22. März 2007 Bertelsmann und die Finanzmärkte ist schon eine Geschichte für sich. Im vergangenen Mai kaufte Europas größter Medienkonzern den 4,5 Milliarden Euro schweren Anteil des Minderheitsaktionär GBL zurück und verhinderte damit den möglichen Börsengang.
Das heißt indes nicht, dass Unternehmen und Kapitalmarkt einander nicht freundlich gesonnen wäre. Im Gegenteil gelten die Bertelsmann-Genussscheine aufgrund ihrer hohen Ausschüttungen und des geringen Risikos als attraktive Langzeitanlagen.
Bündnis mit Finanzinvestoren
Umgekehrt nutzt Bertelsmann den Kapitalmarkt gerne kreativ, um die eigenen Unternehmensziele zu verwirklichen. Neuster Coup des Unternehmens ist die geplante Auflage eines Beteiligungsfonds, um größere Akquisitionen tätigen zu können, den Vorstandschef Gunter Thielen am Mittwoch auf der Bilanzpressekonferenz ankündigte.
Dabei will Bertelsmann mit den amerikanischen Großbanken Morgan Stanley und Citigroup kooperieren. Einerseits will man so die Kontrolle über das eigenen Unternehmen nicht aus der Hand geben, andererseits ist der Verschuldungsspielraum noch durch den Aktienrückkauf von GBL begrenzt.
Ziel sei es, sich an Medienunternehmen zu beteiligen, sagte Finanzvorstand Thomas Rabe. Mit dem Fonds soll in den kommenden vier Jahren eine Milliarde Euro investiert werden, wobei die Hälfte von Bertelsmann zur Verfügung gestellt wird.
Angeblich Gebot für Thomson Learning
Wegen der im Beteiligungsgeschäft üblichen zusätzlichen hohen Fremdfinanzierungsanteile seien damit auch Beteiligungen an Unternehmen denkbar, deren Gesamtwert im hohen einstelligen Milliardenbereich liege, erläuterte Rabe. Höhere Volumina seien zwar theoretisch möglich, aber sehr unwahrscheinlich. Bertelsmann selbst werde dabei zunächst nur Minderheitsanteile übernehmen. Im Erfolgsfall will der Medienkonzern aber später die Anteile der Finanzpartner erwerben und sich so die Kontrolle über das Unternehmen sichern.
Ein erstes Übernahmeobjekt soll Bertelsmann dabei schon im Auge haben. Nach einem Zeitungsbericht sei der Konzern an der Lehrbuch-Sparte des kanadischen Fachverlags- und Informationskonzerns Thomson interessiert. Der Preis für die Sparte werde auf rund 3,7 Milliarden Euro geschätzt. Thomson hatte die Sparte im Herbst zum Verkauf gestellt, da sie nicht mehr zur Strategie passe.
Mit dem Fonds will Bertelsmann die nach einem guten Jahr 2006 gestiegenen eigenen Expansionsmöglichkeiten erweitern und von 2008 an jährlich 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung stellen.
Im laufenden Jahr Schuldenabbau im Vordergrund
2007 soll indes weiter der Schuldenabbau im Vordergrund stehen, so dass nach Angaben des Finanzchefs eventuelle Zukäufe über Verkäufe finanziert werden müssen. Das macht ein Gebot für Thomson Learning auch etwas weniger wahrscheinlich.
Das interne Finanzierungsziel des Verhältnisses der wirtschaftlichen Finanzschulden zum operativen Ergebnis (operating Ebitda) beträgt derzeit 2,8, wohingen das Maximum eigentlich bei 2,3 liegen sollte. Diese Marke will Rabe Ende dieses Jahres wieder erreicht haben. Um die Schulden zu tilgen, will Konzernchef Thielen vor allem den Gewinn weiter steigern. Wir werden auch 2007 ein gutes Jahr haben, allerdings mit geringeren Zuwächsen, sagte er.
