Finanzmarkt

Keine Eile mit dem Ausstieg

Von Claus Tigges, Washington

08. November 2009 Die Botschaft der Währungshüter an die Akteure an den Finanzmärkten könnte deutlicher kaum sein: Weder die amerikanische Federal Reserve, noch die Europäische Zentralbank oder die Bank von England sehen eine Notwendigkeit, in allernächster Zukunft den Kurswechsel zu einer Politik knapperen Geldes einzuleiten. Der Ausstieg aus der Krisenpolitik, die „Exit-Strategie“, existiert zwar in den Köpfen von Ben Bernanke, Jean-Claude Trichet und Mervyn King, eine besondere Eile in der Abschöpfung der überreichlichen Liquidität aber sehen die Notenbankgouverneure und ihre Kollegen nicht. Zu groß ist noch die Befürchtung, durch einen überhasteten Tritt auf die geldpolitische Bremse den Konjunkturaufschwung nach der schweren Wirtschafts- und Finanzkrise abzuwürgen.

Den Marktteilnehmern sind gleichwohl die feinen Unterschiede nicht entgangen, die zwischen den geldpolitischen Räten der Fed, der EZB und der BoE bestehen. Die Fed hat sich entschlossen, wegen der verbesserten Lage auf den Märkten die Käufe von Anleihen der staatlichen Immobilienfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae im Volumen von 200 auf 175 Milliarden Dollar zu verringern. Noch aber haben die Währungshüter um Bernanke kein Wort darüber verloren, in welcher Weise und wann mit dem Verkauf der langfristigen amerikanischen Staatsanleihen begonnen werden könnte, für die die Fed zwischen Frühjahr und Ende Oktober 300 Milliarden Dollar ausgegeben hat.

Trichet, der Franzose an der Spitze der EZB, hat derweil durchblicken lassen, dass das Refinanzierungsgeschäft mit einem Jahr Laufzeit, das den Banken im Dezember wieder angeboten wird, das letzte seiner Art sein könnte. Details zum Langfristtender gab es allerdings noch nicht. Am weitesten von einem Schwenk im Kurs entfernt dürfte die „Old Lady“ der Threadneedle Street sein, wie die Bank von England bisweilen liebevoll genannt wird. Denn dort ist trotz erster Hinweise auf eine Konjunkturerholung beschlossen worden, das zur Stimulierung der Wirtschaft gedachte Programm der „quantitativen Lockerung“ in Form von Anleihekäufen im Volumen um 25 Milliarden auf 200 Milliarden Pfund aufzustocken.

Analysten: Die „Jahresendrally“ steht trotzdem bevor

An vielen Börsen ist die Stimmung derzeit gar nicht schlecht. Zwar gibt es immer wieder auch Handelstage, mitunter auch mehrere hintereinander, an denen sich Zweifel am globalen Aufschwung ausbreiten und die Notierungen nachgeben. Unter dem Strich aber rechnen die Anleger mit einer Fortsetzung der konjunkturellen Erholung in den kommenden Monaten, die sich dann auch in steigenden Unternehmensgewinnen niederschlagen werde. Andernfalls stünde der Dow Jones Industrials, das führende Wall-Street-Barometer, nicht auf mehr als 10.000 Punkten und der S&P-500, der breiter ist und ein umfassenderes Bild vom Markt zeichnet, nicht auf knapp 1070 Punkten. Der Deutsche Aktienindex Dax freilich hat sich von seinen jüngsten Höchstmarken jenseits von 5800 Punkten ein Stück entfernt und wurde zuletzt mit 5488 Punkten berechnet. Marktauguren wie die Aktienstrategen der Commerzbank sagen allerdings steigende Kurse auch an der deutschen Börse voraus und sprechen von einer bevorstehenden „Jahresendrally“.

Auf den Anleihemärkten schlägt sich der Konjunkturoptimismus in einer Versteilung der Zinsstrukturkurve nieder. Die Renditen am kurzen Ende des Marktes bleiben fest auf niedrigem Niveau verankert, nicht zuletzt wegen des Versprechens der Notenbanken eines niedrigen Leitzinses. Am langen Ende des Marktes aber klettern die Renditen vorsichtig in die Höhe, so dass sich der Zinsabstand zwischen kürzeren und längeren Laufzeiten vergrößert. Das hat freilich auch damit zu tun, dass das Angebot an Staatsanleihen deutlich steigt und auf deren Preise drückt. Das amerikanische Finanzministerium wird in dieser Woche Anleihen mit drei Jahren Laufzeit im Volumen von 40 Milliarden Dollar anbieten, eine neue zehnjährige kommt im Volumen von 25 Milliarden Dollar. Darüber hinaus bemüht sich die Regierung in Washington um eine Verlängerung der Fristigkeit und legt eine inflationsgeschützte Anleihe mit 30 Jahren Laufzeit im Volumen von 16 Milliarden Dollar auf. Dafür soll die Anleihe mit 20 Jahren Laufzeit nicht mehr angeboten werden.

Spekulative Käufe lassen Ölpreis in die Höhe schießen

Die russische Regierung lotet derweil bei Marktakteuren aus, ob sich eine Staatsanleihe des einstmals kommunistischen Landes erfolgreich am Markt platzieren und an Investoren verkaufen ließe. In London hat sich Finanzminister Alexej Kudrin mit Bankern getroffen, um sich über ein mögliches Interesse an einer für Anfang kommenden Jahres geplanten Anleihe im Volumen von knapp 18 Milliarden Dollar zu informieren. Es wäre das erste Mal seit der Zahlungsbilanzkrise im Jahr 1998, dass Russland den internationalen Kapitalmarkt in Anspruch nähme. Im Vergleich zu den hohen Gold- und Devisenreserven, die nicht zuletzt den Erlösen aus dem Ölverkauf zu verdanken sind, nimmt sich das geplante Anleihevolumen recht bescheiden aus. Russland besitzt derzeit Reserven von 433 Milliarden Dollar.

Der jüngste Anstieg des Ölpreises kommt Moskau und den anderen Exportnationen durchaus gelegen. Marktbeobachter äußern gleichwohl Zweifel, dass sich die verhältnismäßig schnelle Erhöhung von rund 65 auf 80 Dollar je Fass allein mit einer steigenden physischen Nachfrage im Zuge der Konjunkturaufhellung erklären lasse. Hieran hätten auch spekulative Käufe einen erheblichen Anteil, sagen Analysten.

Einige Prognosen, die für den Ölpreis derzeit herumgereicht werden, sehen ihn zum Jahresende auf 85 bis 90 Dollar klettern. Es gilt vor diesem Hintergrund als möglich, dass das Ölförderkartell Opec auf seiner nächsten Sitzung im Dezember eine Erhöhung der Förderquoten beschließen könnte. Von einer Anhebung um 500.000 bis eine Million Fass am Tag ist hier und da die Rede. Denn auch die Förderländer haben ein Interesse daran, dass der Preis nicht allzu schnell in die Höhe schießt und womöglich den Aufschwung der Weltwirtschaft gefährdet.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Kai

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