Von Martin Hock
24. Juli 2008 Es ist ein schier unendliches Drama. Zyniker schleißen bereits die ersten Wetten ab, wer von den zwei ehemaligen amerikanischen Automobilgiganten Ford und General Motors näher am Konkurs ist.
Am Donnerstag scheint es wieder einmal Ford zu sein. Im zweiten Quartal belief sich der Reinverlust auf 8,7 Milliarden Dollar, nachdem der Automobilkonzern 8 Milliarden Dollar abschreiben musste. Diese Abschreibungen entfielen im wesentlichen auf 5,3 Milliarden Dollar im Automobil- und 2,1 Milliarden Dollar auf Leasingdarlehen im Finanzbereich.
Steigende Rohstoffkosten, schleppende Nachfrage
Vor Sonderposten wurde ein Nettoverlust von 1,4 Milliarden Dollar verbucht, ein Minus von 0,62 Dollar je Anteilsschein. Von Thomson Reuters befragte Analysten hatten zuletzt mit einem Verlust von lediglich 0,27 Dollar je Aktie gerechnet. Im Vorjahr hatte das Unternehmen noch
einen Nettogewinn von 750 Millionen Dollar oder 0,31 Dollar je Aktie erzielt und seinerzeit Analysten ins Staunen versetzt.
Der Umsatz des Unternehmens ging auf 38,6 Milliarden von 44,2 Milliarden Dollar zurück, der Automobilumsatz sank auf 34,1 Milliarden von 40,1 Milliarden. Die Sparte verbuchte einen Vorsteuerverlust von 670 Millionen Dollar, die Finanzdienstleistungssparte 334 Millionen Dollar.
Schuld an der Misere des zweitgrößten amerikanischen Autobauers ist der weiterhin schleppende Verkauf großer Autos wie SUV-Geländewagen und Pickups, weil die Verbraucher wegen der hohen Benzinpreise in Scharen auf spritsparende Modelle ausländischer Konkurrenten umsteigen, falls sie nicht sogar wegen der Immobilienkrise ganz auf den Autokauf verzichten. Auch die weiter steigenden Stahlpreise trugen dazu bei, dass rote Zahlen nicht zu vermeiden waren.
Produktionsumstellung als Rettung
Eine zügige Besserung am amerikanischen Markt erwartet der Konzern nicht. 2008 sei ein hartes Jahr und 2009 werde wohl kaum anders werden, erklärte Ford-Finanzchef Don Leclair. Die wirtschaftliche Erholung in den Vereinigten Staaten werde spätestens Anfang 2010
einsetzen.
Ford will deshalb nun drei seiner bislang auf größere Fahrzeuge spezialisierten Werke
in den Vereinigten Staaten auf kleinere Pkw umstellen. Sechs bisher nur in Europa vertriebene Modelle sollen demnächst auch in den Vereinigten Staaten angeboten werden. Die erste Fabrik soll im Dezember ihre Produktion umgestellt haben.
An der Börse kursierten bereits in den vergangenen Wochen vor allem Spekulationen über eine drohende Insolvenz von General Motors. Die Opel-Mutter kündigte daraufhin an, ihre Existenz mit drastischen Sparmaßnahmen und Entlassungen zu sichern.
Wir sind zuversichtlich, dass wir genug Liquidität haben
Auch Leclair sah sich nunmehr genötigt, Spekulationen um einen Firmenkollaps entgegenzutreten: Wir sind zuversichtlich, dass wir genug Liquidität haben, um es durch die Krise zu schaffen. Den Aktionären reichte dies jedoch nicht: Der Aktienkurs fällt um 7,5 Prozent auf 5,58 Dollar.
Die Anleihen hingegen zeigen sich nicht übermäßig stark mitgenommen. Das dürfte vor allem daran liegen, dass sich bei einem niedrigen spekulativen Rating von B1 bzw. Caa1 und Kursen im bereich von 45 bis 70 Prozent die meisten längerfristig orientierten Anleger sich längst von Ford-Anleihen getrennt haben oder aber die Zähne zusammenbeißen und hoffen, dass der Riese auf tönernen Füßen, Geld zur Tilgung zusammenkratzen kann.
