Von Claus Tigges, Washington
13. Januar 2008 Mit den Leitzinsen in Amerika geht es bald weiter bergab. Das hat der oberste Währungshüter in der Federal Reserve, Ben Bernanke, in ungewöhnlich deutlichen Worten angekündigt. Spätestens am 30. Januar, zum Ende des zweitägigen Treffens des Offenmarktausschusses, wird der Zielzinssatz für Tagesgeld weiter herabgeschleust. Und die Fed wird es wohl nicht mit einem kleinen Zinsschritt bewenden lassen. Eine deutliche Zinssenkung um einen halben Prozentpunkt ist nach Einschätzung Bernankes notwendig, um den gestiegenen Konjunkturrisiken zu begegnen. Andernfalls hätte der Fed-Chairman nicht das Wort substantiell in seinen Ausführungen gebraucht.
Die Marktteilnehmer können sich darauf nun ihren Reim machen: Auf der einen Seite hebt die Aussicht auf billigeres Geld die Stimmung, weil sich dadurch die Finanzierungsbedingungen der Unternehmen verbessern. In dieser Weise sind die Kursgewinne kurz nach der Rede Bernankes zu deuten. Auf der anderen Seite zeugt die Ankündigung aber auch von einem wachsenden Konjunkturpessimismus in der Fed.
Die Furcht schlägt aufs Gemüt
Eine Rezession ist zwar nicht das wahrscheinlichste Szenario der Währungshüter, sondern nur ein verhältnismäßig schwaches Wachstum über einige Quartale hinweg; doch die Furcht vor einem Schrumpfen der Wirtschaft schlägt auch den Börsianern aufs Gemüt, wie zum Ausklang der Handelswoche spürbar wurde, als der Dow Jones knapp 2 Prozent auf 12.606 Punkte verlor. Die Erwartung sinkender kurzfristiger Zinsen und einer schwächeren Konjunktur ist aber auch abzulesen auf dem Kapitalmarkt: Dort wirft die maßgebliche amerikanische Staatsanleihe mit zehn Jahren Laufzeit derzeit nur noch 3,8 Prozent ab, rund 1,5 Prozentpunkte weniger als im Sommer vergangenen Jahres.
Die Marktauguren prophezeien derzeit fast ohne Ausnahme eine fortgesetzt hohe Schwankungsanfälligkeit der Kurse in den kommenden Wochen, nicht nur in Amerika, sondern auch an anderen Handelsplätzen wie Frankfurt, London oder Tokio. Denn auch andernorts führt das Gerede von einer Rezession in den Vereinigten Staaten zur Verunsicherung. Allerdings können die Marktteilnehmer im Euro-Raum nicht darauf hoffen, dass ihnen die Europäische Zentralbank (EZB) mit einer Leitzinssenkung die Perspektiven verbessert. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat die unmissverständliche Botschaft gesendet, dass es um die Wirtschaft des Euro-Raums nicht schlecht bestellt sei, dass aber die Risiken für die Preisstabilität längst nicht gebannt seien. Der Währungshüter appellierte vor allem an die Tarifparteien, nicht durch überzogene Abschlüsse eine gefährliche Lohn-Preis-Spirale in Gang zu setzen. Die Euro-Notenbanker, die seit Jahresbeginn die Verantwortung für die Geldpolitik in 15 Ländern tragen, neigen damit offenkundig zu einer Zinserhöhung und nicht zu einer Politik billigeren Geldes.
Analysten sprechen von einem Goldrausch
Im Spannungsfeld von Konjunktur und Zinsen befinden sich nicht nur die Aktienbörsen, sondern auch die Devisen-, Waren- und Edelmetallmärkte. Einige Währungsfachleute sagen dem Dollar im weiteren Jahresverlauf zumindest eine Stabilisierung seines Außenwertes voraus, doch vorerst setzt die Aussicht auf sinkende Leitzinsen die amerikanische Währung unter Druck. Rund 1,48 Dollar müssen für einen Euro bezahlt werden, gut 2 Cent mehr als zum Jahreswechsel. Und es reichen 109 Yen aus, um einen Dollar zu kaufen, 3 Yen weniger als Ende Dezember.
