Zinsen

Banken prellen Sparer um Prozente

Von Thomas Schmitt

18. Juni 2007 Ist das nicht eine Frechheit? Vor zwei Jahren bezahlte die ING-Diba auf ihrem Tagesgeldkonto 2,25 Prozent Zinsen. Das war top. Denn der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) betrug damals zwei Prozent. Inzwischen hat die EZB ihren kurzfristigen Zins auf vier Prozent verdoppelt. Doch die ING-Diba knausert nun. Bloß drei Prozent zahlt der Marktführer seinen Sparern, die 45 Milliarden Euro auf das Extra-Konto der Bank gebracht haben.

Das Verhalten sei verständlich, findet Max Herbst von der FMH-Finanzberatung. Das nächste Mal müsste die Diba ihre Zinsen wohl um einen viertel Prozentpunkt auf 3,25 Prozent erhöhen. Jeder Monat, um den sie das hinauszögert, erspart der Bank mehr als neun Millionen Euro. Geld, das sonst die Kunden bekämen, kann so an die Mutter aus den Niederlanden ausgeschüttet werden.

Hochprozentige Lockvogelangebote

Doch die Mauertaktik der Diba ist nicht mehr lange zu halten. Nun treibt die Konkurrenz die Diba vor sich her. Schon kündigt der erste Wettbewerber höhere Zinsen an.

Das börsennotierte Wertpapierhandelshaus Driver & Bengsch will seinen Tagesgeldsatz ab dem 1. Juli „auf mindestens 3,85 Prozent“ anheben. Das gelte dann für alte wie neue Kunden genauso wie für Firmen, sagt Rene Petersdorf, der Assistent des Vorstandes. So gut ist bisher kein Konkurrent, wenn man einmal von den Lockvogelangeboten absieht (siehe Tabelle). Da bietet zwar manche Bank mehr als vier Prozent, doch dies gilt oft nur für bestimmte Kunden oder geringe Beträge.

Marktführer ING-Diba unter Zugzwang

Bei Driver & Bengsch gibt es keine derartige Beschränkung mehr - im Gegensatz zu früher. Dafür verdient das Handelshaus auch nichts daran, wie Petersdorf erklärt. Hinter dem Angebot steht eher die Hoffnung, dass die neuen Kunden vielleicht andere Finanzprodukte kaufen.

Auf dieses Prinzip setzen fast alle im Tagesgeldmarkt, auch Marktführer ING-Diba, der nun unter Zugzwang gerät. Vorstand Ben Tellings kündigt vorsichtshalber schon einmal an: „Wir werden über die ganze Breite im Juli und August unsere Zinsen erhöhen.“ Um wie viel? Das verrät er noch nicht, wahrscheinlich erfahren es die Kunden Ende des Monats auf ihren Kontoauszügen.

Sparzinsen steigen langsam...

Klar ist aber schon, dass Tellings nicht an den neuen Tempomacher Driver & Bengsch herankommt. Das will er aber auch gar nicht. Für ihn ist zweierlei entscheidend: Er will besser als die meisten Volksbanken und Sparkassen sein, und er möchte seine Kunden bei Laune halten. Den besonders beweglichen Kunden bietet er zum Beispiel seit einer Weile attraktive Festgeldzinsen an. Je nach Laufzeit erscheint da auch schon mal eine Vier vor dem Komma.

Tellings ist sich seiner Kunden offenbar sehr sicher, denn er behauptet vollmundig: „Über die ganze Breite der Sparprodukte schlägt uns keiner im Markt.“ Bei solch einer Basis verschiebt sich naturgemäß der Blickwinkel. Neue Kunden braucht er offenbar keine mehr, denn die kann er mit drei Prozent oder demnächst etwas mehr nicht locken.

... die Kreditzinsen dafür schnell

Ähnlich agieren auch die meisten anderen Banken. Haben sie - wie die Diba - erst einmal eine gewisse Größe erreicht, sind sie in den Zinslisten nicht mehr vorne dabei. So ist noch nicht klar, was die Santander Consumer Bank tut. Wie andere zieht sie sich derzeit darauf zurück: „Wir beobachten den Markt.“ Das heißt: Reagiert die jeweils wichtige Konkurrenz, werden auch die eigenen Zinsen angepasst.

Anleger, die für sich immer das Optimum herausholen wollen, müssen also wechseln. Hinweise dafür liefert zum Beispiel der FAZ.NET-Service: Zinsvergleich.

Viel schneller als die Sparzinsen gingen übrigens die Kreditzinsen in die Höhe, hat Branchenbeobachter Max Herbst von der FMH-Finanzberatung festgestellt. Die großen Banken haben ihre Dispo-Sätze in den vergangenen zwei Jahren fast im Gleichklang erhöht. Einen traurigen Rekord stellte dabei nach den Erhebungen von Herbst die Dresdner Bank auf. Kein anderes Institut hat auf der Kreditseite so viel und auf der Sparseite so wenig getan wie die Frankfurter. Die Banken wissen eben, wie sie an ihren Kunden gut verdienen.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: F.A.Z.

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