Kreditmärkte

Bonität der Unternehmen auf dem Tiefstand

Von Nicholas Riccio

28. September 2007 Derzeit befindet sich das Bonitätsprofil amerikanischer Industrieunternehmen auf seinem historisch niedrigsten Stand. Die Rating-Agentur Standard & Poor's erwartet, dass sich der Abwärtstrend nach einer vorübergehenden Korrektur noch weiter fortsetzt, da minderwertige Neuemittenten und die bestehenden, in punkto Rating zunehmend glückloseren Unternehmen die Zahl der Emittenten mit Bonitätsnoten im spekulativen Bereich weiter vergrößern.

Dies spiegelt zum Teil die Auswirkungen zweier langfristiger Trends wider: Zum ersten gehen die Anleger höhere Risiken ein, zum anderen wenden die Unternehmen zur Beruhigung ihrer Aktionäre aggressivere Finanzstrategien an.

Amerikanische Industrieunternehmen der Rating-Kategorie 'B' stellen nahezu die Hälfte aller von Standard & Poor's vergebenen Bonitätsbewertungen. (Ausgenommen sind hier Versorgungsbetriebe und Kreditinstitute.) Auf diese Kategorie, die nun für 46 Prozent aller Bewertungen verantwortlich zeichnet, entfielen im Jahr 1980 lediglich 7 Prozent der Bewertungen. Ein Großteil des rasanten Wachstums der 'B'-Kategorie in den vergangenen Jahren ist darauf zurückzuführen, dass neue Unternehmen im mittleren Marktsegment derzeit die Anleihen- und Kreditmärkte erschließen und es zu einem drastischen Anstieg fremdfinanzierter Übernahmen gekommen ist.

Kreditqualität in Kategorie 'B' deutlich verschlechtert

Im Jahr 1988 erhielten die von Standard & Poor's bewerteten amerikanischen Industrieunternehmen insgesamt zu etwa einem Drittel ein Rating der Kategorie 'B'. Nach zehn Jahren relativer Stabilität - bis 1998 verzeichnete diese Unternehmensgruppe einen Zuwachs von lediglich drei Prozentpunkten und stellte somit 36 Prozent aller Bewertungen - erleben wir nun einen weiteren kräftigen Zuwachs in dieser Kategorie. So hat die Zahl dieser Unternehmen allein im vergangenen Jahr um vier Prozentpunkte zugelegt.

Da sich die Kreditgeber infolge der gegenwärtigen Turbulenzen an den Kreditmärkten wohl weiterhin eher risikoscheu verhalten dürften, erwarten wir etwa im kommenden Jahr eine leichte Korrektur nach unten. Einige Hinweise lassen jedoch darauf schließen, dass sich innerhalb der kommenden drei Jahre mehr als die Hälfte aller bewerteten amerikanischen Unternehmen in der Kategorie 'B' einfinden werden.

Noch aussagekräftiger dürfte die Tatsache sein, dass sich sogar innerhalb der Kategorie 'B' die Kreditqualität verschlechtert hat. Das neutrale B-Rating stellt nun erstmals die größte Rating-Bezeichnung von Standard & Poor's, nachdem es 2007 sogar die Bezeichnung 'B+' übertrumpft hat. Neutrale 'B'-Ratings nehmen nun 46 Prozent der gesamten Kategorie 'B' ein, während 38 Prozent auf die Bezeichnung 'B+' entfallen.

Ausfälle nehmen zu

In Abwesenheit eines nachhaltigen Konjunktureinbruchs dürfte jeder Höhenflug in Richtung steigender Kreditqualität wohl eher einem - kurzen und flachen - Sprung in seichte Gewässer gleichen. Wir glauben, dass der Markt nach einer zu erwartenden Korrektur seinen langfristigen Trend zu höheren Bonitätsrisiken fortsetzen wird. Des Weiteren erwarten wir im kommenden Jahr eine starke Zunahme an Ausfällen infolge der minderwertigen Schuldtitelemissionen der vergangenen Jahre.

