Rentenmärkte

Qualitäts-Anleihen - Lichtblick in der Finanzkrise

13. Februar 2008 Selten haben erstklassige Zinsanlagen so viel Freude bereitet wie in Zeiten der Finanzkrise. Seit dem Jahr 2003 mussten sicherheitsbewusste Anleger zusehen, wie die Aktienmärkte davonzogen und meist zweistellige jährliche Renditen abwarfen.

Mancher mag angesichts der mageren Anleihezinsen, die selten weit oberhalb der 4 Prozent lagen, schon in Selbstzweifel verfallen sein. Doch nun hat sich das Bild gewandelt. 4 Prozent Ertrag haben langlaufende Bundesanleihen allein in den vergangenen sechs Wochen abgeworfen, zählt man Kursgewinne und Stückzinsen zusammen.

Frisches Geld kann nur noch zu unattraktiven Konditionen angelegt werden

Doch die höheren Anleihekurse haben den Nachteil, dass frisches Geld nun nur noch zu schlechteren Konditionen investiert werden kann. Käufer von zehnjährigen erstklassigen Euro-Staatsanleihen können nicht mehr als 3,9 Prozent jährlicher Rendite erwarten. Viele Analysten erwarten sogar, dass es bald noch etwas weiter runtergehen kann. "Wir erwarten bis zum Jahresende einen Rückgang der Rendite auf 3,7 Prozent", sagt Rainer Sartoris von der Düsseldorfer Bank HSBC Trinkaus. Die Europäische Zentralbank (EZB) habe nun doch angedeutet, dass sie zu Zinssenkungen bereit sei. Die Kurse im Terminhandel des Geldmarktes spiegeln schon die Erwartung der Anleger, dass die EZB ihren Leitzins in drei Schritten von 4 auf 3,25 Prozent reduzieren wird. Je nach Tagesform der Konjunkturdaten lag die Zinserwartung in den vergangenen Tagen sogar noch niedriger.

Die vom Markt vorgezeichnete Senkung des Leitzinses könne sich die Zentralbank erlauben, weil es absehbar ist, dass die derzeit noch hohe Inflationsrate bald sinken wird, sagt Sartoris. Die Wirkung der im Herbst sehr hohen Energiepreise und der Mehrwertsteuererhöhung des vergangenen Jahres auf die Teuerung lasse allmählich nach. Außerdem werde es weniger übermäßige Lohnerhöhungen geben als befürchtet, weil sich die Verhandlungsposition der Arbeitgeber in der abflauenden Konjunktur verbessert. Und so werde die Jahresrate der Inflation von derzeit gut 3 im Sommer auf 2,5 und im November wieder unter 2 Prozent sinken.

Spielraum für Leitzinssenkungen erkennt auch Klaus Wiener, Chefvolkswirt des italienischen Versicherers Generali. Die Inflationsrate sinke ohnehin, und zudem schränkten die Banken ihre Kreditvergabe ein. In der ersten Jahreshälfte werde wegen der sinkenden kurzfristigen Zinsen deshalb auch der langfristige Marktzins weiter nachgeben, was mit steigenden Anleihekursen verbunden ist. Mittel- bis langfristig erwartet Wiener aber eine Rückkehr der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen auf deutlich höhere Werte.

„Noch prägen die Kreditkrise und die Verluste der Banken die Stimmung“

Den auf Dauer fairen Wert der Rendite vermutet er eher zwischen 4,5 und 5 Prozent. Angesichts verbesserter struktureller Rahmenbedingungen für das Wachstum in Europa liege der angemessene Realzins - also das, was nach Abzug der Inflation übrigbleibt - bei 2,25 bis 2,5 Prozent. Die langfristige Inflationserwartung betrage etwa 2 Prozent, und zuzüglich einer kleinen Risikoprämie gegenüber jederzeit verfügbaren Zinsanlagen addiere er sich zu einem "fairen" Zehnjahreszins von gut 4,5 Prozent.

Das sei eine plausible Rechnung für die längere Sicht, ergänzt Klaus Holthusen, Analyst der DZ Bank. Trotzdem erwartet er weitere Kursgewinne der Anleihen und einen Rückgang der langfristigen Zinsen auf 3,6 Prozent. "Noch prägen die Kreditkrise und die Verluste der Banken die Stimmung. Das begünstigt die Flucht in sichere Anlagen." Nach dieser einige Wochen dauernden Phase rechnet auch Holthusen mit einer Beruhigung. Dann werde sich herausstellen, dass der wirtschaftliche Abschwung in Amerika nicht von langer Dauer sein wird, sagt Holthusen. "Die Welt wird doch nicht untergehen."

Wenn sich diese Erkenntnis erst durchsetze, würden sich auch auf dem Anleihemarkt die Gewichte verschieben und das Thema Inflation in der zweiten Jahreshälfte wieder eine größere Rolle spielen. Die Inflationsrate werde von heute aus betrachtet zwar fallen, aber nicht unter 2 Prozent. Deshalb rechnet Holthusen zunächst mit Kursgewinnen der Anleihen in den kommenden Wochen, im Anschluss aber mit einer kräftigen Gegenbewegung, die den Anlagezins auf Sicht von zwölf Monaten auf 4,6 Prozent nach oben treiben wird. Behält er mit dieser Prognose recht, wären die guten Zeiten auf dem Anleihemarkt nur noch von kurzer Dauer.



Text: ruh., F.A.Z., 14.02.2008, Nr. 38 / Seite 19
Bildmaterial: F.A.Z., FAZ.NET

 
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