Ratings

Agenturen sehen sich zu Unrecht in der Kritik

Geschasst? S&P-Chefin Kathleen Corbet trat offiziell nicht im Zusammenhang mit den Turbulenzen an den Kreditmärkten zurück

Geschasst? S&P-Chefin Kathleen Corbet trat offiziell nicht im Zusammenhang mit den Turbulenzen an den Kreditmärkten zurück

05. September 2007 Die wegen ihrer Rolle in der Finanzkrise in die Kritik geratenen Ratingagenturen wehren sich. Fitch und Standard & Poor's, zwei der drei führenden Agenturen, haben in Stellungnahmen ihre Methoden verteidigt. Wichtigster Punkt: Ratingagenturen seien keine Berater. Die Bezahlung durch den Emittenten eines Wertpapiers könne zwar zu Interessenkonflikten führen, aber dies sei auch bei jedem anderen Vergütungsmodell der Fall. Auch seien die Agenturen selbst daran interessiert, solche Konflikte zu vermeiden, weil die Qualität ihrer Bonitätsnoten ihr wichtigstes Kapital sei.

Anlass für Rechtfertigungen gibt es genügend. Politiker und Anleger werfen ihnen Schlafmützigkeit bei der Bewertung der amerikanischen Hypothekenkrise vor. Sie hätten zu spät reagiert, als die Ausfallraten auf dem Markt für finanzschwache Immobilienschuldner stiegen. Außerdem seien die Verbriefungen, mit denen die Banken diese Kredite in alle Welt weiterverkauften, zu optimistisch gewesen. „Die Ratingagenturen haben immer einen Scheck kassiert, wenn einer dieser Subprime-Pools geschaffen wurde“, schimpfte Mark Dann, Generalstaatsanwalt von Ohio. „Sie haben die Verbriefungen mit Höchstnoten versehen und zählen zu den Leuten, die den fortgesetzten Betrug unterstützt haben.“ Auch die Europäische Kommission kündigte an, die Arbeit der Kreditbewerter zu überprüfen.

„Paradoxe“ Vorwürfe

Der internationale Druck lässt die Agenturen nicht kalt. Standard & Poor's hat schon die Führung ausgetauscht (Führungswechsel bei der Ratingagentur S&P). Wer derzeit Vertreter der Ratingagenturen trifft, sieht etwas, was sie sonst nur selten zeigen: Emotionen. Ungewöhnlich emotional sind auch die Stellungnahmen von S&P: In der Finanzkrise sei den Agenturen zum Vorwurf gemacht worden, dass manche Wertpapiere, die mit der Bestnote „AAA“ bewertet sind, mit Risikoprämien von 0,1 Prozentpunkten gehandelt würden, andere - ebenfalls mit „AAA“ bewertet - aber mit einer Risikoprämie von 2 Prozentpunkten.

Daraus werde abgeleitet, dass die Bonitätsnoten falsch seien. Dies sei „paradox“, heißt es in der Stellungnahme. Denn üblicherweise werde den Ratingagenturen vorgeworfen, ihre Ratings bestimmten Preise und Liquidität auf dem Markt. Die Agenturen - so der übliche Vorwurf - seien deshalb zu mächtig, zumal man ja nicht wissen könne, ob die Ratings auch richtig seien.

Die beiden Vorhaltungen widersprächen sich, heißt es in der Stellungnahme. Wenn Ratingagenturen wirklich die Macht hätten, die Kurse zu bestimmen, und Ratings die einzigen Faktoren wären, dann dürfte es keine Unterschiede in den Risikoprämien geben. Wenn aber andererseits die Investoren den Ratings grundsätzlich misstrauten und sie nur aufgrund ihrer eigenen Einschätzung investierten, dann sei nicht zu erkennen, dass die Agenturen überhaupt irgendeine Macht hätten.

Ausfallrisiko und Verlustwahrscheinlichkeit sind nicht dasselbe

In Wahrheit resultierten die unterschiedlichen Bewertungen des Marktes und die unterschiedlichen Risikoprämien daraus, dass Ratings Kreditqualität und Ausfallgefahr in einer Spanne beschrieben, heißt es bei S&P. Schon allein deshalb könne es zu Unterschieden in der Marktbewertung kommen.

Noch wichtiger sei, dass das Ausfallrisiko nur einer von vielen Faktoren sei, die den Marktpreis bestimmten. So könne die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls bei zwei Wertpapieren gleich hoch sein, der zu erwartende Verlust aber sehr unterschiedlich. Abweichungen könne es auch wegen der unterschiedlichen Liquidität, der Seltenheit des Emittenten oder der Schwankungsanfälligkeit geben.

Beistand erhalten die Agenturen auch von Investmentbankern. „Ratingagenturen werden für die Krise an den Kreditmärkten verantwortlich gemacht. Das ist für viele Marktteilnehmer sehr bequem“, sagt Nigel Myer, Analyst bei Dresdner Kleinwort.

„Inkonsequente“ Forderungen der Politik

Auf beiden Seiten des Atlantiks riefen Politiker nach einer stärkeren Regulierung der Ratingagenturen (Politiker greifen Rating-Agenturen an; ). Sie vergäßen aber ihre eigene Rolle, den Ratingagenturen in den vergangenen Jahren ein immer größeres Gewicht bei den Anforderungen der Kapitaladäquanz-Richtlinie (CAD) und den Eigenkapitalvorschriften nach Basel II zukommen zu lassen.

Myer hält es für inkonsequent, dass die Politiker einen großen Teil der Bankenaufsicht und Eigenkapitalunterlegung auf Basis der Bewertungen von Ratingagenturen formulieren, nun aber behaupten, Ratingagenturen seien nicht sicher und müssten reguliert werden. „Wenn, dann hätten Forderungen nach besserer Ausbildung und höheren Qualitätsanforderungen schon früher kommen müssen und nicht erst jetzt im Nachklapp.“

Schließlich sei bekannt gewesen, dass Ratingagenturen auch die Asien-Krise und die Turbulenzen um Enron und Worldcom nicht vorausgesehen hätten - genauso wenig wie es der Markt getan habe. „Die Marktteilnehmer müssen zugeben, dass der Gebrauch von Ratings Kosten reduziert, und dafür müssen sie die Verantwortung übernehmen.“

Text: F.A.Z., 05.09.2007, Nr. 206 / Seite 21
Bildmaterial: AP

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