Geldpolitik

Bernanke wird die Inflation ignorieren

Von Peter Coy

29. Februar 2008 Ben S. Bernanke, der Präsident der amerikanischen Notenbank (Fed), ging am 27. Februar zum Kapitol, als wäre er ein General, der vom Schlachtfeld ins Hauptquartier beordert wurde, um über den Verlauf eines Krieges mit schlechten Siegesaussichten Bericht zu erstatten.

In seiner halbjährlichen Anhörung zur Geldpolitik vor dem Bankenausschuss des Senats unterstrich er das Problem: Die Wirtschaft sieht sich einem Zweifrontenkrieg gegenüber, mit der Finanzkrise nebst wirtschaftlicher Abschwächung auf der einen und der Inflation auf der anderen Seite. Je stärker die Fed gegen die Finanzkrise und die potentielle Rezession zu Felde zieht, desto größer wird der Druck an der Inflationsfront. Und umgekehrt.

Inflationsentwicklung ist für die Fed gegenwärtig sekundär

Bernanke, der das Amt des Notenbankchefs vor zwei Jahren von Alan Greenspan übernahm, ist um dieses Dilemma wahrlich nicht zu beneiden. Die Fed operiert nach seinen Worten „in einem von Abwärtsrisiken für das Wachstum, von angespannten finanziellen Bedingungen und von Inflationsdruck geprägten Umfeld.“

Bernanke verwies darauf, dass die Fed der Bekämpfung der Finanzkrise und der Stimulierung der Wirtschaft zumindest gegenwärtig eine höhere Priorität einräume als der Inflationseindämmung. „Die Lage an den Finanzmärkten ist nach wie vor äußerst prekär“, so Bernanke. Und obwohl die Fed für das Gesamtjahr 2008 weiterhin von einem moderaten Wirtschaftswachstum zwischen 1,3 und 2,0 Prozent ausgeht, „bestehen nach wie vor Abwärtsrisiken für diesen Ausblick“. Zu diesen Risiken zählt die Möglichkeit einer stärker als erwarteten Abschwächung auf dem Häuser- und dem Arbeitsmarkt sowie die Wahrscheinlichkeit, dass sich die trotz der geldpolitischen Maßnahmen der Fed nach wie vor angespannten Kreditbedingungen „weiter deutlich verschärfen könnten“. Mit Blick auf die Inflation sagte er, dass das Fed-Gremium von einer „deutlichen Abschwächung im Jahr 2008“ ausgehe.

In gewohnt nüchterner Manier verkündete Bernanke, dass die Mitglieder des Offenmarktausschusses „im Bedarfsfall zeitnah handeln und Abwärtsrisiken in angemessener Weise entgegentreten werden“. Marktteilnehmer lesen darin, dass Bernanke an seiner Absicht festhalten werde, den als Leitzins geltenden Tagesgeldsatz während der nächsten Sitzung des Offenmarktausschusses am 18. März deutlich zu kappen. Futures-Händler wetten auf eine Leitzinssenkung um 50 Basispunkte von drei auf dann zweieinhalb Prozent, ein größerer Kreis von Händlern spekuliert nach Bernankes Rede sogar auf einen Zinsschritt von 75 Basispunkten.

Schlechte Nachrichten an mehreren Fronten

Ganz gleich, wie sich die Fed letztlich entscheiden wird: Angesichts des Dilemmas der konträren Ziele - Wachstumsstimulierung und Inflationsbekämpfung - ist eine allseits zufrieden stellende Lösung unmöglich. Der als sensibler Indikator für Inflationsängste geltende Goldpreis ist auf fast 1.000 Dollar je Feinunze gestiegen, während der Ölpreis pro Barrel erneut um die Marke von 100 Dollar pendelt. Am 26. Februar meldete die Regierung zudem einen Anstieg der Erzeugerpreise im Januar. Der auf das Jahr hochgerechnete Zuwachs betrug in den vergangenen drei Monaten annähernd elf Prozent

Zu diesen Problemen gesellen sich weitere Zeichen einer deutlichen Abschwächung der Wirtschaft. Wie das Forschungsinstitut Conference Board am 26. Februar mitteilte, ging der Index des Verbrauchervertrauens im Februar um weitere 12 Punkte auf 75 zurück, während die Komponente der Verbrauchererwartungen auf ein 17-Jahres-Tief sank. Am selben Tag verkündete Standard & Poor's für seinen S&P/Case-Shiller-Hauspreisindex einen Rückgang um 9,1 Prozent im Jahresvergleich. Der Informationsdienst RealtyTrac berichtete für Januar derweil einen Anstieg der Zwangsvollstreckungen um 57 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Am 27. Februar meldete schließlich die Regierung einen unerwartet starken Rückgang der Auftragseingänge für langlebige Güter.

