Interview

"Jetzt ist eine sehr gute Zeit für Anleihen"

18. Februar 2008 Matthieu Louanges ist 36 Jahre jung, aber arbeitet schon seit 14 Jahren im Finanzsektor. Der Franzose aus der Atlantikstadt Les Sables d'Olonne war zuvor bei der Deutschen Bank und einer Tochtergesellschaft der Commerzbank. Gerade ist er zu einem der Geschäftsführer der Allianz Global Investors, der Fondsgesellschaft des Versicherungskonzerns, ernannt worden. Dort ist er für die Rentenmärkte verantwortlich. Er selbst verwaltet den Euro Bond Total Return Fonds (Isin LU0140355917).

Herr Louanges, rollt in der Finanzkrise der nächste Tsunami auf uns zu? Wenn amerikanische Anleiheversicherer bankrottgehen, reißt das die ganzen Finanzmärkte mit.

Ich denke nicht, dass es so viel schlimmer wird. Die Versicherer haben vor allem amerikanische Kommunalanleihen und strukturierte Produkte versichert. Diese Anleihen könnten noch weiter unter Druck geraten.

Und damit den ganzen Rentenmarkt in Panik versetzen?

Das glaube ich nicht. Es würde nicht alle Bereiche treffen. Viele Risiken sind bereits in den Kursen berücksichtigt. Und wenn die Panik doch größer wird, könnte das sogar die Flucht in sichere Staatsanleihen verstärken.

Glauben Sie, dass die Versicherer pleitegehen?

Ich rechne damit, dass die Banken vorher eine Lösung finden werden, um die Versicherer zu retten.

Das wird sie neue Milliarden kosten und den Banksektor abermals belasten. Dann vergeben die Banken noch weniger neue Kredite, und die ganze Wirtschaft leidet.

Für einige Banken kann das so sein. Aber nicht alle Instituts sind stark betroffen und müssen daher bei den Krediten noch restriktiver werden, als es schon ist.

Also Finger weg von Bankanleihen?

Nein, nicht unbedingt. Sie bieten hohe Renditen zwischen fünf und sieben Prozent. Die Kurse sind tief gefallen, teilweise viel zu tief. Es sind sehr große Risiken eingepreist. Und es gibt Hoffnung. Seit einigen Wochen verbessern die Institute ihre Finanzlage und sind bei der Kreditvergabe vorsichtiger. Sie wollen ihr Rating schützen und ihre Schulden begrenzen. Sie begeben derzeit Anleihen mit attraktiven Konditionen. Die sinkenden Leitzinsen verbessern die Lage zusätzlich, weil sich die Banken günstiger refinanzieren können.

Das ist trotzdem riskant.

Natürlich. Es kann sein, dass Bankanleihen zum Beispiel wegen der Anleiheversicherer kurzfristig noch stärker unter Druck geraten. Aber für einen langfristig orientierten Anleger sind das bei einigen Instituten Kaufkurse. Er sollte Banken mit einem starken Fokus auf den Privatkunden auswählen. Dieses Geschäftsmodell sorgt für stabile Erträge. Die Folgen der Finanzkrise sind dort nicht so groß wie bei den Instituten mit bedeutendem Investmentbanking.

Und wie sind die Aussichten für den Rest des Rentenmarktes?

Die Unternehmen fangen erst an zu leiden. Die Flaute wird bis weit in das nächste Jahr dauern. Aber das sind gute Vorzeichen für Anleihen und Rentenfonds. Die Gelegenheit zum Einstieg ist so günstig wie seit Jahren nicht mehr. Mit Anleihen lassen sich in diesem Jahr bis zu zehn Prozent verdienen, wenn der aktuelle Trend andauert. Bis Ende 2009 sind sie attraktiv.

Zehn Prozent mit Anleihen, ist das nicht etwas hoch gegriffen?

Keineswegs, allein in den ersten sechs Wochen des Jahres haben wir schon fast 4 Prozent verdient. Und da ich erwarte, dass die Marktrendite um weitere 0,5 Prozentpunkte sinken wird, dürften die Kurse der Anleihen im Schnitt noch um rund 2,5 Prozent steigen. Zusammen mit einem Zinskupon von 4 Prozent wären das weitere 6,5 Prozent.

So eine gute Entwicklung schon zu Jahresanfang ist ungewöhnlich. Wie kam das?

Die Angst vor einer Rezession hat die Anleger aus Aktien in extrem sichere Anlagen getrieben. Das hat vor allem Staatsanleihen von Industrieländern stark begünstigt.

Ist die Sorge berechtigt?

In den Vereinigten Staaten sind wir wahrscheinlich schon in einer Rezession. Ich erwarte 2008 nur ein Wachstum von einem Prozent.

Und im Euroraum?

Der Anstieg wird sich auf 1,8 bis 2 Prozent deutlich verringern. Italien könnte auch schon in der Rezession sein. Deutschland wird unter sinkendem Exportwachstum wegen des hohen Euro leiden.

Bleibt denn der Euro so stark?

