Rentenmarkt

Zinsen für Liebhaber

11. August 2005 In Amerika sind die Renditen zehnjähriger Anleihen in den vergangenen Wochen immerhin von 3,9 auf 4,4 Prozent gestiegen sind. Unbeeindruckt zeigt sich davon aber der europäische Markt. Hierzulande sind die Kurse der Renten nach der amerikanischen Zinserhöhung, die nicht die letzte sein wird, sogar kräftig gestiegen. Zehnjährige Bundesanleihen versprechen nun eine jährliche Rendite von 3,35 Prozent, nur 0,25 Prozentpunkte mehr als beim Rekordtief im Juni.

Für Anleger, die schon investiert sind, ist die erstaunliche Gelassenheit auf den Märkten eine gute Nachricht, denn sie müßten bei kräftiger steigenden Renditen größere Kursverluste hinnehmen. Doch die Neuanlage ist bei den niedrigen Zinsen schwierig, weil auch risikoreichere Anleihen nur mickrige Renditeaufschläge versprechen.

Platz für Exoten

Und selbst die sind selten zu finden, weil bedingt durch die Jahreszeit wenige Schuldner den Kapitalmarkt anzapfen. Größere Emissionen kommen allenfalls aus dem besonders sicheren Pfandbriefsegment, das nicht viel mehr Rendite als Bundesanleihen bietet.

Die sommerliche Flaute schafft Raum für Exoten. Ein Beispiel dafür ist die Anleihe des ostdeutschen Herstellers von Sportwagen und Wohnwagen, Funke & Will. Die Gesellschaft, die von zwei gleichnamigen Ingenieuren betrieben wird, möchte bei den Anlegern gerade einmal zwei Millionen Euro für die Expansion in Amerika einsammeln. Das ist im Vergleich zu den milliardenschweren Emissionen der Etablierten ein Klacks. Für manchen Privatanleger mag die Verzinsung von jährlich 7,25 Prozent jedoch Verlockung genug sein. Funke und Will vermarkten die Anleihe auf eigene Faust ohne die Hilfe einer Investmentbank. Das wäre auch sinnlos, denn die Beratung würde einen großen Teil der Emission auffressen.

Damit geht die ostdeutsche Gesellschaft, die in kleinen Stückzahlen den Sportwagen "Yes" herstellt, einen Weg, den seit gut zwei Jahren schon ein knappes Dutzend Mittelständler beschritten hat. So hat zum Beispiel der Wursthersteller Zimbo eine mit sieben Prozent verzinste Anleihe aufgelegt. Gleiches gilt für den Duisburger Rohstoffhändler PCC.

Emissionen aus dem Osten

Eine ganze Reihe von Emissionen stammt inzwischen aus dem Osten. Dort war Halloren - nach eigenen Angaben Deutschlands älteste Schokoladenfabrik - mit einem Siebenprozenter (fällig 2009) so erfolgreich, daß eigens ein Finanzvertrieb gegründet wurde. Inzwischen verkauft die Halloren Finanzdienstleistungs GmbH für drei weitere Emittenten Anleihen, darunter auch Funk&Will. Im Angebote sind Helma Eigenheimbau (7 Prozent, fällig 2011) sowie die Bäckerei Pauly (7,25 Prozent, fällig 2010) mit einem Volumen von jeweils 10 Millionen Euro. Halloren hat seine eigene Anleihe schon von zehn auf zwölf Millionen Euro aufgestockt.

"Zurückgeben wollte noch keiner die Anleihe", sagt Monika Spornhauer, die mit fünf Kollegen bei Halloren Anleihen verkauft. Ginge auch gar nicht, die Titel sind nicht börsennotiert. Wer verkaufen wolle, müsse schon selbst einen Käufer finden. Bisher habe sie aber noch nie von einem solchen Ansinnen gehört, sagt Frau Spornhauer. Sie verkauft Anleihen, die im Normalfall bis zur Fälligkeit gehalten werden.

Umstrittene Anlage

Der Absatz der Anleihen sei sehr unterschiedlich. Mal rufen 30 Leute am Tag in Halle an, manchmal aber auch nur zehn. Die erhalten dann den Verkaufsprospekt, schicken einen Kaufauftrag zurück, überweisen das Geld und erhalten schließlich auf ihr Wertpapierdepot die Anleihen gebucht. Investmentbank, Orderbuch oder Roadshow? Nicht notwendig für den Mittelstand. Auch sonst sind die Zinstitel der Mittelständler ungewöhnlich. Ein Rating gibt es nicht. "Wozu auch?" fragt der Automobiltechniker Philipp Will, der im Alltag Sportwagen ohne Dach und Heizung baut. "Wir veröffentlichen einen Prospekt, da steht alles drin."

Bei Verbraucherschützern sind die Kleinstanleihen umstritten. Das fehlende Rating veranlaßt manche Verbraucherzentrale zu einer Warnung und der Aufforderung, sich das Unternehmen genau anzuschauen, bevor man Anleihen zeichnet. Die Skepsis ist angebracht und der Hinweis berechtigt. Denn nicht alle Unternehmen, die den Kapitalmarkt auf eigene Faust anzapfen, sind finanziell stabil. Ein Rating ist zwar keine Garantie gegen einen Zahlungsausfall. Es schafft aber zusätzliche Transparenz. Fehlt die Note, müssen die Anleger sich selbst kundig machen. Das heißt aber nicht, das ein Engagement bei den hausgemachten Anleihen generell zu riskant wäre. Es gilt nur der Grundsatz: Es prüfe, wer sich bis zur Fälligkeit bindet. Stefan Ruhkamp

Text: F.A.Z., 11.08.2005, Nr. 185 / Seite 17
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