Staatsanleihen

Schon wieder Zweifel an Argentiniens Bonität

Von Carl Moses

Hugo Chavéz (im Gespräch mit Cristina Kirchner) hat Anleihen gekauft

Hugo Chavéz (im Gespräch mit Cristina Kirchner) hat Anleihen gekauft

13. August 2008 Knapp sechs Jahre nach der letzten Staatspleite steht Argentinien möglicherweise schon wieder vor einer Finanzkrise. Das signalisieren die Kurse argentinischer Staatsanleihen, die allein in der vergangenen Woche um mehr als 11 Prozent eingebrochen sind.

Der Kurs der bei der Umschuldung 2005 ausgegebenen Euro-Anleihe mit Fälligkeit im Jahr 2038 ist seit Anfang 2007 um 40 Prozent gefallen. Jetzt stemmt sich die Regierung von Staatspräsidentin Cristina Kirchner mit dem Rückkauf von Staatspapieren gegen den Kursverfall.

Exorbitante Renditeaufschläge

Davon unbeeindruckt senkte die Ratingagentur Standard & Poor's die Bonitätsnote für argentinische Staatspapiere am Montag von „B+“ auf „B“. Die Agentur reagiere damit auf die „wachsenden wirtschaftlichen Herausforderungen“, vor denen Argentinien stehe - insbesondere die gestiegene Inflation, die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums und Anspannungen in den Staatsfinanzen.

Argentinische Dollaranleihen versprachen Ende vergangener Woche im Durchschnitt 7,3 Prozentpunkte mehr Rendite als amerikanische. Unter den halbwegs bedeutenden Schuldnerländern der Welt muss kein anderes Land so hohe Risikoaufschläge tragen.

Wachstum bricht ein

Dabei sehen die gesamtwirtschaftlichen Indikatoren Argentiniens auf den ersten Blick noch immer sehr positiv aus. Seit fünf Jahren wächst das Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit Raten von 8 bis 9 Prozent, der Staatshaushalt und die Handelsbilanz verzeichnen stattliche Überschüsse.

Allerdings hat sich das BIP-Wachstum zuletzt deutlich abgeschwächt. Im ersten Quartal lag das Wachstumstempo auf ein Jahr hochgerechnet nur noch bei 2,6 Prozent. Von März bis Juni lähmten Straßenblockaden und Bauernproteste gegen die hohen Exportsteuern in der Landwirtschaft auch die Aktivität in anderen Wirtschaftszweigen.

Unter Preisdruck

Kaum war der Agrarstreik endlich beigelegt, da brachen die Weltmarktpreise von Soja und anderen wichtigen Exportprodukten Argentiniens ein. Allein der Sojapreis sank in einem Monat um 27 Prozent. Während sich die Wachstumsaussichten verdüstern, nimmt der Finanzbedarf der Regierung rasant zu. Allein die rasch wachsenden Subventionen, mit denen die Regierung die Preise für Strom und Gas oder für Bus- und Bahnfahrkarten unter dem kostendeckenden Niveau hält, verschlingen bereits 3,5 Prozent des BIP.

Refinanzierung in Frage gestellt

Im kommenden Jahr werde Argentinien rund 10 Milliarden Dollar aufnehmen müssen, um fällige Zinsen und Tilgungsraten auf Altschulden zahlen zu können - mehr als doppelt so viel wie im laufenden Jahr, kalkuliert die Finanzberatungsfirma Broda.

Da aus der Staatspleite von 2002 noch immer Schulden von mehr als 30 Milliarden Dollar unbezahlt sind, ist Argentinien der Zugang zum internationalen Kapitalmarkt weitgehend versperrt. Vermutlich aus Angst vor Pfändungsaktionen der bis heute nicht befriedigten Gläubiger hat die Regierung seit der Umschuldung von 2005 keine einzige Anleihe auf ausländischen Finanzplätzen emittiert.

Beim Geld endet die Freundschaft

Alarmiert wurden die Finanzmärkte vergangene Woche durch einen neuen Direktverkauf argentinischer Staatsanleihen an die venezolanische Regierung. Venezuelas Staatschef Hugo Chávez, der mit Staatspräsidentin Kirchner und deren Ehemann sowie Amtsvorgänger Néstor Kirchner befreundet ist, springt Argentinien immer dann bei, wenn die Kirchners keine anderen Finanzierungsmöglichkeiten finden. Fast acht Milliarden Dollar hat Chávez den Argentiniern seit 2005 bereits geliehen.

