürfte Trichet die Risiken zum einen für das Wirtschaftswachstum, zum anderen für die Preisstabilität am Donnerstag ziemlich ausgewogen darstellen, erwartet Meister in einem Kundenbrief.

Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters geht die große Mehrheit der EZB-Beobachter davon aus, dass die EZB den Euro-Leitzins bis Jahresende unverändert lassen wird. Die Mehrheit erwartet aber, dass Anfang 2009 eine Zinssenkung auf 4 Prozent kommt und in der zweiten Hälfte 2009 auf 3,75 Prozent. Die Begründung dafür lautet meist, dass die Abschwächung des Wirtschaftswachstums auch den Preisauftrieb verlangsamen werde. Denn eine rückläufige Nachfrage begrenze den Spielraum der Unternehmen, höhere Preise am Markt durchzusetzen, sowie den Spielraum der Tarifpartner zu Lohnsteigerungen. Zudem dürfte der Verfall des Ölpreises den Preisauftrieb dämpfen.

Skepsis an der EZB

Für Schubert sind die Hoffnungen auf eine Leitzinssenkung allerdings verfrüht. Denn der EZB-Rat habe in letzter Zeit deutlich gemacht, dass er den Inflationserwartungen große Beachtung schenke - schließlich habe der EZB-Rat den gesetzlichen Auftrag, die Inflation mittelfristig in Schach zu halten. Die Erwartungen der EZB-Beobachter über die mittel- und langfristige Entwicklung der Inflation im Euro-Raum haben sich zuletzt aber klar verschlechtert. So veranschlagten die professionellen EZB-Beobachter die Wahrscheinlichkeit, dass die längerfristige Inflation 2 Prozent oder mehr betragen wird, im Juni auf 57 Prozent. Das war mehr als je zuvor und signalisiert, dass die EZB bei den Ökonomen an Vertrauen verloren hat (siehe Graphik). Erklärtes Ziel der EZB ist es, die Inflationsrate mittelfristig knapp unter 2 Prozent zu halten.

Aus Sicht des EZB-Rats ebenfalls beunruhigend ist, dass auch die aus Marktpreisen abgeleiteten Inflationserwartungen auf eine weitverbreitete Skepsis hinsichtlich der Fähigkeit der EZB hindeuten, ihr Ziel zu erreichen. So lässt sich aus sogenannten Inflations-Swaps ableiten, dass der Markt für den Zeitraum von 2013 bis 2018 eine durchschnittliche Inflationsrate von etwa 2,6 Prozent erwartet. Das ist klar mehr, als die EZB anstrebt.

Bereitschaft, Leitzins anzuheben

Um die Inflationserwartungen herunterzuschleusen, hat Bundesbank-Präsident Axel Weber unlängst die Bereitschaft erkennen lassen, den Leitzins nötigenfalls weiter anzuheben. An den Zinsmärkten hatte dies heftige Reaktionen gezeitigt: Hatten die Anleger bis dahin noch eine baldige Senkung des Leitzinses eingepreist, so wurden diese Erwartungen auf Webers Andeutungen hin zumindest teilweise revidiert. Als Folge sprang die Rendite für zweijährige Schatzanweisungen, die wegen ihrer kurzen Laufzeit besonders sensibel auf Leitzinserwartungen reagiert, von 3,99 auf 4,12 Prozent.

Weber hat damit die Spekulationen auf sinkende Zinsen gebremst. Angesichts der konjunkturellen Risiken hält BHF-Volkswirt Meister es aber für unwahrscheinlich, dass Trichet am Donnerstag noch einen Schritt weitergeht und wie Weber eine Zinsanhebung in den Raum stellt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa

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