Amerikas Zinssenkung verpufft am Aktienmarkt

31. Januar 2008 ctg./ham./ppl. WASHINGTON/FRANKFURT, 31. Januar. Die Leitzinssenkung der amerikanischen Notenbank Fed vom Mittwoch hat die Stimmung an den Aktienmärkten nur für kurze Zeit aufgehellt. Unter den Börsianern wuchs am Donnerstag die Befürchtung wieder, dass die Krise im Finanzsystem noch längst nicht ausgestanden ist und zusätzliche Wertberichtigungen der Banken in Milliardenhöhe anstehen. Genährt wurde diese Vermutung durch eine Warnung der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P).

S&P befürchtet Verluste im Zusammenhang mit Wertpapieren, die mit zweitklassigen Hypotheken besichert sind, von mehr als 265 Milliarden Dollar. Händler mutmaßten daher, die Deutsche Bank werde zu weiteren Abschreibungen gezwungen sein. Am nächsten Donnerstag wird sie Geschäftszahlen für 2007 vorlegen. Die Deutsche Bank kommentierte die Spekulationen nicht. Sie hat 2,2 Milliarden Euro auf Wertpapiere abgeschrieben und mehrfach ihr Ziel bekräftigt, einen bereinigten Vorsteuergewinn von 8,4 Milliarden Euro zu erreichen. Der Aktienkurs der Deutschen Bank brach zeitweise um fast 5 Prozent auf 73 Euro ein, zum Handelsende betrug das Minus noch 2 Prozent. Die Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) befürchtet, den Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse könnten weitere Abschreibungen drohen. Die Risiken griffen auf Kreditkarten, Kleinkredite und Gewerbekredite über, warnte EBK-Chef Daniel Zuberbühler.

Der Deutsche Aktienindex Dax gab am Donnerstag um 0,3 Prozent auf 6852 Punkte nach. Für zusätzlichen Druck auf die Aktienkurse sorgten am Nachmittag schlechte amerikanische Arbeitsmarktdaten. Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe stieg in der abgelaufenen Woche überraschend deutlich. An der Wall Street eröffneten die Aktienkurse tiefer, erholten sich aber im Handelsverlauf. Seit Jahresbeginn hat der Dax nun 16 Prozent verloren. Der amerikanische Aktienindex S&P 500 liegt mit 7 Prozent im Minus. Angesichts der Aktienschwäche zieht es Anleger zunehmend in den Rentenmarkt. Der Euro stieg am Donnerstag in der Spitze bis auf einen Kurs von 1,4913 Dollar.

Derweil rechnen zahlreiche Marktakteure und Bankvolkswirte damit, dass die Fed den Leitzins in den kommenden Monaten weiter senken wird. Die beiden Zinsschritte am vergangenen Dienstag und an diesem Mittwoch um insgesamt 1,25 Prozentpunkte waren die abrupteste Senkung seit fast 25 Jahren. Mit der Lockerung der Geldpolitik verbindet die Notenbank die Hoffnung, dass Geschäftsbanken ihre Kreditzinsen verringern und damit sowohl dem Konsum als auch den Unternehmensinvestitionen neuen Schwung verleihen.

"Die Fed hat die Tür zu einer weiteren Zinssenkung geöffnet; aber sie hat auch die Erwartungen eines deutlichen Zinsschrittes zu dämpfen versucht", kommentierte David Greenlaw von Morgan Stanley die jüngste Zinssenkung von 3,5 auf 3 Prozent. Greenlaw verweist darauf, dass die Währungshüter in der schriftlichen Begründung zum Beschluss die Konjunkturrisiken nicht mehr, wie noch in der vergangenen Woche, als "beträchtlich" bezeichnet haben. Er hält an seiner Prognose fest, dass der Leitzins bis zur Jahresmitte auf 2,5 Prozent fallen wird. Die deutsche Commerzbank erwartet ein Absenken bis Juni auf 2 Prozent.

Doch mehren sich auch die kritischen Stimmen zum Kurs der amerikanischen Notenbank. "Die Fed hat nicht den Willen gezeigt, die Märkte und deren Erwartungen einer Zinssenkung zu enttäuschen", sagt beispielsweise John Ryding, Chefökonom für Amerika bei Bear Stearns in New York. "Wir steuern auf größere Inflationsprobleme zu." Auch der Chefökonom Deutschland von Barclays Capital, Thorsten Polleit, kritisiert, die Fed betreibe eine "klar inflationäre Politik". Dies verstärke die Instabilität der Wirtschaft. "Ich glaube nicht, dass ihre Zinsentscheidungen außer Inflation einen realen Effekt haben werden." Die Kerninflationsrate der amerikanischen Verbraucherpreise, die Lebensmittel- und Energiepreise unberücksichtigt lässt, lag im vierten Quartal 2007 bei 2,7 Prozent.

Im Euro-Raum zog die Teuerungsrate im Januar an. Nach einer Vorausschätzung von Eurostat erreichte sie 3,2 Prozent nach 3,1 Prozent im Dezember. Nur eine Minderheit der Ökonomen hatte eine weitere Beschleunigung erwartet. In Deutschland ging die Inflationsrate im Januar nach einer Schätzung des Statistischen Bundesamtes auf 2,7 Prozent zurück. Die von der Europäischen Kommission nach Umfragen berechneten Indices für Unternehmens- und Konsumentenvertrauen sanken im Januar. Besonders die Verbraucher zeigten sich verunsichert. Der Stimmungsindikator fiel auf den niedrigsten Stand seit Anfang 2006, teilte die Kommission am Donnerstag mit.

Die Europäische Zentralbank (EZB) ist damit in einem Dilemma: Zum einen bereitet ihr die Inflation große Sorge, wie sie mehrfach betont hat. Zum anderen steht sie unter Druck, ihren Leitzins von derzeit 4 Prozent nach dem Vorbild der Fed zu senken. An den Finanzmärkten wird vielfach auf Zinssenkungen im zweiten Quartal spekuliert. Bundesbankpräsident Axel Weber hatte dies vor einer Woche als "Wunschdenken" abgetan. Er versicherte, dass er den wirtschaftlichen Ausblick im Euro-Raum positiv beurteile. Der EZB-Leitzins sei nicht zu restriktiv.

S&P schockiert mit Massenherabstufung, Seite 21



Text: F.A.Z., 01.02.2008, Nr. 27 / Seite 13

 
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