Europäische Zentralbank

Ökonomen uneins über künftige Zinspolitik

Von Benedikt Fehr

06. Mai 2008 Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) wird auf seiner Sitzung am Donnerstag in Athen nach einhelliger Einschätzung der EZB-Beobachter den Leitzins unverändert bei 4 Prozent belassen. Mit Spannung wird aber erwartet, ob EZB-Präsident Jean-Claude Trichet auf der Pressekonferenz die Bereitschaft zu einer Zinssenkung andeutet. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters erwarten 43 der befragten 82 Ökonomen, dass die EZB den Leitzins bis September auf 3,75 oder 3,5 Prozent senken wird. Die Spekulationen, dass die EZB den Leitzins zur Bekämpfung der Inflation demnächst anheben könnte, sind inzwischen wieder abgeflaut.

Martin Lück, ein Volkswirt der Schweizer Großbank UBS, zählt zu den Ökonomen, die bis September eine Zinssenkung auf 3,75 Prozent erwarten. Am Donnerstag werde Trichet aber noch einmal die Inflationsrisiken betonen - sowie die Entschlossenheit des EZB-Rats, die Teuerung zu bekämpfen, meint Lück. Schließlich lag die Jahresinflation im April mit 3,3 Prozent weiterhin über dem von der EZB angestrebten Ziel von „mittelfristig knapp 2 Prozent“. In den kommenden Wochen dürften die konjunkturellen Frühindikatoren aber eine deutliche Verlangsamung des Wirtschaftswachstums im Euro-Raum signalisieren, sagt Lück voraus. Dies werde der EZB dann Spielraum zu einer Leitzinssenkung verschaffen, da mit der konjunkturellen Abkühlung auch der Inflationsdruck abnehmen werde.

Nächste Leitzinssenkung erst 2009?

Ähnlich argumentiert derzeit die Mehrheit der Ökonomen. Sie verweisen darauf, dass Zinsänderungen erst nach einiger Zeit wirken; die Zentralbank müsse deshalb die zukünftige Entwicklung des Preisauftriebs in ihre geldpolitischen Entscheidungen einbeziehen. Tatsächlich hat die EZB im Jahre 2001 ihren Leitzins gesenkt, obwohl die Inflation damals mit 3 Prozent ebenfalls unerwünscht hoch war. Doch sprachen die Frühindikatoren damals für einen kommenden Abschwung. Laut Lück haben sich diese Indikatoren unlängst im Durchschnitt deutlich abgeschwächt; insofern werde die aktuelle Situation derjenigen im Jahre 2001 immer ähnlicher - was für Zinssenkungen spreche. Die EZB würde damit der amerikanischen und der britischen Notenbank folgen, die ihre Leitzinsen bereits gesenkt haben.

Demgegenüber geht Michael Schubert, ein EZB-Beobachter der Commerzbank, davon aus, dass der EZB-Rat den Leitzins frühestens im nächsten Frühjahr senken wird. Um die EZB-Beobachter auf diesen späten Termin einzustimmen, dürfte Trichet am Donnerstag die Besorgnis über die Risiken für die mittelfristige Preisstabilität eher noch stärker betonen als vor einem Monat, erwartet Schubert. Den Anlass dazu könnte die neue Übersicht über die Inflationserwartungen der professionellen Prognostiker geben, die dem EZB-Rat am Donnerstag vorliegen wird.

EZB muss für Preisstabilität sorgen

Die Wahrscheinlichkeit, mit der Prognose-Profis erwarten, dass die Inflation in fünf Jahren mehr als 2 Prozent betragen wird, ist in den vergangenen Jahren bereits kräftig gestiegen. Betrug sie im Jahre 2001 rund 35 Prozent, so im Januar 2008 schon 49 Prozent. In der Umfrage vom April könnte dieser Wert nun auf 50 Prozent und mehr gestiegen sein, spekuliert Schubert. Der Grund: Immer mehr Ökonomen gehen davon aus, dass der Preisauftrieb bei Energie und Nahrungsmitteln aufgrund grundlegender Nachfrageverschiebungen fortdauern wird. Diese Preissteigerungen bei wichtigen Gütern des täglichen Bedarfs dürften die Inflation zum einen direkt anheizen, zum anderen aber auch über erhöhte Lohnsteigerungen.

Trichet hat immer wieder betont, dass die „Verankerung der Inflationserwartungen“ besonders wichtig sei. Denn die Bürger sind nur dann bereit, sich bei der Verhandlung von Löhnen und Preisen inflationsneutral zu verhalten, wenn sie erwarten, dass die EZB zumindest mittelfristig für Preisstabilität sorgt. Ein Anstieg der Inflationserwartungen über die Marke von 50 Prozent dürfte deshalb im EZB-Rat mit großer Sorge registriert werden - und könnte ihn davon abhalten, die Geldpolitik in absehbarer Zeit zu lockern.



Text: F.A.Z.

 
Bund-Future DetailsChart
Chart
NamePunkteProzent
Dax 6.440,70 -1,46
TecDax 721,58 -3,36
DowJones 11.422,15 -1,81
Nasdaq 2.291,96 -1,46
STOXX 50 3.354,58 -0,97
Nikkei 225 13.603,31 +2,18
Euro/Dollar 1,57 -0,13
Bund Future 110,94 +0,75
Gold 925,15 +0,37
Öl 124,98 -1,22
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2008

Quellen: IS.eFinance Solutions using Deutsche Börse AG, Morningstar und weitere. IS.eFinance Solutions implemented and powered by Interactive Data Managed Solutions AG, ©  1999-2007. Alle Börsendaten werden mit 15 Minuten Verzögerung dargestellt.