Länder-Ratings

„Spekulative Attacken werden immer unwahrscheinlicher“

05. Oktober 2006 Alexander Kockerbeck, leitender Analyst für das Länderrating bei Moody's, im FAZ.NET-Interview über die verbesserte Bonität der Schwellenländer, die Spannungen in Polen und Ungarn sowie die Frage, ob seine Rating-Agentur Chinas Währungspolitik belohnt.

Herr Kockerbeck, immer mehr Länder bekommen ein „Investment Grade“-Rating, dürfen also als solide Schuldner gelten. Aktuell sind es bei Moody's 65 Prozent der untersuchten Staaten. Warum verbessert sich die Bonität weltweit?

Viele Länder haben aus der Vergangenheit gelernt. Die weltwirtschaftliche Situation hat es gerade Schwellenländern erlaubt, hohe Devisenreserven aufzubauen. Dementsprechend sind die Liquiditätsrisiken deutlich gesunken.

Das Phänomen der besseren Rating-Noten ist also ein zyklisches?

Nicht nur. Selbstverständlich profitieren zahlreiche Schwellenländer derzeit von den hohen Rohstoffpreisen und der guten Konjunktur. Aber in vielen Ländern hat auch ein struktureller Reformprozeß eingesetzt. Andere Länder wiederum nutzen die Petrodollar, um Stabilisierungsfonds aufzubauen, Rußland zum Beispiel. Das ermöglicht eine vorzeitige Rückzahlung von Schulden und wirkt bei externen Schocks stabilisierend.

Mit dem Anhäufen von Devisenreserven steht Rußland in Osteuropa aber ziemlich alleine da.

Das ist richtig. In Ost- und Mitteleuropa hilft ein anderer Prozeß dabei, die Bonität zu verbessern: die europäische Integration. Die Länder mußten in den vergangenen Jahren 31 Kapitel abarbeiten, um die EU-Kriterien zu erfüllen. Diese Kapitel gaben einen detaillierten Fahrplan vor, sie dienten sozusagen als Blaupause für Reformen. Außerdem wirken die Teilnahme am Wechselkursmechanismus in seiner zweiten Version und das Ziel der Euro-Einführung stabilisierend. Spekulative Attacken werden immer unwahrscheinlicher.

In einigen Ländern, allen voran in Polen, scheinen aber wieder die EU-Kritiker die Oberhand zu gewinnen.

Wir dürfen bei unseren Ratings die politischen Risiken natürlich nicht ausblenden. Bei den Strukturreformen gibt es Gewinner und Verlierer, und das sorgt für Spannungen. Manchmal fehlen dann klare Mehrheitsverhältnisse für weitere Reformen. Das gilt aber nicht nur für Polen, sondern auch für ältere EU-Staaten. Schauen Sie sich nur das Hickhack um Kombi- und Mindestlohn in Deutschland an.

Polen bekommt die Rating-Note A2, nur eine Stufe schlechter als Griechenland. Ist das angesichts der politischen Spannungen noch gerechtfertigt?

Man darf die aktuelle Situation nicht isoliert betrachten, sondern muß auch die Reformen der vergangenen Jahre sehen. Eine Rating-Agentur wie Moody's betreibt kein Tagesgeschäft. Das Rating spiegelt unsere Meinung über die Entwicklung des Landes in den kommenden drei bis fünf Jahren wider. Wenn wir in Polen über längere Zeit eine Reformunfähigkeit bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit feststellen würden, käme eine Herabstufung in Frage. Das ist momentan aber nicht der Fall. Unser Ausblick ist stabil.

Gilt das auch für andere „Sorgenkinder“ der Region, die Türkei und Ungarn?

Die Türkei hat fünf Reformjahre mit einer zum Teil erstaunlichen Wachstumsdynamik hinter sich. Das Land konnte die Inflation eindämmen und bekommt die Verschuldung immer besser in den Griff. Trotz der aktuellen Probleme darf man diese Fortschritte nicht vergessen. Auch für die Türkei ist unser Ausblick stabil. Das wird sich erst ändern, wenn wir über einige Jahre hinweg einen problematischen Trend bei der Wirtschaftspolitik sehen.

Beim einstigen Musterschüler Ungarn läßt sich aber doch von einer Trendwende reden, oder nicht? Das Land hat ein Doppeldefizit bei Budget und Leistungsbilanz und erfüllt seit Jahren die fiskalpolitischen Ziele nicht.

Darauf haben wir reagiert und das Rating im September unter Beobachtung für eine mögliche Herabstufung gesetzt. Wir haben den Eindruck, daß der Reformweg für Ungarn wegen der aktuellen Probleme noch schwieriger geworden ist. Unsere Analysten prüfen jetzt noch einmal genau, ob das A1-Rating weiterhin gerechtfertigt ist.

Sie hatten vorhin die hohen Devisenreserven einiger Schwellenländer erwähnt. China konnte diese Reserven nur aufbauen, weil es seine Währung künstlich niedrig hält. Belohnt Moody's diese Politik? Sie geben dem Land schließlich ein solides A2-Rating mit positivem Ausblick.

Ganz so einfach ist es nicht. China hat das gute Rating nicht nur wegen der hohen Devisenreserven, die das Land im Falle externer Schocks zusammen mit Währungskontrollen unempfindlicher machen. Auch die Auslandsverschuldung hat deutlich abgenommen, und das Bankensystem wurde gestärkt. Dennoch müssen wir konstatieren, daß viele asiatische Länder Währungsreserven gezielt aufbauen, um vor Risiken besser geschützt zu sein. Diese Wirtschaftspolitik führt zwar zu globalen Ungleichgewichten, unser Rating muß aber die deutliche Verringerung der Liquiditätsrisiken widerspiegeln.

Die globalen Ungleichgewichte werden sich nicht auf Dauer halten lassen.

Das ist wahrscheinlich. Auf Dauer ist eine merkantilistische Währungspolitik in Asien sicher mit einem Fragezeichen zu versehen, auch weil wachsende Devisenreserven die Inflationsgefahr steigen lassen.

Warum das?

Mit der Hereinnahme von Auslandswährung gibt die Zentralbank Inlandswährung heraus, die preistreibend wirken kann. Deshalb muß die Zentralbank früher oder später zwischen Währungs- und Inflationsziel entscheiden. Aber auf mittlere Sicht gewinnen diese Länder mit hohen Devisenreserven erst einmal Raum für innere Reformen.

Brauchen China und andere Boomländer überhaupt ein Rating für die Kreditaufnahme, wenn sie so im Geld schwimmen?

Zum Teil können wir eine vorzeitige Schuldentilgung beobachten. Das Geld fließt aber vor allem in strategische Anlagen. Betrachten Sie etwa die niedrigen Renditen auf dem amerikanischen Bond-Markt. Beobachter erklären diese immer wieder mit den enormen Geldzuflüssen aus Asien.

Neben den niedrigen Renditen der amerikanischen Staatsanleihen fällt auf, daß viele Anleihen aus Schwellenländern nur sehr niedrige Risikoaufschläge bieten. Läßt sich das allein mit der besseren Bonität erklären oder spielt auch die hohe Liquidität eine Rolle?

In den vergangenen Jahren haben immer mehr Investoren auf der Suche nach einer höheren Rendite die Anleihen von Schwellenländern für sich entdeckt. Diese Nachfrage sorgte dann für ein Zusammenschmelzen der Risikoaufschläge. Das geht zum Teil über das hinaus, was durch ein besseres Rating zu erklären wäre.

Das Gespräch führte Bernd Mikosch.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Moody's

 
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