Er wird nicht billiger werden. Aber auch nicht mehr teurer. Denn die Europäische Zentralbank wird wegen der wirschaftlich schlechteren Aussichten im zweiten Quartal die Zinsen senken - bis zum Jahresende um 0,75 Prozentpunkte auf 3,25 Prozent. 2009 wird es wohl noch weiter nach unten gehen. Sogar zwei Prozent sind denkbar.

Das ist doch schlecht für Anleihen, weil die Inflation dadurch steigen wird.

Das glauben wir nicht. Die wirtschaftliche Eintrübung wird die Preissteigerung auf etwa 2,4 Prozent drücken.

Sorgen die Notenbanken mit ihren Zinssenkungen nicht dafür, dass wieder eine neue Blase entsteht wie am amerikanischen Häusermarkt?

Die Gefahr ist eher gering. In keinem Markt ist die Dynamik derzeit so stark, dass sie sich durch billiges Geld der Zentralbanken zu einer Preisblase ausweiten dürfte.

Auch nicht in Schwellenländern?

Es mag vereinzelte Übertreibungen am chinesischen Aktienmarkt geben, aber das schnelle Wachstum in Asien ist durch den Aufholprozess dieser Staaten fundamental gerechtfertigt. In der aktuellen Krise wirken die Schwellenländer eher stabilisierend und verstärken Turbulenzen nicht mehr wie noch vor einigen Jahren.

Und warum ist Ihre Konjunktureinschätzung gut für Anleihen?

Ein idealer Zeitpunkt zum Kauf von Anleihen ist, wenn der Leitzins sein höchstes Niveau erreicht hat und noch nicht sinkt, wenn die Inflationsrate auf dem Höhepunkt ist und wieder zurückgeht und wenn das Wirtschaftswachstum anfängt zu sinken. All das ist derzeit in Europa der Fall. In Amerika gilt das schon einige Monate, daher ist der Euroraum einer der Favoriten.

Welche Laufzeiten sollten Anleger für ihre Anleihen wählen?

Fünf bis zehn Jahre. In diesem Bereich reagieren die Kurse am positivsten auf schlechte Wirtschaftsdaten. Kurze Laufzeiten leiden unter den kommenden Leitzinssenkungen. Es ist also Zeit, vom Geldmarktkonto in Anleihen umzuschichten.

Welche empfehlen Sie?

Staatsanleihen aus Industrieländern sind nach dem kräftigen Anstieg der vergangenen Wochen teuer geworden. Ich finde derzeit Pfandbriefe sowie staatliche Anleihen aus Mexiko, Russland und Brasilien attraktiv. Letztere sollten von Währungsgewinnen profitieren. Wichtig dabei ist aber die breite Streuung auf viele Anleihen.

Unternehmensanleihen sind zu riskant?

Papiere von konjunkturabhängigen Firmen würde ich meiden, vor allem wenn sie kein erstklassiges Rating haben. Da könnte es noch nach unten gehen, wenn die Wirtschaft sich eintrübt. Aber Anleihen von Versorgern oder Pharmaunternehmen trifft das weniger, sie sind interessant. Denn durch die Flucht in Staatsanleihen wurden sie zu stark abgestraft und sind jetzt günstig zu kaufen. Da sind bis zu sechs Prozent Ertrag im Jahr möglich.

Die Anleiheversicherer, auch Monoliner genannt, könnten in der Finanzkrise für die nächsten Turbulenzen sorgen. Sie springen ein, wenn ein Kreditnehmer seine Schulden nicht zurückzahlen kann. Weil derzeit viele Schuldner nicht zahlen, sind die Versicherer in große Finanzschwierigkeiten geraten. Die Agenturen haben viele Ratings reduziert.

Am Freitag drohte New Yorks Gouverneur Eliot Spitzer, die Versicherer zu zerschlagen, wenn sie nicht in den nächsten Tagen gerettet werden. Für diesen Fall warnt Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann vor einem „Finanz-Tsunami“. Mehrere Banken sollen an der Rettung arbeiten, darunter die Dresdner Bank. Es dürfte sie Milliarden kosten.

Auch die Aktionäre der Anleiheversicherer und die Halter der Kommunalkredite werden durch Kursverluste getroffen. Wenn die Rettung fehlschlägt, werden viele Anleihen an Wert verlieren. Das wird auch die Banken zusätzliches Geld kosten und könnte zu neuen Abschreibungen in Milliardenhöhe führen.

Das Gespräch führte Dyrk Scherff.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.02.2008, Nr. 7 / Seite 47
Bildmaterial: FAZ.NET, Roeder, Jan

 
Bund-Future DetailsChart
Chart
NamePunkteProzent
Dax 6.127,44 -2,42
TecDax 761,19 -4,17
DowJones 11.220,96 +0,29
Nasdaq 2.255,88 -0,14
STOXX 50 3.185,83 -2,72
Nikkei 225 12.212,23 -2,75
S&P 500 Zert. 12,28 -3,08
Euro/Dollar 1,43 +0,04
Bund Future 115,28 +0,12
Gold 802,80 +0,00
Öl 104,17 -3,09
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2008

Quellen: IS.eFinance Solutions using Deutsche Börse AG, Morningstar und weitere. IS.eFinance Solutions implemented and powered by Interactive Data Managed Solutions AG, ©  1999-2007. Alle Börsendaten werden mit 15 Minuten Verzögerung dargestellt.