Geldspritzen der Notenbanken

Die Zeiten werden nicht besser

Dollars waren am Geldmarkt dringend gesucht

Dollars waren am Geldmarkt dringend gesucht

12. Dezember 2007 Bisweilen werden die Finanzmärkte gierig. Als die amerikanische Zentralbank am Dienstagabend die Zinsen zwar zum dritten Mal, aber eben nur um 25 Basispunkte senkte, reagierten Aktienanleger mit Verkäufen.

Die Kurse an der Wall Street gaben ebenso kräftig nach wie in Japan und später in Europa. Die Investoren hatten auf eine stärkere Lockerung der geldpolitischen Zügel gehofft. Zwar deutete die Federal Reserve Bank an, dass weitere Zinssenkungen möglich seien, doch das reichte den Anlegern nicht.

Nach Enttäuschung über Zinssenkung neue Hoffnungen

Die Fed begründete die Zinssenkung damit, dass sich das Wirtschaftswachstum verlangsame. Die Immobilienkrise habe sich verschärft und belaste zunehmend Verbraucher und Unternehmen.

Und so kamen am Mittwoch wieder Hoffnungen auf, die Fed könnte mit alternativen Vehikeln jenseits des altbewährten Zinsinstruments für Liquidität sorgen. Unter anderem berichtet die „Financial Times“, bereits am heutigen Mittwoch könnte die Fed mit einer fundamentalen Überarbeitung ihrer Finanzinstrumente beginnen und dem Geldmarkt Liquidität zuschießen.

Und sie wurden nicht enttäuscht, viel mehr bekamen sie noch einen Bonus. Nicht die Fed alleine, nein insgesamt fünf Zentralbanken in Nordamerika und Europa kündigten eine gemeinsame Aktion an, um einen für das Jahresende befürchteten Liquiditätsengpass am weltweiten Geldmarkt zu verhindern.

Vor allem Dollar fehlten

Neben der Fed und der EZB beteiligen sich auch die Schweizer Nationalbank SNB, die Bank von England und die Bank of Canada an der Aktion, mit der große Mengen zusätzlichen Geldes ab dem kommendem Montag den derzeitigen Engpass überbrücken sollen.

Zunächst will die Fed den Geschäftsbanken per Auktion Kredite im Volumen von bis zu 20 Milliarden Dollar bereitstellen. Eine weitere Versteigerung gleichen Volumens soll bereits drei Tage später am 20. Dezember stattfinden. Auch im Januar will die Fed dann noch zwei weitere derartige Geldmarktoperationen durchführen. Weitere Aktionen könnten je nach Lage an den Märkten folgen.

Die EZB plant zwei Auktionen über je zehn Milliarden Dollar, um einen Dollar-Engpass in Europa zu verhindern. Dabei werden ihr die dafür nötigen Dollars von der Fed per so genanntem Devisenswap zur Verfügung gestellt. Die EZB verteilt dieses Geld dann per Auktion an die Geschäftsbanken in Europa. Die SNB will den Schweizer Banken bis zu vier Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Auch sie erhält die Dollars von der Fed. Die Bank of Japan erklärte, sie mache sich keine Sorgen über die Stabilität des heimischen Geldmarktes am Jahresende. Deshalb reichten die bestehenden Geldmarktoperationen aus.

Sofortwirkung am Geldmarkt

Die Aktienmärkte reagieren mit deutlichen Kursgewinnen auf die Ankündigung der Zentralbanken. Der Dax kletterte in Frankfurt um bis zu 1,35 Prozent, an der Wall Street legte der Dow Jones zwei Prozent zu. Der Euro sprang kurzzeitig auf knapp 1,4742 Dollar.

Am europäischen Geldmarkt entspannte sich die Lage nach der Ankündigung des Eingriffs der Notenbanken. „Die Zinssätze für lange Laufzeiten fallen“, sagte ein Disponent. Die Klemme am Geldmarkt war entstanden, weil sich die Geschäftsbanken wegen der von den Vereinigten Staaten ausgehenden Kreditkrise in den vergangenen Wochen nur widerwillig gegenseitig Geld geliehen hatten. Als Folge waren die Zinssätze für Geschäfte mit einer Laufzeit bis ins neue Jahr hinein immer weiter gestiegen (Rekord-Geldmarktzins: Banken fürchten um Liquidität).

