Geldpolitik

Beobachter erwarten Geradeausfahrt der EZB

Im Spannungsfeld aus schwächelnder Konjunktur und hoher Inflation dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins auf absehbare Zeit bei 4,25 Prozent lassen. Unterdessen dauert die Verspannug am Geldmarkt an.

Von Benedikt Fehr

04. August 2008 Obwohl die Inflation im Euro-Raum im Juli mit 4,1 Prozent ein Rekordhoch erreicht hat, wird die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins am Donnerstag unverändert bei 4,25 Prozent belassen. Das jedenfalls ist die einmütige Erwartung der professionellen EZB-Beobachter. Gleichwohl wird die Fachwelt wieder jedes Wort, das EZB-Präsident Jean-Claude Trichet auf der Pressekonferenz nach der Sitzung des EZB-Rats äußern wird, auf die Goldwaage legen. Die EZB-Beobachter erhoffen sich davon Aufschluss über die weitere Entwicklung des Euro-Leitzinses.

"Die EZB muss einen Weg durch ein Umfeld finden, das von starker Spannung gekennzeichnet ist", sagt Claudia Broyer, eine EZB-Beobachterin der Allianz-Gruppe. Auf der einen Seite deuteten die jüngsten Konjunkturdaten wie zum Beispiel die Einkaufsmanager-Indizes auf eine deutliche konjunkturelle Abkühlung im Euro-Raum hin. Für sich allein genommen schaffe dies Spielraum für eine Senkung des Leitzinses. Doch stünden dem auf der anderen Seite alarmierende Daten über die Preisentwicklung gegenüber. So hätten sich die Inflationserwartungen auch nach der Leitzinsanhebung von Anfang Juli bislang kaum zurückgebildet; das spreche eher für einen weiteren Zinsschritt nach oben.

Die Lage am Geldmarkt hat sich noch nicht normalisiert

Nach Einschätzung von Broyer werden die widersprüchlichen Kräfte den EZB-Rat veranlassen, den Leitzins bis Ende nächsten Jahres weder zu heben noch zu senken, sondern auf 4,25 Prozent zu lassen. Ähnlich erwartet die große Mehrheit der EZB-Beobachter, dass der EZB-Rat den Leitzins in den nächsten Monaten nicht anrühren wird. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg geht die durchschnittliche Prognose, anders als Broyer, allerdings davon aus, dass der Leitzins im Laufe des zweiten Quartals 2009 - wenn sich die Inflationserwartungen zurückgebildet haben sollten - auf 4 Prozent herabgesetzt werden dürfte. Demgegenüber erwartet Stefan Schneider, ein EZB-Beobachter der Deutschen Bank, dass es schon früh im kommenden Jahr zu einer Zinssenkung kommt.

"Die Konjunkturträume der EZB sind geplatzt", meint Schneider und verweist auf die Vielzahl schlechter Wirtschaftsdaten, die seit der Sitzung des EZB-Rats Anfang Juli veröffentlicht wurde. Mit der konjunkturbedingt abflauenden Nachfrage verringere sich der Spielraum der Unternehmen zu Preiserhöhungen sowie der Gewerkschaften zu Lohnerhöhungen. Deshalb werde es nicht zu der von der EZB befürchteten Preis-Lohn-Spirale kommen, vielmehr werde der Inflationsdruck nachlassen, erwartet Schneider. Das werde es der EZB ermöglichen, ihren Leitzins zu senken.

Zu der akuten konjunkturellen Abkühlung trägt bei, dass sich auch ein Jahr nach Ausbruch der Kreditkrise die Lage am Geldmarkt nicht normalisiert hat. So beträgt der Euribor-Zins für dreimonate Kredite derzeit knapp 5 Prozent; er liegt damit um 75 Basispunkte über dem Leitzins von 4,25 Prozent - während dieser Abstand vor Krisenbeginn nur 5 bis 10 Basispunkte betrug (siehe Grafik).

Langfristige Zinsen sind schwer steuerbar

Eine ähnliche Entwicklung gibt es auch beim Euribor-Zinssatz für Jahresgeld. Das trifft insbesondere viele Millionen Haushalte in Spanien, da es dort üblich ist, Eigenheime und Eigentumswohnungen mit Hypotheken zu finanzieren, deren Zins sich am Jahres-Euribor orientiert. Für die spanischen Schuldner - aber auch viele Unternehmen im Euro-Raum - sind die Zinskosten somit gleich aus zwei Gründen deutlich gestiegen: zum einen aufgrund der Zinserhöhungen der EZB seit Dezember 2005 und zudem durch die Verspannung am Geldmarkt seit Sommer 2007.

Um der Liquiditätsverknappung am Geldmarkt gegenzusteuern, hatte die EZB den Banken am 9. August überraschend den hohen Betrag von 95 Milliarden Euro in Form eines eintägigen Kredits bereitgestellt. Seither hat die EZB immer wieder zusätzliche Liquidität in den Markt gepumpt, allerdings gelegentlich auch wieder abgesogen. Mit diesen Feinsteuerungsoperationen ist es ihr gelungen, den Satz für eintägige Kredite (Tagesgeld) an den meisten Tagen am jeweils gültigen Leitzins zu halten. Das ist für die EZB von zentraler Bedeutung, denn der Leitzins ist ihr wichtigstes geldpolitisches Instrument; über Anhebung und Senkung des Leitzinses versuchen die Währungshüter, die Inflation nahe dem mittelfristig angestrebten Wert von knapp 2 Prozent zu halten. Hingegen ist es der EZB nicht gelungen, auch die langfristigen Zinsen wieder auf das frühere Niveau zurückzuschleusen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

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