Die Kursschwäche des Dollar wiederum spielt für die Preisfindung auf dem Goldmarkt eine wichtige Rolle. Für eine Feinunze des Edelmetalls müssen derzeit knapp 900 Dollar bezahlt werden, so viel wie nie zuvor. Die Nachfrage nach Gold sei unter anderem getrieben von dem Motiv der Absicherung vieler Investoren, die auf die Werthaltigkeit des Goldes vertrauen und sich auf diese Weise vor Verlusten schützen wollen, berichten Marktbeobachter.
Die Analysten der Hypo- und Vereinsbank sprechen angesichts des rasanten Preisanstiegs in den vergangenen Wochen und Monaten gar von einem Goldrausch und sind sich sicher, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist: Gold sei immer dann besonders gefragt, wenn der Dollar schwach, die Realzinsen in Amerika niedrig und reichlich Liquidität vorhanden seien, weil in einem solchen Umfeld die Inflationsangst zumindest mittelfristig wachse, heißt es in einer Analyse für Investmentkunden der HVB. Es sei zwar möglich, dass es zu einer technischen Korrektur komme, die den Goldpreis auf 825 Dollar je Feinunze oder gar darunter drücken könnte. Langfristig aber werde Gold weiter strahlen, weil der Inflationsdruck angesichts der steigenden Energie- und Lebensmittelpreise nicht geringer werde.
Rezessionsangst drückt auch auf den Ölpreis
Die wachsende Furcht vor einer Rezession in Amerika und möglichen Weiterungen in der Weltwirtschaft drückt schließlich auch auf den Ölpreis. Wenn der globale Konjunkturmotor langsamer läuft, dann wird auch weniger Öl nachgefragt, lautet die Logik hinter der jüngsten Preisentwicklung. An der New Yorker Warenterminbörse wird das Barrel Rohöl mit Liefertermin Februar zu 92,69 Dollar gehandelt, ein Stück billiger als der kurz nach dem Jahreswechsel aufgestellte Rekordpreis von etwas mehr als 100 Dollar je Fass. Damit ist das schwarze Gold aber immer noch fast 80 Prozent teurer als vor Jahresfrist. Auf Dauer, dazu werden eine steigende Nachfrage und ein knapperes Angebot führen, ist vermutlich mit einem Ölpreis weit jenseits der 100-Dollar-Marke zu rechnen. Das bedeutet aber nicht, dass die Notierungen nicht vorübergehend spürbar sinken können, falls sich die Rezessionsbefürchtungen in Amerika und Japan erfüllen.
Der Hoffnung, dass aufstrebende Länder wie China und Indien mit einem schnellen Wachstum die Weltwirtschaft vor einer Durststrecke bewahren, hat nun der Internationale Währungsfonds einen Dämpfer versetzt. Nach einer neuen Berechnung mit aktualisierten Kaufkraftparitäten beträgt der Anteil Chinas an der Weltwirtschaft nicht 15,8, sondern nur 10,8 Prozent, und Indien steuert nicht 6,4, sondern lediglich 4,6 Prozent zur globalen Wirtschaftsleistung bei. Amerika hingegen kommt auf 21,4 und nicht nur auf 19,3 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Reuters
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 6.236,96 | -1,28 |
| TecDax | 801,36 | +0,58 |
| DowJones | 11.430,21 | +0,11 |
| Nasdaq | 2.380,38 | -0,36 |
| STOXX 50 | 3.248,92 | -1,41 |
| Nikkei 225 | 12.752,21 | -0,77 |
| S&P 500 Zert. | 12,63 | -0,71 |
| Euro/Dollar | 1,49 | +1,00 |
| Bund Future | 114,10 | -0,58 |
| Gold | 835,45 | +2,85 |
| Öl | 120,70 | +5,16 |
