Von Victoria Wagner und Robert McNatt
15. Februar 2008 Für viele Finanzinstitute war das vierte Quartal 2007 eine schwere Prüfung. Auch die kommenden Monate dürften dem Sektor einiges abverlangen, und zwar umso mehr, je länger und ausgeprägter die konjunkturelle Abkühlung ausfällt. Angesichts der rasanten Geschwindigkeit, mit der sich die Ereignisse seit dem vergangenen Sommer entwickeln, stellt die Gewinnsituation nicht mehr das einzige Problem dar.
Kredit- und Liquiditätsprobleme wurden rasch zu ausschlaggebenden Faktoren mit Auswirkungen auf Emittenten und Anleger. Ihre schnelle Entfaltung und ihre Folgenschwere haben viele Marktteilnehmer überrascht, wenngleich sich Standard & Poor's seit einiger Zeit bewusst war, dass sich bestimmte Risiken auftürmen und nur auf den richtigen Moment warten, um einzustürzen.
Herabstufungen nicht zwangsläufig
Glücklicherweise traten viele Finanzinstitute aus einer Position der Stärke heraus in diesen Abwärtszyklus ein. Doch die sich ausbreitenden Störungen zehren spürbar an dieser Stärke. Schwächer ausfallende Gewinne werden jedoch trotz Rezessionsängsten und Sorgen um eine qualitative Verschlechterung von Kreditportfolios nicht zwangsläufig zu Ratingherabstufungen führen.
In unseren Ratings berücksichtigen wir einen normalen Zyklusrückgang und Verbesserungen beim Risikomanagement. Wir erwägen Ratingänderungen im Kontext umfassender wirtschaftlicher Entwicklungen sowie im Vergleich mit Finanzinstituten, die ähnliche Profile aufweisen. Unsere Rating- und Ausblickänderungen erfolgen größtenteils im Zusammenhang mit Ausreißern in Bezug auf Risikomanagementdefizite und übermäßige Risikokonzentration.
Kreditqualität der Banken nach wie vor problematisch
Unsere aktuelle Ratingverteilung für Bankholdinggesellschaften weist eine leichte Negativtendenz auf, und auch unsere jüngsten Ausblickänderungen bei breiter aufgestellten Finanzinstituten sind eher abwärts gerichtet, wobei die Ratings von positiv auf stabil oder von stabil auf negativ zurückgenommen wurden (vgl. Infografik).
Banken mit starkem Engagement in Vermögenspositionen sinkender Qualität waren im vierten Quartal einem höheren Risiko von Ratingherabstufungen ausgesetzt, was im laufenden Jahr anhalten wird. Im vergangenen Quartal stuften wir 13 Nichtversicherungsunternehmen des Finanzsektors herab und senkten die Ausblicke von 17 dieser Unternehmen.
Großbanken mit Milliardenabschreibungen
Die Schwierigkeiten des Sektors gehen vor allem auf die anhaltende Verschlechterung des Marktes für zweitklassige (Subprime) Hypothekenkredite zurück. Jüngste Prognosen gehen nicht davon aus, dass sich der amerikanische Häusermarkt vor 2009 erholen wird. Mehrere große Banken und Brokerhäuser haben bereits enorme Abschreibungen hypothekarisch besicherter Wertpapiere vorgenommen, darunter die Citigroup und Merrill Lynch, die beide herabgestuft und mit negativem Ausblick versehen wurden.
Die Citigroup schrieb strukturierte Wertpapiere (CDOs), mit Subprime-Hypotheken besicherte Wertpapiere und Übernahmekredite im Volumen von insgesamt 21 Milliarden Dollar ab. Die Abschreibungen von Merrill Lynch beliefen sich in der zweiten Jahreshälfte 2007 auf 16,8 Milliarden Dollar, womit das Ende der Fahnenstange jedoch noch nicht erreicht sein dürfte.
Auch JPMorgan, Bank of America, Morgan Stanley und andere große Finanzkonzerne mussten im Zusammenhang mit hypothekarisch besicherten Wertpapieren kräftig Federn lassen. Andere Banken wiederum haben in Reaktion auf die sich rapide verschlechternde Qualität von Kreditportfolios ihre Rückstellungen für Hypothekenkredite erhöht und im vierten Quartal Nettoverluste ausgewiesen.
Rückstellungen deutlich erhöht
Die rasante Kreditverschlechterung führt dazu, dass der Boden dieses Zyklus' deutlich ausgeprägter verlaufen könnte als in früheren Zyklen. Der breite Kreis von Finanzinstituten mit hohen Verlusten im vierten Quartal ist für den Beginn einer Abschwungphase alles andere als gewöhnlich.
Wie bereits vor kurzem angemerkt, wird die Bildung von Rückstellungen im Jahr 2008 das große Problem sein. Banken haben ihre Rückstellungen über das für Ausbuchungen erforderliche Niveau hinaus erhöht, wobei Großbanken ihre Rückstellungen stärker ausgeweitet haben als kleinere Banken, da sie von Anfang an ein geringeres Rückstellungsniveau aufwiesen (vgl. Infografik).
Ein Hoffnungsschimmer für Banken und Brokerhäuser: Viele von ihnen sind auf dem Markt für Übernahmekredite weniger stark engagiert, was sie der im vergangenen Oktober vorherrschenden Kreditverknappung verdanken, die es ihnen ermöglichte, das Volumen dieser Kredite in ihren Büchern zu verringern. Der in jüngster Zeit erfolgte weitere Rückgang in der Bepreisung von Kreditengagements wird das Ausmaß möglicher negativer Auswirkungen auf diese Banken und Brokerhäuser im ersten Quartal abschwächen.