In Notenbankkreisen war von einer noch nie dagewesenen gemeinsamen Aktion diesen Ausmaßes die Rede, mit der die Zentralbanken der angespannten Lage an den Märkten Herr werden wollten. In Kreisen der Bundesbank wurde betont, dass eigentlich genug Geld im System sei - angesichts des Vertrauensverlustes der Geschäftsbanken untereinander würden diese das Geld aber für den Jahresultimo horten.

Banken voll des Lobes

Die Notenbanken in den Vereinigten Staaten und Europa hatten den Markt bereits in den vergangenen Monaten mit Liquiditätsspritzen versorgt. Dabei konnten sie einen Anstieg der Geldmarktzinsen aber immer nur für wenige Tage unterbinden.

Banken-Volkswirte bewerten die Aktion größtenteils positiv. Deka-Bank-Chefvolkswirt Ulrich Kater lobte die Notenbanken: „Die Märkte brauchen dringend Liquidität, daher ist die Maßnahme genau richtig. Der Euribor liegt derzeit rund 90 Basis-Punkte über dem Satz der EZB und ist damit ungewöhnlich hoch. Normal ist ein Abstand von 20 bis 30 Punkten. Dies ist Ausdruck des Misstrauens, das die Banken untereinander hegen.“

Julian Cessop von Capital Economics sieht eine doppelte Wirkung: „Erstens sieht das immer gut aus. Zweitens stellen die Banken zusätzliche Liquidität gleich auf mehreren Wegen bereit. Das könnte das Risiko senken, dass Volkswirtschaften durch eine Kreditklemme in die Rezession abgleiten.“

Stephan Rieke von der BHF-Bank sieht in der konzertierten Aktion ein tiefergehende Aktion: „Viele Adressen in Europa brauchen Dollar-Liquiditäten in größerem Umfang und nicht nur tageweise. Das lässt sich nur mühsam über die Devisenmärkte beschaffen. Hier wird ein einfacherer Zugang zu Liquidität erschlossen.“

„Stigma“ des Diskontsatzes

Das sekundiert auch Kornelius Purps von der Unicredit: „Das Problem war, dass die Banken auch Funds von fremden Währungen benötigten und weil sämtliche Interbankenmärkte blockiert waren, war dies doppelt so schwer. Jetzt gibt es endlich Devisen-Swaps. Das ermöglicht jetzt den europäischen Geschäftsbanken, kurzfristig Dollar aufzunehmen. Es ist eine Maßnahmen, die erstmal hilft. Ob das genug ist wird sich zeigen.“

T.J. Marta, Rentenanalyst der Raiffeisen Centrobank erklärt, warum nicht der Diskontsatz gesenkt wurde: „Das Problem bei der Inanspruchnahme des Fed-Diskontsatzes ist das damit verbundene Stigma. Keine Bank will den Eindruck erwecken, möglicherweise Finanzierungsprobleme zu haben. Das Problem bei den bisherigen Offenmarkt-Operationen war, dass die von der Fed an die entsprechenden Banken geleitete Liquidität nicht durch das gesamte Finanzsystem zirkulierte, weil die Banken einander nicht genug trauen, um sich untereinander Geld zu leihen. Eine Auktion scheint diese beiden Probleme zu lösen.“

Anleihen unter Druck

Volkswirt Rainer Sartoris von HSBC Trinkaus & Burkhardt erläutert die Auswirkungen auf die Märkte: „Die Maßnahme zielt darauf ab, die Anspannung an den Geldmärkten zu reduzieren. Das wird von den Märkten positiv interpretiert und hat dementsprechend den Aktienmarkt anziehen lassen. Dadurch hat sich der Druck auf die Rentenmärkte spürbar verstärkt.“

Dort ging es zunächst kräftig nach unten. Der März-Kontrakt des richtungweisenden Bund-Futures brach um bis zu 109 Basispunkte auf 112,92 Prozent ein, bevor er sich weider stabilisieren konnte.

