Anleihen

Sorgen um Islands Zahlungskraft

Gesten der Beruhigung: Ein Demonstrant versucht, auf die aufgebrachte Menge vor der isländischen Zentralbank einzuwirken

Gesten der Beruhigung: Ein Demonstrant versucht, auf die aufgebrachte Menge vor der isländischen Zentralbank einzuwirken

21. Oktober 2008 Ist Island schon zahlungsunfähig? Nach einer Antwort auf diese Frage suchen seit genau zwei Wochen nicht nur die rund 315.000 Inselbewohner, sondern Beobachter rund um den Globus. Der Ministerpräsident selbst, Geir Haarde, hatte an jenem Montagabend in einer dramatischen Fernsehansprache vor einem drohenden Staatsbankrott gewarnt, weil die Zahlungsverpflichtungen der isländischen Banken das Bruttoinlandsprodukt um ein Vielfaches überstiegen, der Staat per Notstandsgesetz aber eine Garantie für sie übernahm.

Inzwischen gleicht die Situation einem Indizienprozess, in dem Regierung und Notenbank beharrlich die ungeschmälerte staatliche Liquidität betonen, sich zugleich aber die Hinweise darauf mehren, dass es um diese in Wirklichkeit nicht mehr allzu gut bestellt ist.

Die Stimmung in Reykjavik wird gereizter: Demonstranten vor der isländischen Zentralbank

Die Stimmung in Reykjavik wird gereizter: Demonstranten vor der isländischen Zentralbank

So jedenfalls lässt sich die am Montag verbreitete Meldung interpretieren, dass die verstaatlichte Kaupthing-Bank zwei Investoren die fälligen Zinsen für eine Anleihe über 50 Milliarden Yen nicht gezahlt hat. Schon in der vergangenen Woche hatte die Finanzaufsichtsbehörde bestätigt, dass die ebenfalls verstaatlichte Glitnir-Bank eine fällige Anleihe über 750 Millionen Dollar bislang nicht hat zurückzahlen können.

Das Versprechen des Ministerpräsidenten

Spätestens diesen Donnerstag, versprach Ministerpräsident Haarde nun in einem Interview, werde es eine Lösung für die Devisenknappheit geben. Bis dahin sollen Gespräche über einen Kredit des Internationalen Währungsfonds abgeschlossen sein. Bis dahin wollen offenbar auch die Behörden in ihrer Informationspolitik Kurs halten. „Island hat keine Nettoverschuldung im Ausland; die Regierung tut seit jeher alles, um die Bonität des Staates aufrechtzuerhalten; jetzt verstärkt sie diese Bemühungen noch“ - das ist der Dreiklang aus Notenbank und Außenministerium.

Die Zahlungsschwierigkeiten ließen sich umso schneller lösen, je rascher die verstaatlichten Banken Glitnir, Kaupthing und Landsbanki neu gegründet würden. Die Restrukturierung des Bankensektors kommt in der Tat voran. So trennen sich die drei Institute von ihrem Auslandsgeschäft. Die schwedische HQ-Bank hat für 8 Millionen Dollar die schwedische Glitnir-Sparte übernommen, beim finnischen Ableger kam es zu einem Management-Buy-Out.

Eine neue Firma für die Broker

Diese Lösung ist am Montag auch für das kontinentaleuropäische Börsengeschäft von Landsbanki gefunden worden: Statt unter Landsbanki Kepler firmieren die Broker, die auch in Frankfurt eine Niederlassung haben, nun unter Kepler Capital Markets. „Nyr Glitnir“ und „Nyi Landsbanki Íslands“, die schon als neue Gesellschaften existieren, werden außerdem auch von neuem - weiblichen - Personal geleitet: Birna Einarsdóttir führt nun Glitnir, Sigríður Elín Sigfúsdóttir ist die neue Vorstandsvorsitzende von Landsbanki.

Veränderungen an höherer Stelle forderten am Sonntag rund 2000 Demonstranten in Reykjavik, sie kritisierten neben Geir Haarde vor allem Notenbankgouverneur David Oddson. Beide saßen schon zwischen 1998 und 2003, als der isländische Finanzsektor liberalisiert wurde und es an Vorsicht offenbar eklatant mangelte, an entscheidenden Positionen: Haarde war damals Finanzminister im Kabinett des Ministerpräsidenten Oddson.

Der Devisenmangel erreicht die Straße

Den Volkszorn erregt nun nicht zuletzt der Verfall der heimischen Währung: Offiziell kostete ein Euro am Montag 150 isländische Kronen. Vor einem Jahr waren es 85. Da viele Verbraucher Kredite in Fremdwährungen aufgenommen haben, um der Hochzinspolitik der isländischen Notenbank zu entgehen, trifft sie dies direkt.

Auch der Devisenmangel ist auf der Straße angekommen. Noten in ausländischer Währung sind so knapp, dass manche Banken sie nur noch bis zu einer Obergrenze von 50.000 Kronen und gegen Vorlage einer Reisebuchung ausgeben. Auf die Krise reagierten nun sogar die isländischen Symphoniker mit zwei Gratiskonzerten. „In schwierigen Zeiten ist kaum etwas besser als Musik, um die Stimmung zu heben“, hieß es zur Begründung.

Text: F.A.Z./lzt.
Bildmaterial: AP

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