Kreditmärkte

Banken: Verkäufer oder Halter von Risiken?

Von Tanya Azarchs und Victoria Wagner

15. August 2007 In den vergangenen fünf bis sechs Jahren traten seismische Verschiebungen auf den Kapitalmärkten auf, bei denen sich die amerikanischen Banken theoretisch von ihrer Rolle als eigentliche Kredithalter entfernten und sich stärker in Richtung Zwischenhändler auf den Kreditmärkten bewegten.

Diese Entwicklung der Branche nahm ihren Anfang in den 1970er-Jahren mit dem Aufkeimen der Märkte für Commercial Paper und öffentliche Schuldtitel, die schließlich die Kreditgeschäfte der Banken ablösten. Heute sind private Kapitalpools von Hedge-Fonds verfügbar, die zur Kreditvergabe verwendet werden können oder risikoreiche Teile von Collateralized Debt Obligations (CDOs) halten, die Kredite kaufen. Diese Käufer erwerben mittlerweile 70 Prozent der Kredite, die zum Zwecke von Übernahmen aufgenommen werden, wohingegen diese Fremdmittel früher innerhalb des Bankensystem verteilt worden wären

Manch einer denkt vielleicht, dass diese Kredite - da sie sich nun außerhalb des Bankensystems befinden - eine deutliche Reduzierung des Risikos bedeuten. Mit dem Aufstieg der Märkte für Credit-Default-Swaps (CDS), die eine Absicherung von Kreditausfällen ermöglichen, und der fortlaufenden Entwicklung der Verbriefungsmärkte könnte der eine oder andere Marktteilnehmer gar zu der Vorstellung gelangen, dass die Auswirkungen zukünftiger Kreditzyklen auf die Banken unerheblich geworden sind. Damit lägen sie allerdings falsch

Bestimmte mit der Vergabe syndizierter Kredite und mit der Verbriefung einhergehende Risiken verbleiben nach wie vor bei den Banken, sodass diese im Geschäft mit Unternehmenskrediten unter dem Strich nicht weniger Risiken ausgesetzt sind als in früheren Jahren. Außerdem ist immer das Liquiditätsrisiko vorhanden, was wir gegenwärtig auf den Kapitalmärkten beobachten können.

Was geschah im vergangenen Kreditzyklus

Würde die obige Annahme zutreffen, dann müsste dies im Kreditzyklus 2000 bis 2003 für Geschäftskredite nachweisbar sein. Dieser Zyklus war für die Firmenkreditbestände der Banken jedoch schlimmer als im vorhergehenden Zyklus von 1990 bis 1993. Für Banken wie JPMorgan Chase, Citigroup, Bank of America und Bank of New York fielen die Netto-Ausbuchungen von Unternehmenskrediten im Jahr 2000 höher aus als 1990.
Diese Banken vergaben syndizierte Kredite an Investoren, die auf den CDS-Märkten handelten. Während CDSs die Probleme für die Banken verringerten, waren die Auswirkungen marginal. Obwohl der jüngste Zyklus auf die Bereiche Telekommunikation, Fluglinien und Energiehandel beschränkt war, fielen die Verluste pro Kreditausfall und damit die Schadenquoten höher aus.

Die gesamten Auswirkungen auf die Banken waren 2000 bis 2003 weniger spürbar als in vorangegangenen Zyklen, und zwar aus zwei nicht mit der Risikoverlagerung zusammenhängenden Gründen. Zum einen gab es in jener Zeit keinen allgemeinen Wirtschaftsabschwung, weshalb die Geschäfte der Banken in anderen Bereichen gut liefen. Zum anderen haben Banken ihre Verbraucherorientierung gegenüber früheren Zyklen verbessert, wodurch die Erträge aus Geschäftsbereichen wie der Vermögensverwaltung für Gutbetuchte die Schwäche im Firmenkreditgeschäft kompensierte.

Der Anteil der Unternehmenskredite am Gesamtkreditvolumen der komplexen amerikanischen Großbanken war 2000 bis 2003 weitaus geringer als ein Jahrzehnt zuvor, weshalb sich die höheren Ausbuchungen 2000 bis 2003 weniger stark auf die Gewinnsituation auswirkten.

