Rentenmärkte

Anleihemärkte im Bann der Inflation

28. Mai 2008 Der kräftige Anstieg der Inflationsraten im Euro-Raum hat die Stimmung an den europäischen Anleihemärkten umschlagen lassen. Ging die Mehrheit der Investoren sowie der professionellen Beobachter der Europäischen Zentralbank (EZB) noch vor kurzem davon aus, dass der Euro-Leitzins im Laufe des Jahres sinken werde, wird an den Zins-Terminmärkten nun eine Anhebung des Leitzinses in den nächsten zwölf Monaten von derzeit 4 auf 4,25 Prozent erwartet.

Der Stimmungsumschwung spiegelt sich vor allem in den Renditen zweijähriger Bundesanleihen. Seit ihrem Zwischentief Mitte März - als die Finanzkrise eine „Flucht" in sichere Staatsanleihen auslöste - ist sie von 2,94 auf zuletzt 4,20 Prozent steil gestiegen. „Die Erwartungen haben sich völlig gedreht", sagt David Schnautz, ein Zinsstratege der Commerzbank.

Die Erwartungen haben gedreht

Habe der Markt seinerzeit noch darauf gesetzt, dass die Krise die Konjunktur dämpfen und der EZB Spielraum für eine Senkung ihres Leitzinses auf 3,5 Prozent oder niedriger verschaffen werde, bestimme seither die unerwünscht starke Teuerung das Geschehen am Anleihemarkt. Die Investoren verlangen höhere Renditen, weil die Teuerung die Kaufkraft der Zinskupons schmälert.

Das kommt nicht von ungefähr: Im März war die Jahresinflation im Euro-Raum durch den Preisschub bei Öl und Nahrungsmitteln auf 3,6 Prozent gestiegen - den höchsten Stand in der zehnjährigen Geschichte der EZB. Zwar ist die Inflation im April wieder auf 3,3 Prozent abgeflaut, doch lag sie damit weiter klar über dem Ziel von "knapp 2 Prozent". Abgesehen davon ging der Rückgang zum Teil auf Sondereffekte wie den frühen Ostertermin zurück, die vor allem in Deutschland die Inflation dämpften. Fachleute erwarten deshalb für Mai eine wieder höhere Teuerungsrate von 3,5 Prozent. Auch in Deutschland dürfte die Inflation im Mai aufgrund des Anstiegs des Rohölpreises auf Rekordniveau auf 3 Prozent oder mehr steigen, von 2,6 Prozent im April.

Die erhöhte Inflation hat auch die Renditen der längerlaufenden Staatsanleihen nach oben getrieben. So wirft die zehnjährige Bundesanleihe - der Leithammel der europäischen Staatsanleihen - inzwischen 4,30 Prozent ab, gut einen halben Prozentpunkt mehr als auf dem Zwischentief Mitte März. Für Schnautz dürfte diese Rendite in den kommenden Wochen noch weiter steigen, da die in dieser Woche anstehenden Preisdaten aus Deutschland und dem Euro-Raum insgesamt die Inflationssorgen noch bestärken dürften. 4,5 Prozent seien durchaus möglich, meint er, zumal in den nächsten Tagen mehrere europäische Staaten den Markt mit der Emission von Anleihen in Anspruch nehmen dürften. Dazu zählt nicht zuletzt die Bundesrepublik Deutschland, die an diesem Mittwoch eine neue zehnjährige Anleihe im Volumen von 8 Milliarden Euro plazieren wird. Der Kupon des Papiers beträgt 4,25 Prozent.

Gespannter Blick auf die anstehenden Inflationsprognosen

Demgegenüber geht Kornelius Purps, ein Zinsstratege der Unicredit, davon aus, dass der Zinsanstieg auf dem jetzigen Niveau weitgehend ausgereizt ist. In den kommenden Monaten sei mit einer Seitwärtsentwicklung der Zehnjahresrendite zwischen 4 und 4,25 Prozent zu rechnen. Seine Begründung: Vor allem außerhalb Deutschlands deuteten viele Indikatoren auf eine Abschwächung der Konjunktur im Euro-Raum hin. Deshalb dürfte die EZB demnächst doch die Bereitschaft zu einer Leitzinssenkung signalisieren. Das werde dann auch die Renditen unter Abwärtsdruck bringen.

Angesichts der Unsicherheit über die weitere Geldpolitik warten viele Investoren mit Spannung auf die neuen Vorhersagen der Volkswirte der EZB und der nationalen Euro-Zentralbanken, die nach der Ratssitzung am 5. Juni veröffentlicht werden. Sollte die Inflationsprognose noch schlechter als im März ausfallen, dürften die Spekulationen auf eine Leitzinsanhebung an Fahrt gewinnen. Selbst ein Zinsschritt schon im Sommer wäre dann nicht ausgeschlossen. Den kurz nach dem zehnten Gründungstag der EZB dürfte dem EZB-Rat daran gelegen sein, ein Zeichen für seine Entschlossenheit zu setzen, Preisstabilität auch in den nächsten zehn Jahren dauerhaft zu gewährleisten.

Text: F.A.Z.

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