Dieser jüngste Abstieg auf der Rating-Leiter spiegelt in vielfacher Weise den Trend der achtziger Jahre wider, als es erstmals zu einer Flut von Bonitätsbewertungen im spekulativen Bereich kam. Dieser Trend setzte jedoch zu einer Zeit ein, als über zwei Drittel der bewerteten amerikanischen Industrieunternehmen eine gute Bonität aufwiesen. Die gegenwärtige Abnahme der Bonität fällt wesentlich stärker ins Gewicht, da die von ihr betroffenen Unternehmen von Anfang an mit einem vergleichsweise niedrigen Rating belegt wurden.

Der kräftige Zuwachs in der Bonitätskategorie 'B', der 2003 wieder ernsthaft in Erscheinung trat, fällt mit einer umfassenden Abwärtsbewegung auf der Bonitätsleiter zusammen. Neben einer Reihe „gefallener Engel“ (Kreditnehmer, die vom anlagewürdigen in den spekulativen Bereich abgeglitten sind) beobachten wir einen Abstieg von Unternehmen aus den höchsten Bewertungsstufen sowie eine Schar von Neuemittenten, die sich mit einem Rating im spekulativen Bereich zufrieden gibt. In den vergangenen vier Jahren verteilte Standard & Poor's im amerikanischen Industriesektor über 1.100 neue Ratings der Kategorie 'B'.

Gute Bonitätsbewertungen vom Aussterben bedroht?

Den Unternehmen gelingt es, Kreditgeber zu gewinnen, die vermehrt nach hohen Renditen streben. Bis vor kurzem bedeutete dies, dass sich viele Kreditnehmer aus der Spekulationskategorie zu einem Zinssatz Kapital beschaffen konnten, der dem nahe kam, was historisch als anlagewürdiger Satz galt, da sich die Zinsspannen stark verringerten.

Der prozentuale Anteil der Unternehmen, die sich in der anlagewürdigen Bonitätskategorie 'BBB' befinden, hat sich anscheinend nicht verändert und liegt heute mit 17 Prozent nur einen Prozentpunkt unter dem Niveau von 1980. Dies ist natürlich in Zusammenhang mit den Unternehmen zu sehen, die mit 'A' und höher bewertet wurden und nun auf die Plätze abgefallen sind, die die in den spekulativen Bereich abgestiegenen Unternehmen geräumt haben. Auffällig ist, dass die Zahl der mit 'A' und höher bewerteten Unternehmen von 17 Prozent im Jahr 1998 und ganzen 50 Prozent im Jahr 1980 auf schwache 11 Prozent gefallen ist. (Auch dieser Abstieg vollzog sich überwiegend in den Jahren 1980 bis 1988, als die Zahl der mit 'A' und höher bewerteten Unternehmen auf 30 Prozent zurückging.)

Der prozentuale Anteil der Kreditnehmer, die von Standard & Poor's mit einem Rating der spekulativen Kategorie 'BB' belegt wurden, hielt sich ebenfalls nahezu konstant. Diese Kategorie, die die Bewertungen 'BB-', 'BB' und 'BB+' umfasst, nimmt nun einen Anteil von 23 Prozent unserer Ratings ein. Somit liegt sie nur ein Quäntchen über dem Anteil von 22 Prozent im Jahr 1980, aber deutlich über dem Anteil von 17 Prozent im Jahr 1988.

Die deutliche Abnahme des Bonitätsprofils amerikanischer Unternehmen lässt ohne Frage darauf schließen, dass die Ausfallquote mit einiger Sicherheit steigen wird. Einfach ausgedrückt hat ein mit 'BBB' bewertetes Unternehmen bessere Überlebenschancen als ein Unternehmen mit Rating 'B'. Dennoch ist es kaum verwunderlich, dass mit einem Anteil von nur wenig mehr als einem Viertel (28 Prozent) der amerikanischen Industrieunternehmen, die mit 'BBB-' oder höher bewertet werden, gute Unternehmensbonitäten mehr und mehr der Vergangenheit angehören.

Riccio ist Geschäftsführer bei Standard & Poor's Ratings Services.



Text: Business Week Online
Bildmaterial: FAZ.NET

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