Risikoverlagerung

Seit jener Zeit ist der CDS-Markt gewaltig gewachsen und auch der Markt für spekulative Anleihen („Junkbonds“) hat sich gut entwickelt. Allerdings übernehmen die auf dem CDS-Markt engagierten amerikanischen Banken die Kontrakte mehrheitlich als Händler. Die CDSs, die Geschäftsbanken im Firmenkreditgeschäft zur Absicherung ihrer eigenen Bestände heranziehen, machen einen relativ kleinen Teil aus. Lehman Brothers Holdings, UBS, Deutsche Bank und JPMorgan dominieren den Großteil des CDS-Marktes. Allein JPMorgan besitzt (nach Unternehmensangaben) einen Marktanteil von 30 Prozent.
Der vorrangige Zweck des CDS-Marktes besteht indes nicht in der Absicherung des Kreditrisikos der Banken, sondern darin, Nichtbank-Akteuren Positionen auf Kreditstrategien ohne die hohen Finanzierungskosten zu ermöglichen, die mit Anleihen oder Krediten verbunden sind. Kredite sind zu einem handelbaren Produkt mit einer kompletten Palette an Arbitrage-Strategien jenseits simpler Ausfallwahrscheinlichkeiten geworden.

Auf diese Weise üben Hedge-Fonds mittlerweile eine fast ebenso starke Präsenz auf den CDS-Märkten aus wie die Banken. Weder Hedge-Fonds noch Banken sind auf diesem Markt ausschließlich als Sicherungsnehmer oder Sicherungsgeber engagiert, sondern tendieren zum Ausgleich der erworbenen und verkauften Absicherungen. Netto-Sicherungsgeber sind nach wie vor Versicherungsgesellschaften und Pensionsfonds. Banken treten dagegen als Netto- Sicherungsnehmer auf.

Steigende Kreditbestände

Für Banken scheint der Verkauf von Krediten noch immer das bevorzugte Mittel der Risikoverlagerung zu sein. Die großen amerikanischen Geschäftsbanken behalten nur einen geringen Teil der von ihnen an Unternehmen vergebenen Großkredite. Während die angestrebten Bestandsniveaus jedoch niedrig sind und infolge der Marktliquidität bislang relativ einfach zu erreichen waren, hat diese Liquidität die Messlatte für die Finanzierung großer fremdfinanzierter Übernahmen als vorherrschende Erscheinung auf den Märkten für Übernahmekredite unlängst höher gehängt. Das Volumen dieser Transaktionen hat gewaltig zugenommen und die Banken veranlasst, größere Teile der Kredite zu schultern als jemals zuvor.

Außerdem verlängert sich die Zeitspanne bis zum Weiterverkauf aufgrund der zusätzlich erforderlichen Zeit für die Genehmigung der Transaktionen, in die auch das eine oder andere regulierte Unternehmen involviert ist. Erschwerend kommt hinzu, dass die Kreditvergabestandards in Zeiten laxer Auflagen (sogenannte „Covenant-Lite“-Strukturen) einen Höhepunkt erreichten haben, während der Eigenkapitalanteil bei diesen Transaktionen auf einem absoluten Tiefstand angelangt ist.

In jüngster Zeit litt der Markt an diesen lockeren Vergabestandards und den Preisen vieler dieser Transaktionen, was in Krediten resultierte, die die Banken nicht verkaufen konnten und auf ihre Bücher nehmen mussten. Solange sie diese nicht umstrukturieren und zu einem Marktausgleichspreis anbieten können, sammeln sich in den Bilanzen der Banken große Kreditbestände. Gefährlich wird dies, sobald der Kreditzyklus eine abrupte Kehrtwende vollzieht und die Banken mit höheren Abschreibungen konfrontiert.

Verbriefung ist kein Allheilmittel

Eine weitere von Banken verwandte Methode zur Risikoübertragung ist die Verbriefung, mit der die verfügbare Liquiditätsbasis erweitert und diversifiziert werden kann. Tatsächlich haben große Banken mehr Kreditrisiken verbrieft, als sie in ihren Bilanzen halten. Doch die Verbriefung ist kein Allheilmittel - und bedeutet auch nicht, dass sich sämtliche Risiken auf einmal in Luft aufgelöst hätten.

Investoren, die sich in revolvierenden Anlagen engagieren, sichern sich nur vor den schwersten Kreditausfällen ab. In einigen Fällen werden Teilrisiken übertragen, doch Banken behalten nicht selten spekulative Tranchen der Strukturen, sodass sie einen Teil der vom gesamten Anlagepool generierten Kreditausfälle erleiden würden. Dieser einbehaltene Anteil macht für gewöhnlich etwa drei Prozent der verbrieften Anlagen aus.Bei den drei gängigsten Methoden der Kreditrisikoübertragung - CDSs, Verkauf von Krediten sowie Verbriefung - liegt der Hauptnutzen für die Banken in der Beschleunigung des Kapitalumschlags. Durch den verstärkten Transfer von Risiken können Banken Kapital freisetzen und in ihre Geschäfte investieren. Im Vergleich zu früheren Zyklen haben sie ihr Gesamtrisiko dabei aber eigentlich nicht verringert.

Tanya Azarchs ist Managing Director von Standard & Poor's Ratings Services. Victoria Wagner ist Director von Standard & Poor's Ratings Services.



Text: BusinessWeek Online
Bildmaterial: FAZ.NET

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