„Die Risiko-Aversion der Marktteilnehmer hat sich nach der Notenbanken-Aktion dramatisch geändert“, sagt ein Händler. „Wir sehen hier einen massiven Rückzug aus den Sicherer-Hafen-Vehikeln, wie Regierungsanleihen und besonders kurzfristigen Papieren“.

Zu wenig Feuer, zu viel Rauch?

Indes zeigen die Marktreaktionen ein derzeitiges Grundsatzproblem der Finanzmärkte. Auf den Punkt brachte es bereits am Dienstagabend ein technischer Analyst: „Das ist ein Makromarkt - der wird als ganzes gekauft oder verkauft, und nicht einzelne Unternehmen.“ Beim Abverkauf am Dienstag sei dies an den Umsätzen erkennbar gewesen: Rund 93 Prozent des gesamten Marktumsatzes habe nur in fallenden Aktien stattgefunden.

Anders gewendet hängen die Märkte am Tropf der Notenbanken. Für Geldpolitiker alter Schule ist dies ein Albtraum, da nicht Werte geschaffen werden, sondern strukturelle Probleme durch inflationäre Aufblähung der Liquidität bekämpft werden, die erst durch eine im Übermaß verfügbare Liquidität entstanden sind.

Damit gössen die Banken ständig Öl ins Feuer um dieses nicht ausgehen zu lassen. das kann natürlich nur solange gut gehen, solange noch Öl vorhanden ist beziehungsweise, um im Bild zu bleiben, der Rauch nicht der Volkswirtschaft in Form von einer unkontrollierten Inflation die Luft zum Atmen nimmt.

Stau oder Mangel?

Wann und inwieweit die kurzfristigen Rettungsaktionen die Probleme von morgen schaffen, ist derzeit nicht wirklich abzuschätzen. Dies hängt in hohem maße davon aus, inwieweit es sich um einen Liquiditätsmangel oder aber einen Liquiditätsstau handelt. Im zweiten Fall wird das gehortete Geld früher oder später wieder in den Markt fließen und kann dort neue, vielleicht sogar schlimmere Verwerfungen auslösen.

Handelt es sich um einen echten Liquiditätsmangel, so könnte der Effekt auf die Geldmenge unter Umständen sogar netto kontraktiv sein. Wenn aber aus der Bundesbank zu hören ist, dass eigentlich genug Geld im System sei , so lässt dies eher pessimistisch in die längerfristige Zukunft blicken.

Konrad Hummler, Teilhaber der ältesten Privatbank der Schweiz, Wegelin & Co. sieht die Politik in ein Dilemma führen. Wenn sie kurzfristig funktionierte, riskiere man Konsequenzen, die heute noch gar nicht abschätzbar seien. Es würden ökonomisch höchst fragwürdige Anreize gesetzt. Funktioniere sie dagegen aufgrund einer Überschätzung der Mittel von Zentralbanken und Behörden nicht, stehe man vor der Insolvenz größerer Investmentbanken und einer entsprechend dramatischen Kettenreaktion auf den Finanzmärkten.

Er hofft vor allem auf die Wirkung von Marktkräften. Er sieht eine gute Chance, dass diese Kräfte zur Lösung der Krise beitragen: durch Bankchefs, die ihre Unternehmen einer Fitnesskur unterziehen, durch risikofreudige Investoren, die dem Markt für Hypotheken wieder zu Liquidität verhelfen; und durch finanzkräftige „Weiße Ritter“ aus Fernost, Russland und dem Mittleren Osten, die notleidende Unternehmen mit frischen Finanzmitteln unterstützen.

Die Börsen dagegen zeigen derzeit Eigenschaften einer Drogensucht. Sie reagieren manisch, sobald ihnen eine Dosis verabreicht wird oder diese in Aussicht ist und fallen in die Depression, wenn es den Anschein hat, dass sie ohne diese auskommen müssen. Für Kapitalanleger, die über den Tag hinaus denken sind dies jedenfalls derzeit keine guten Rahmenbedingungen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
Bildmaterial: dpa, FAZ.NET

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