05. November 2004 Neben dem zunehmenden Angebot an Optionsscheinen, Zertifikaten und anderen strukturierten Produkten auf Aktien, Indizes, Rohstoffe und Devisen kommen nun auch immer neue Varianten auf den Markt, die sich mit der Zinsseite beschäftigen.
Das dürfte kaum verwunderlich sein. Denn auf der einen Seite sind die Renditen von Anleihen mit guter Bonität in der langfristigen Betrachtung nach wie vor sehr tief und entsprechend unattraktiv für Anleger. Auf der anderen Seite können sie praktisch nur steigen, sei es früher oder später. Aus diesem Grund werden sich Anleger lange überlegen, ob sie Papiere mit längerer Laufzeit kaufen wollen. Denn bei steigenden Zinsen müssen sie zumindest bei einem Verkauf vor Ende der Laufzeit mit Kursverlusten rechen, die die sowieso schon magere Rendite noch weiter schmälern würde.
Bei Zinsleitern sollten die Anleger genauer hinschauen ...
Aus diesem Grund tendieren sie eher zu Zinspapieren mit geringen Laufzeiten oder auf der Suche nach höheren Renditen zu Unternehmens- oder gar Auslandsanleihen. Allerdings sind diese Renditevorteile nicht umsonst zu haben, sondern müssen über Wechselkurs- und Bonitätsrisiken erkauft werden. Viele dieser Papiere sind in den vergangenen Monaten außerdem schon gut gelaufen, so daß die Risikoprämie, die sie bieten, nicht mehr sonderlich hoch ist. Aus diesem Grund könnte es bei einem überraschenden externen Schock auch hier zu deutlichen Korrekturbewegungen mit entsprechenden Kursverlusten kommen. Aus diesem Grund scheint es überlegenswert zu sein, ob man - wenn man denn schon solche Risiken eingehen möchte - nicht einen besseren Einstiegszeitpunkt abwarten möchte.
In jüngster Zeit werden auch immer mehr Produkte beworben, die beispielsweise unter der Bezeichnung Zinsleiter die Phantasie erwecken, von stagnierenden oder steigenden Zinsen profitieren zu können. Allerdings ist es empfehlenswert, sie jeweils genauer unter die Lupe zu nehmen. Sehen sie optisch zunächst gut aus, indem sie beispielsweise im ersten Jahr einen hohen Kupon versprechen, so verbergen sie in der weiteren Laufzeit nicht selten Stolpersteine, die die Rendite deutlich schmälern können.
So kann es passieren, daß der Kupon stark fallen oder gar entfallen wird, wenn die variablen Zinsen deutlich steigen sollten. Gleichzeitig halten sich die Emissionsbanken oft auch das Hintertürchen offen, die Anleihe vorzeitig zurückzahlen zu können. Sie verkaufen die Rückzahlung zu 100 Prozent zwar gerne positiv als Kapitalgarantie, dabei ist sie bei Anleihen selbstverständlich und nicht gesondert erwähnenswert. Im Grunde ist die vorzeitige Zurückzahlung für den Anleger alles andere als positiv, denn in der Regel entgeht ihm auf diese Weise ein Teil der zuvor im Prospekt versprochenen Rendite. Damit geht dann auch seine ursprüngliche Erwartung nicht mehr auf.
... denn viele Konstruktionen verbergen gewisse Haken
In diesem Sinne ist es ratsam, variable Anleihen in einer Szenarioanalyse genau zu betrachten. Die zur Zeit von Barclays Capital zur Zeichnung angebotene Zinsleiter mit einer Laufzeit von zehn Jahren, die eine Mischung aus einer fest- und einer variabel verzinslichen Anleihe mit halbjährlich zahlbaren Kupons darstellt, scheint grundsätzlich ziemlich interessant zu sein. Immerhin böte die Anleihe bei relativ tief bleibenden oder linear ansteigenden variablen Zinsen einen netten Renditeaufschlag im Vergleich mit Bundesanleihen derselben Laufzeit.
Allerdings ist der auch nötig, da es sich im Prinzip um eine Unternehmensanleihe handelt. Alleine aus diesem Grund muß sie einen gewissen Bonitätszuschlag bieten. Der entscheidende Haken ist allerdings das Recht der Bank, die Anleihe ab dem ersten Jahr zu jedem Zinszahlungstermin kündigen zu können. Das schmälert den Reiz dieser an sich attraktiven Konstruktion ungemein, denn alle Renditehoffnungen werden ad absurdum geführt, wenn die Bank das Geld vorzeitig zurückzahlt.
Egal welches Szenario man immer auch unterstellt, es dürfte unwahrscheinlich sein, daß die Bank die hohen Kupons der beiden letzten Halbjahre zahlen wird. Bei tief bleibenden Zinsen wird die Kündigung sehr wahrscheinlich noch viel früher kommen. Die Tendenz - siehe Graphik 2 - deutet stark auf Jahr drei als Rückzahlungstremin hin. In diesem Sinne ist das Papier nur dann wirklich interessant, wenn die Bank auf ihr Kündigungsrecht verzichtet oder ihre Kündigungsstrategie verbindlich festlegt.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @cri
Bildmaterial: Bloomberg, FAZ.NET
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