Wird Bernanke seinen Fokus weiterhin auf die Bekämpfung der Finanzkrise und der wirtschaftlichen Abschwächung richten, selbst wenn die Inflation zu einem immer größeren Problem wird? Bei der Beantwortung dieser Frage hilft ein Blick in seine wissenschaftliche Arbeit über die Weltwirtschaftskrise, die für die seinerzeit neu geschaffene Fed zufälligerweise ein ähnliches Dilemma darstellte. Bernanke führte aus, dass die Fed damals selbst zu einer Verschlimmerung der im August 1929 eingetretenen Rezession beitrug, die ansonsten recht gewöhnlich verlaufen wäre. Die Fed, so äußerte er sich in einer Rede im Jahr 2002, hatte ernste Probleme des Bankensystems ignoriert und die Zinsen auf hohem Niveau belassen, um zu verhindern, dass Gold ins Ausland abgezogen werde.

Wiederholt sich die Geschichte?

Die Parallelen zwischen der Weltwirtschaftskrise und der Gegenwart sind zwar aufschlussreich, greifen jedoch zu kurz. In den 1920er-Jahren gab es einen kräftigen Aktienmarktanstieg, eine Technikbegeisterung (Radio) und eine Immobilienblase (in Florida). Die Fed hätte die Zinsen nach dem Einsetzen der Rezession 1929 aggressiv senken müssen, beließ diese jedoch auf hohem Niveau und erhöhte sie sogar noch in der irrigen Annahme, dass dies zur Aufrechterhaltung der Dollar-Gold-Bindung notwendig war (ein hohes Zinsniveau ermutigte Ausländer, Dollarbestände zu halten, anstatt diese in Gold einzutauschen). In seiner wissenschaftlichen Arbeit an der Princeton University wies Bernanke nach, dass die Wirtschaftskrisen von Ländern umso schwerer ausfielen, je länger sie in den 1930er-Jahren am Goldstandard festhielten. Seinerzeit argumentierten die Anhänger restriktiver Geldpolitik für ein Beibehalten des Goldstandards.

Heute lautet das entsprechende Argument: Inflation sollte Staatsfeind Nummer eins sein. Und der entsprechende Fehler heutiger Geldpolitik wäre, die Zinsen auf einem zu hohen Niveau zu halten, um Preissteigerungen zu bekämpfen. Bernanke könnte diesen Fehler sehr wohl umgehen, da seine Intuition stark von seiner langjährigen akademischen Auseinandersetzung mit ähnlichen Fehlern der 1930er-Jahre geprägt ist. „Bernanke ist sich deutlich bewusst, welche Rolle die Zentralbank als Refinanzierungsinstitut der letzten Instanz zur Verhinderung schwerwiegender Störungen des Finanzsystems spielt“, sagt Barry Eichengreen, Volkswirt an der Universität von Kalifornien in Berkeley.

Damit ist allerdings nicht gesagt, dass der Notenbankchef vor einer leichten Entscheidung stünde. Bernanke ist sich sehr wohl im Klaren, dass die Fed bei der Bekämpfung einer sich auf höherem Niveau verfestigten Inflation letztlich zu einer umso stärkeren Zinsanhebung gezwungen sein wird. Unter der Fed-Präsidentschaft von Paul Volcker bedurfte es einer Erhöhung des Leitzinses auf 19 Prozent und der Geißeln zweier Rezessionen, um das in den Siebzigerjahren grassierende Inflationsfieber zu senken. Komplexe Finanzinnovationen wie Verbriefungen von Krediten in Wertpapierform machen es der Fed indes schwerer, Finanzbedingungen zu bewerten, von Einflussnahme ganz zu schweigen. Damit wird alles möglich. „Zentralbanker müssen in gewisser Hinsicht improvisieren“, meint Eichengreen.

Weitere Zinssenkungen als Demonstration von Führungsstärke?

Die Fed unter Bernankes Führung hat innovative Wege beschritten, um das Bankensystem mit ausreichend Liquidität zu versorgen. So wurde etwa der Zeitraum der Geldverleihung verlängert und eine größere Bandbreite an Sicherheiten eines breiteren Spektrums von Finanzinstituten akzeptiert. Die Notenbank senkte den Leitzins allein im Januar um 125 Basispunkte. So schlecht die finanziellen Bedingungen derzeit auch sind, ohne einige der kreativen Maßnahmen der Fed wären sie wahrscheinlich noch schlechter.

Doch je weiter der Leitzins gesenkt wird, desto mehr Widerstand stellt sich Bernanke in den Weg. Richard W. Fisher, Präsident der Fed von Dallas, war bei der Zinssenkung vom 30. Januar noch der einzige Abweichler im Gremium. In einer Rede am 7. Februar in Mexiko-Stadt verglich er die Politik des billigen Geldes mit einem „wirklich großartigen Tequila“ - ein Genuss in Maßen, aber verhängnisvoll in Massen. Es bleibt abzuwarten, inwieweit sich Bernanke den Gegnern weiterer Zinssenkungen beugen wird. Er sagte einst, dass die Weltwirtschaftskrise zum Teil deshalb eintrat, weil die „Zentralbank der wichtigsten Wirtschaftsnation der Welt im Jahre 1929 de facto führungslos war und es ihr an Sachverstand mangelte“. Wenn er nach dieser Einstellung handelt, dann dürfte Führungsstärke für ihn darin bestehen, die Zinsen so lange zu senken, wie dies erforderlich ist, um die Wirtschaft aus der Gefahrenzone zu manövrieren.

Der Autor ist Reporter bei Business Week.



Text: BusinessWeek Online
Bildmaterial: FAZ.NET

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