25. Juli 2007 Bei den Aktionären von Amazon ist in den vergangenen Wochen wieder die Kurseuphorie ausgebrochen, die zuletzt in Jahren 1999 und 2000 zu beobachten gewesen war. Im offiziellen Handel legte die Aktie alleine sei August des vergangenen Jahres knapp 166 Prozent auf zuletzt 69,25 Dollar zu, im nachbörslichen Handel ging es am Dienstag um satte 21 weitere Prozent nach oben auf 84 Dollar.
Damit bewegt sich die Aktie nicht nur in rasanten Schritten auf das Allzeithoch von 113 Dollar aus dem Dezember des Jahres 1999 zu, sondern plötzlich ist auch die bis in den Februar des Jahres 2009 laufende Dollar-Wandelanleihe mit einem Kupon von 4,75 Prozent und einer Parität von 88,75 Dollar am Geld. Schon in den vergangenen Tagen hat sie deutlich angezogen auf zuletzt 107,51 Prozent. Die nachbörslichen Kursgewinne der Aktien dürften in diesen Kursen der Wandelanleihe noch nicht enthalten sein.
Interessante Übergangsphase vom Anleihe- zum Aktiencharakter
Das Dollar-Zinspapier des Internetunternehmens befindet sich damit in der interessanten Übergangsphase vom Anleihe- zum Aktiencharakter und böte zumindest bei weiter steigenden Notierungen der Amazonaktien interessante Perspektiven, bei einer gewissen Defensivität in Bezug auf Kursrückschläge.
Der Grund für die jüngsten Kurssprünge sind in den Umsatz- und Ergebniszahlen des Unternehmens für das zweite Quartal zu finden. Denn Amazon hat den Nettogewinn im zweiten Quartal dank sinkender Kosten und steigender Umsätze im Vergleich mit der Vorjahresperiode mehr als verdreifacht. Der Online-Händler wies am Dienstag nach amerikanische Börsenschluss einen Anstieg des Nettogewinns von 22 auf 78 Millionen Dollar aus. Je Aktie verdiente Amazon 0,19 Dollar und damit deutlich mehr als von Analysten mit 0,16 Dollar erwartet worden war.
Das Umsatzwachstum von Amazon erreichte 35 Prozent auf 2,89 Milliarden Dollar, hier hatten die Experten 2,81 Milliarden Dollar avisiert. Zum Umsatz hätten positive Wechselkurseffekte 46 Millionen Dollar beigetragen, teilte der Onlinehändler mit. Die Umsatzkosten hätten prozentual unter denen des Vorjahres gelegen, so dass der operative Gewinn auf 116 Millionen von 47 Millionen Dollar gestiegen sei. Auch hier waren Analysten mit 87 Millionen Dollar weniger optimistisch gewesen.
Amazon begründete ihr Umsatzwachstum mit dem Angebot günstiger Preise und dem Premiumprogramm in den Vereinigte Staaten , das Kunden die kostenlose Lieferung von gekauften Artikeln garantiert, wenn sie eine monatliche Gebühr zahlen. Immer mehr Kunden nehmen das Premium- Programm in Anspruch, wir freuen uns über den beschleunigten Anstieg der Kundenabos für dieses Programm, sagte CEO Jeff Bezos.
Amazon-Aktie - getrieben vom Short-Covering - fundamental überbewertet
Auch für das dritte Quartal zeigte sich der Onlinehändler optimistisch. Der Umsatz soll von Juli bis September 3 Milliarden bis 3,175 Milliarden Dollar erreichen, während Analysten hier bislang nur 3 Milliarden Dollar erwartet hatten. Im gesamten Jahr will Amazon 13,8 Milliarden bis 14,3 Milliarden Dollar erlösen, die Konsensprognose der Experten lag bislang bei 13,84 Milliarden Dollar.
Die Amazon-Aktie profitierte deutlich von dem Quartalsbericht. Im nachbörslichen amerikanische Handel legten die Papiere um über 20 Prozent auf 84,05 Dollar zu, nachdem die Anteilsscheine seit Vorlage der Erstquartalszahlen bereits 65 Prozent an Wert gewonnen hatten. Amazon hatte im April angekündigt, die Ausgaben zu kürzen, um die Gewinne zu steigern.
Solche Prognosen klingen nicht schlecht und mögen die Anleger euphorisieren. Allerdings dürften die Kursgewinne der vergangenen Wochen in erster Linie auf den Rückkauf zuvor leer verkaufter Papiere zurückzuführen sein. So genannte Shortpositionen hatten bis in den Mai des laufenden Jahres im Trend deutlich zugenommen, sind seitdem jedoch deutlich reduziert worden. Sollte der Abbau anhalten, dürfte die Aktie aus technischen Gründen kurzfristig weiteres Kurspotential nach oben haben.
Fundamental betrachtet sieht es jedoch anders aus. Denn mit Kurs-Gewinnverhältnissen von knapp 60 und 46 auf Basis der nachbörslichen Kurse vom Dienstag und auf Basis der Gewinnschätzungen für das laufende und das kommende Geschäftsjahr ist die Aktie bei allem Optimismus überbewertet. Entsprechend vorsichtig dürfte man auch die ausstehenden Wandelanleihen des Unternehmens betrachten müssen.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @cri
Bildmaterial: Bloomberg, FAZ.NET
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