BIZ-Studie

Die Finanzmärkte hören den Geldpolitikern gern zu

28. Februar 2008 Zentralbankpräsidenten dürfen ruhig ein wenig geschwätzig sein. Denn die Teilnehmer an den Finanzmärkten halten die Zentralbanken ohnehin nicht für die alleinige Quelle ökonomischer Weisheit. Das ist, etwas pointiert formuliert, das Ergebnis einer Untersuchung der Ökonomen Richhild Moessner und William Nelson, die von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) als Arbeitspapier veröffentlicht wurde.

Die Kommunikation der Zentralbanken hat sich in den vergangenen Jahren wesentlich verändert. Waren die Währungshüter früher meist verschlossen, geizen sie heute nicht mit Hinweisen auf bevorstehende geldpolitische Maßnahmen und die ihnen zugrunde liegende Einschätzung der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung. Die Zinssenkungen der Fed in den vergangenen Monaten hatte ihr Gouverneur Ben Bernanke mehr oder weniger deutlich zuvor angekündigt. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, benutzt in der Finanzszene mittlerweile bekannte Kodewörter. Spricht Trichet in einer Pressekonferenz von "starker Wachsamkeit" (strong vigilance) der EZB, gilt dies als ein sicheres Anzeichen für eine bevorstehende Erhöhung der Leitzinsen.

Auch Zentralbanken können irren

Diese Ankündigungspolitik ist umstritten. Ihr Ziel, die Öffentlichkeit und damit auch die Finanzmärkte zu informieren und damit ein Stück Unsicherheit aus der Welt zu schaffen, gilt im Grundsatz als löblich. Aber es bestehen auch zwei grundsätzliche Bedenken. Der erste Einwand ist die Sorge, die Teilnehmer an den Finanzmärkten würden sich in ihrer Einschätzung der wirtschaftlichen Zukunft zu sehr an den Prognosen der Zentralbanken ausrichten und auf eigene Forschung und Meinungsbildung verzichten. Wenn aber alle wichtigen Marktteilnehmer sich in ihrer Beurteilung der wirtschaftlichen Perspektiven hauptsächlich an Zentralbanken orientierten, würden die Zentralbanken indirekt Einfluss auf die Preisbildung an den Märkten erhalten - was sie aber nicht wollen.

Zum zweiten wäre ein blindes Vertrauen in die ökonomische Weisheit von Zentralbanken eventuell einseitig. Denn auch Zentralbanken können irren. Wäre es daher nicht vielleicht doch besser, wenn die Zentralbanken auf die Ankündigung geldpolitischer Maßnahmen verzichteten?

Moessner und Nelson halten diese Bedenken für unbegründet. Sie haben Marktreaktionen auf Ankündigungen von Zentralbanken in Europa, Amerika und Neuseeland untersucht und überwiegend keinen bestimmenden Einfluss der Geldpolitik auf die Preisbildung an den Finanzmärkten festgestellt. Die Marktteilnehmer "erweckten nicht den Eindruck, als nähmen sie die Ankündigungen der Zentralbanken zu ernst". Stattdessen vertrauen Marktteilnehmer auch auf eigenen Sachverstand oder das Urteil von Dritten.

Wenn eine Zentralbank ihre Meinung ändert, geht die Welt nicht unter

Ein weiteres Ergebnis der Autoren ist ebenfalls von Bedeutung: "Änderungen der Politik einer Zentralbank haben offenbar keine Erschütterungen an den Finanzmärkten zur Folge." Damit entkräften sie eine zweite Kritik an der Vorankündigung geldpolitischer Entscheidungen. Diese zweite Kritik besagt, dass eine Zentralbank unglaubwürdig zu werden drohe, wenn sie unter dem Eindruck neuer Daten ihre Beurteilung der wirtschaftlichen Lage kurzfristig ändern und, zum Beispiel, eine bereits angekündigte Änderung der Leitzinsen zurücknehmen müsse.

Moessner und Nelson zitieren den früheren Chef-Volkswirt der EZB, Otmar Issing, der mit Hinblick auf die Ankündigung geldpolitischer Schritte durch Kodewörter einmal sagte: "Mit dem Gebrauch solcher Kodewörter setzt sich eine Zentralbank unter den Druck, ein Quasiversprechen erfüllen zu müssen. Wenn sie in der Zwischenzeit ihre Einschätzung der Lage wegen neuer Entwicklungen ändert, gerät die Zentralbank in das Dilemma, Marktturbulenzen auszulösen, falls sie die Erwartungen der Märkte enttäuscht. Dies gilt auch dann, wenn die Zentralbank überzeugende Argumente für ihre Neubeurteilung der Lage besitzt. Daher müssen Andeutungen über künftige Entscheidungen immer als eingeschränkte Verpflichtungen betrachtet werden. Das aber ist schwer zu kommunizieren." Glaubt man Moessner und Nelson, war Issing hier zu pessimistisch.



Text: F.A.Z., 29.02.2008, Nr. 51 / Seite 21
Bildmaterial: Reuters

 
Bund-Future DetailsChart
Chart
NamePunkteProzent
Dax 6.326,90 +3,26
TecDax 786,98 +3,39
DowJones 11.220,96 +0,29
Nasdaq 2.255,88 -0,14
STOXX 50 3.312,48 +3,98
Nikkei 225 12.624,46 +3,38
S&P 500 Zert. 12,28 -3,08
Euro/Dollar 1,43 -0,58
Bund Future 114,75 -0,46
Gold 811,32 +1,06
Öl 104,17 -3,09
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2008

Quellen: IS.eFinance Solutions using Deutsche Börse AG, Morningstar und weitere. IS.eFinance Solutions implemented and powered by Interactive Data Managed Solutions AG, ©  1999-2007. Alle Börsendaten werden mit 15 Minuten Verzögerung dargestellt.