Gratis kommt die Hilfe des Comandante freilich nicht. Vergangene Woche musste Argentinien Chávez für die Aufnahme von einer Milliarde Dollar bis 2015 eine Verzinsung von mehr als 15 Prozent pro Jahr zugestehen. So teuer finanzierte sich Argentinien zuletzt wenige Monate von dem Staatsbankrott Ende 2001.

Um die drastische Schuldenstreichung des Jahres 2005 zu rechtfertigen, hatte Ex-Präsident Kirchner seinerzeit die Anleger beschieden, wer so hohe Zinsen bekomme, müsse damit rechnen, dass er sein Geld nicht zurückerhalte.

Überschwemmter Markt

Kirchner-Amigo Chávez reicht die Anleihen denn auch jeweils an die vom Staat gegängelten venezolanischen Banken weiter, die sich durch den Verkauf der Papiere dringend benötigte Devisen beschaffen können. Die Überschwemmung des Marktes mit den Chávez-Anleihen brachte die Kurse argentinischer Papiere noch mehr unter Druck.

Eingesetzt hatte der Kursverfall jedoch bereits im Frühjahr 2007. Seit Anfang letzten Jahres interveniert die Kirchner-Regierung regelmäßig im Nationalen Statistikamt Indec, das seither die Inflationsrate nach Einschätzung von Experten aller Couleur viel zu niedrig ausweist. Während die Preise laut Indec 2007 um 9 Prozent stiegen, lag die tatsächliche Inflation nach privaten Schätzungen eher dreimal so hoch.

Für viele Gläubiger ist das bitter. Denn seit der Umschuldung von 2005 lautet ein großer Teil der Staatsschulden auf Peso. Das Kapital dieser Papiere ist zwar nach Maßgabe der offiziellen Preissteigerung wertgesichert. Da die tatsächliche Inflation jedoch wesentlich höher ist, fühlen sich die Gläubiger um Milliarden geprellt.

Stur bis zum Schluss?

Frustriert reagierten die Anleger auch auf die jüngsten Presseauftritte der Staatschefin, bei denen Frau Kirchner klarstellte, dass sie nicht von dem bisher verfolgten Wirtschaftskurs abzuweichen gedenke. Viele Ökonomen sehen Argentinien auf dem Weg in eine Stagflation, also einer Phase hoher Inflation gepaart mit niedrigem Wirtschaftswachstum.

Gleichzeitig wird der Spielraum in der Staatskasse enger. Die immer weniger populären Kirchners, die im Juli bereits durch eine unerwartete Abstimmungsniederlage bei der Exportsteuer-Debatte im Parlament politisch geschwächt wurden, könnten dann nicht mehr wie bisher Freunde und Einfluss kaufen, meint Walter Molano von BCP Securities.

Es sei darum nur noch eine Frage der Zeit, bis die Kirchners von der Macht verdrängt würden. Vorzeitige Regierungswechsel gingen in Argentinien jedoch immer mit Zahlungsausfällen und Hyperinflation einher, warnt Molano.

Konfuser Rückkauf

Um solch düsteren Szenarien entgegenzutreten und einen weiteren Verfall der Anleihekurse zu verhindern, kündigte die Kirchner-Regierung zum Wochenbeginn einen Rückkauf von Staatsanleihen an. Tatsächlich führte das am Montag zu einer Erholung der Kurse von Dollaranleihen um 5,5 Prozent.

Doch wenn der Schuldenrückkauf nicht durch andere Maßnahmen zur Beseitigung der grundlegenden Probleme begleitet werde, könne der positive Effekt auf die Kurse rasch verpuffen, mahnt Pablo Morra von Goldman Sachs. Erwerben will die Regierung vornehmlich Papiere, die schon 2008 und 2009 fällig werden. In welchem Umfang Anleihen gekauft werden sollen, teilte das Schatzamt jedoch nicht mit.

Ganz unerwartet kam die Ankündigung im Übrigen nicht. Denn die Regierung ist aufgrund der 2005 vereinbarten Umschuldungsbedingungen ohnehin verpflichtet, im restlichen Jahresverlauf Anleihen für etwa 1,4 Milliarden Dollar zurückzukaufen. Überraschend war lediglich der Zeitpunkt. Der Ökonom Orlando Ferreres kritisierte: „Einen solchen Schuldenrückkauf anzukündigen, nachdem man wenige Tage zuvor erst Anleihen mit 15 Prozent Zinsen an Venezuela verkauft hat, ist zumindest etwas konfus.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, F.A.Z.

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