Die Preise der Kreditversicherungen hatten in diesem Monat etwas nachgegeben. Im Juni waren sie noch nach oben geschossen, nachdem Ford einen desolaten Ausblick auf das Geschäftsjahr gegeben und die Produktionsmengen deutlich gekürzt hatte.
Schrittweise in die Krise
Beide Rating-Agenturen sehen die Aussichten negativ. Moody's hält Gewinne vor 2010 nicht für wahrscheinlich und sieht die Liquiditätsposition als schwach an.
Betrachtet man die bilanzielle Entwicklung des Autoriesen in den vergangenen 20 Jahren stellt man fest, dass es eigentlich keine dramatischen Einbrüche gab. Bereits 1989 lag die Relation von Nettofinanzverschuldung und operativem Gewinn bei knapp zehn. Sie verbesserte sich in der zweiten Hälfte der Neunziger und stieg seitdem sukzessive wieder auf das frühere Niveau.
Aus dieser Zeit stammt aber auch der deutliche Anstieg der Nettofinanzverschuldung. Diese hatten ach einem deutlichen Anstieg Ende der Achtziger stagniert und kletterte dann rasch auf das heutige Niveau, wobei man sogar konstatieren muss, dass dieses seit 2004 etwas flacher geworden ist.
Die wahre Dramatik zeigt dagegen die Eigenkapitalquote. Schon 1987 lag diese mit 16,2 Prozent nicht übermäßig hoch, fiel dann ab, stagnierte Ende der neunziger auf niedrigerem Niveau und fiel dann drastisch auf unter zwei Prozent, was nicht zuletzt einen Verzehr des Anlagevermögens widerspiegelt.
Wo ist der Iacocca des 21. Jahrhunderts?
Eine kurzfristige Insolvenz des Konzerns ist nicht zu erwarten. Indes ist die Frage, ob es sich bei der Krise tatsächlich um ein kurzfristiges Phänomen handelt. Ford selbst sieht die Nachfrageverschiebung auf dem amerikanischen Markt hin zu kleineren Fahrzeugen als permanenten Trend an.
Und so muss sich erst noch erweisen, ob das Unternehmen verlorene Marktanteile in nennenswertem Umfang zurückerobern und dabei auch noch in die Profitabilität zurückkehren und seiner Verschuldungssituation Herr werden kann. Dies scheint eine anspruchsvolle Aufgabe zu sein.
Möglich ist es. So konnte der legendäre ehemalige Ford-Chef Lee Iacocca den Chrysler-Konzern am Ende der siebziger Jahre vor dem Untergang retten - allerdings auch dank staatlicher Kreditgarantien. Seinerzeit hatten die amerikanischen Autobauer zum ersten Mal die japanische Konkurrenz unterschätz und liefen ihr vor allem bei den Emissionsstandrads hinterher. Dreißig Jahre später stecken sie wieder in Schwierigkeiten.
Wer in Ford-Anleihen investiert, besonders mit längeren Laufzeiten, muss auch die Möglichkeiten staatlicher Unterstützung in seine Überlegungen mit einbeziehen und sich eine Meinung darüber bilden, ob Ford derzeit wie einst Chrysler den Mut und die Fähigkeit zum tiefgreifenden Wandel aufbringt. Immerhin führte Iacocca damals nicht nur neue Modelle ein. Neben den ausgehandelten Kreditgarantien verkaufte er auch das Europa-Geschäft von Chrysler und entließ einen Großteil der Arbeitnehmer. Solche Schritte scheinen auch heute notwendig, um die Konzerne zu retten, werden aber augenscheinlich immer noch nicht konsequent genug verfolgt.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Bildmaterial: AP, F.A.Z.
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