Das vergangene Jahr bezeichnete der Vorstandschef als das erfolgreichste, das Bertelsmann je hatte. Der Konzernüberschuss hat sich auf 2,4 Milliarden Euro mehr als verdoppelt, wobei allerdings 1,4 Milliarden aus Veräußerungserlösen, darunter der Verkauf der Musikverlagssparte an den Konkurrenten Universal stammten. Der Konzernumsatz stieg um 7,9 Prozent auf 19,3 Milliarden Euro. Das Betriebsergebnis erhöhte sich um 16 Prozent auf die Rekordmarke von 1,9 Milliarden Euro.
Nur die Musiksparte macht noch Kummer
Bis auf die Musiksparte BMG wiesen aber auch alle Geschäftssparten mehr Umsatz und Gewinn aus. Trotz der Probleme werde Bertelsmann seine Beteiligung am Musikkonzern Sony-BMG behalten, sagte Rabe. Alle anderen Konzernsparten leisteten ihren Beitrag zum guten Ergebnis. Selbst das Clubgeschäft in Deutschland schaffte nach Jahren mit tiefroten Zahlen die Ertragswende.
Die guten Nachrichten verhalfen vor allem dem alten Genussschein aus dem Jahr 1992 zu einer Hausse. Allein am Donnerstag legte dessen Kurs um 8,6 Prozent auf 163,50 Prozent zu. Das ist zwar noch weit von den einstigen Höchstkursen entfernt, doch hat der Kurs damit ein neues Zwölf-Monats-Hoch erreicht. Anlass für den Kurssprung ist die Festlegung der Ausschüttung für Mai 2007 auf 12,69 Prozent, nachdem diese im Vorjahr bei nur 6,97 Prozent gelegen hatte. Dies ist die mit Abstand höchste Ausschüttung seit dem Geschäftsjahr 2003.
Ausschüttung auf alten Genussschein deutlich erhöht
Trotz des deutlichen Kursanstiegs ist die ewige Rendite des alten Genussscheins bezogen auf die durchschnittliche Ausschüttung der vergangenen drei Jahre damit deutlich höher als noch vor sechs Monaten, während die des Genussscheins 2001 leicht abgenommen hat, aber dank einer konstanten Ausschüttung von 15 Prozent weiter höher liegt.
Falls diese Ausschüttung als Vorbote für die kommenden Jahre gelten kann, so könnte sich das Verhältnis zugunsten des alten Scheins weiter verschieben. Da sich aber die Ausschüttung nach der Gesamtkapitalrendite des Konzerns und nicht unmittelbar nach der absoluten Höhe des Gewinns richtet, kann die Ausschüttung auch wieder niedriger ausfallen.
Der 2001er Genussschein erreichte nach einem mehrjährigen steilen Kursanstieg im vergangenen Frühjahr bei 256,50 ein Allzeithoch, konsolidierte dann nach der Ausschüttung wie in jedem Jahr deutlich und hat sich seitdem wieder auf ein Niveau von 249,60 Prozent erholt. Indes scheint der Schein seit Mitte 2005 in den Augen der Anleger ein als fair betrachtetes Bewertungsniveau erreicht zu haben, geht er seitdem doch eher seitwärts.
Anleihen eher eine Halteposition
Nichtsdestoweniger bietet er eine attraktive Rendite und aufgrund des eher positiven Umfelds für Bertelsmann sollte ein Kursrutsch wie seinerzeit im Jahr 2002 von 221,85 auf 170 Prozent auf absehbare Zeit kein Thema sein, während die relativ günstige Bewertung des alten Genusscheins auch Kursgewinne ermöglichen könnte. Indes ist dessen Volumen bei nur noch 17 Millionen Euro Nennwert recht gering.
Bertelsmann-Anleihen rentieren derzeit je nach Laufzeit zwischen 4,3 und 4,7 Prozent. Das Rating von Baa1/BBB+ dürfte sich dabei in den kommenden Jahren angesichts der angestrebten Balance zwischen Expansion und konservativer Investitions- und Dividendenpolitik nicht verändern. Die HSH Nordbank sieht in den Papieren Haltepositionen.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @mho
Bildmaterial: dpa, FAZ.NET
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