Der Krug geht solange zum Brunnen…
Durch die Abschreibungen in Verbindung mit hypothekarisch besicherten Wertpapieren wurde die Kapitaldecke der Finanzkonzerne geschwächt, und wir konnten bereits beobachten, wie die Bilanzen dieser Konzerne mit Kapitalspritzen liquiditätsstarker Staatsfonds aus Asien und Nahost gestützt wurden.
Der starke Gegenwartswert zukünftiger Gewinne vieler Finanzinstitute ermöglicht ihnen jedoch die Aufbringung frischen Kapitals, üblicherweise mittels Pflichtwandelanleihen (vgl. Infografik). Die Fähigkeit von Großunternehmen zur Kapitalaufnahme und die Bereitschaft der Anleger, sich in diesem Sektor zu engagieren, halten sich bislang noch die Waage. Wir müssen jedoch annehmen, dass der Krug dieser Institute nur solange zum Brunnen der Märkte geht, bis er bricht.
Auf lange Sicht werden sich die Banken dem Druck der Aktionäre ausgesetzt sehen und sich dem Problem einer massiven Verwässerung stellen müssen, sobald diese Hybridprodukte in Eigenkapital gewandelt werden. Darüber hinaus leiden einige kleinere Finanzinstitute unter ungünstigen Konditionen, die ihre Fähigkeit beeinträchtigen, die Märkte zum Zwecke weiterer Kapitalaufnahme anzuzapfen.
Das größte schwarze Loch
Für die größten amerikanischen Banken und Brokerhäuser stellt sich seit kurzem zudem die Frage, ob mögliche Bonitätsherabstufungen bei Anleiheversicherern in weiteren Abschreibungen resultieren und sich negativ auf die Gewinnsituation auswirken können. Das größte Verlustpotential liegt bei Ausfallgarantien, die Anleiheversicherer für die sogenannten Super-Senior-Tranchen von CDOs bereitstellen.
Bislang betreffen die von Banken ausgewiesenen Verluste in Verbindung mit ihrem CDO-Engagement vornehmlich unversicherte Positionen, doch die von Anleiheversicherern garantierten Subprime-CDOs im Volumen von 125 Milliarden Dollar befinden sich nach wie vor in den Beständen einer relativ kleinen Anzahl von Banken, von denen bislang nur wenige das Ausmaß ihres Engagement in diesem Bereich offen gelegt haben.
Wir wissen jedoch, dass sich einige dieser Finanzinstitute, unter anderem die Citigroup, mit Rückstellungen gegen die mit diesen Ausfallgarantien verbundene Unsicherheit gerüstet haben. Es sei auch angemerkt, dass nicht nur Anleiheversicherer Ausfallgarantien für diese CDO-Tranchen stellen.
Auch Regionalbanken leiden
Letztlich dürfte die konjunkturelle Abkühlung zahlreiche Kreditklassen strapazieren. Notleidende erstklassige Hypothekenkredite und Nettokreditausfälle werden mittlerweile nicht nur von Banken mit großem Immobilienfinanzierungsgeschäft, sondern auch von Regionalbanken gemeldet. Die Verluste im Zusammenhang mit hypothekarisch gesicherten Dispositionskrediten stoßen auf immer neue Höhen vor.
Daneben zeigen sich auch Auto- und Kreditkartenkredite im vierten Quartal anhaltend schwach (vgl. Infografik). Die rekordhohen Verluste mit hypothekarisch gesicherten Dispositionskrediten sind die Folge eines Wachstumszenits dieser Kredite im Jahr 2005, einer riskanteren Kreditvergabe (einschließlich einer Erhöhung der Beleihungswerte) und sinkender Eigenheimpreise in zentralen Hypothekenmärkten. Das Ergebnis im Auto- und Kreditkartengeschäft wird im laufenden Jahr stark davon abhängen, inwieweit sich die Lage der Gesamtwirtschaft auf das Verbraucherverhalten auswirkt.
Vor einem harten Jahr
Schwierigkeiten mit der Kreditqualität waren im vierten Quartal nicht nur auf Portfolios mit Subprime-Hypotheken und hypothekarisch gesicherten Dispositionskrediten beschränkt. Da sie an den rückläufigen Häusermarkt gekoppelt sind, trat der stärkste Anstieg notleidender Kredite im vierten Quartal bei Baufinanzierungsdarlehen und gewerblichen Immobilienkrediten auf (vgl. Infografik).
Banken, die verglichen mit anderen Akteuren der Branche überdurchschnittliche Kreditausfälle und -engagements verzeichnen, sind von Ratingherabstufungen am stärksten betroffen. Wir werden unsere Toleranz gegenüber schwachen Ergebnissen im Kreditgeschäft einzelner Banken auf Grundlage des Ratingniveaus des jeweiligen Instituts bewerten und im Kontext der individuellen Gewinne, der Kapitalausstattung und der bestehenden Geschäftsaktivitäten gewichten.
Amerikanischen Banken und Brokerhäusern steht ein hartes Jahr bevor, erst recht für Institute mit Defiziten im Risikomanagement und/oder einem stärkeren Engagement in Vermögenspositionen sinkender Qualität. Bei der Bestimmung der Aussichten für den Finanzsektor wird die konjunkturelle Abkühlung in diesem Jahr eine tragende Rolle spielen. Wir rechnen zwar nicht mit einem extremen Wirtschaftsrückgang, doch für den Fall, dass ein solcher eintritt, werden wir eine Neubewertung unseres Ausblicks für diese Institute vornehmen.
Victoria Wagner ist Director bei Standard & Poor's Ratings Services. Robert McNatt ist leitender Redakteur bei Standard & Poor's Securities Services.
Text: Business Week Online
Bildmaterial: Commerzbank Research, FAZ.NET, S&P