Kreditmärkte

Keine klaren Belege für eine Kreditklemme

Von Stefan Ruhkamp

Kredit als Schmiermittel für die Wirtschaft: Vergeben die Banken noch genügend davon?

Kredit als Schmiermittel für die Wirtschaft: Vergeben die Banken noch genügend davon?

07. Juli 2009 Die Rollen sind verteilt: Täter sind die Banken, die mit Krediten knausern, das Opfer spielt die Industrie, der das Geld ausgeht, und Retter finden sich in der Politik. Doch was ist wirklich dran an der behaupteten Kreditklemme?

Sicher ist: Die Industrieunternehmen - allen voran Maschinenbauer und Autohersteller - beklagen die Zurückhaltung der Banken. Sicher ist aber auch: Die Banken verleihen weiterhin Geld. Die an deutsche Unternehmen und Selbständige ausgereichten Kredite hatten im März 2009 einen Nennwert von 1.363 Milliarden Euro. Das ist etwas mehr als zu Jahresbeginn und 70 Milliarden Euro mehr als ein Jahr zuvor. Die gesamte Summe der von deutschen Banken gehaltenen Kreditforderungen gegenüber Unternehmen und Privatpersonen betrug im Mai - das sind jeweils die neuesten verfügbaren Daten - rund 4.625 Milliarden Euro. Das sind 50 Milliarden Euro weniger als zu Jahresbeginn und 60 Milliarden Euro mehr als vor einem Jahr.

Kreditklemme: Was ist das überhaupt?

Angesichts solcher Daten tun sich Ökonomen schwer, klare Belege für eine Kreditklemme zu finden. Allerdings ist auch nicht immer klar, wonach sie suchen. Nahezu jeder, der den Begriff „Kreditklemme“ verwendet, hat eine andere Definition - wenn er überhaupt eine hat: Der Verband der Automobilindustrie zum Beispiel klagt, seine Unternehmen hätten mit der Kreditversorgung zu kämpfen. Doch auf die Frage, was das denn im Detail zu bedeuten habe, gab es bislang keine Antwort. Das Münchener Ifo-Institut diagnostiziert schon seit Monaten eine Kreditklemme, gibt aber auch keine Definition, wann sie beginnt und wann sie endet. Das Institut ist vor allem darüber besorgt, dass sich die Kredithürde für große Unternehmen verschlechtert habe. Mehr als die Hälfte der Großunternehmen schätze derzeit die Kreditvergabepraxis der Banken als restriktiv ein. Das ist ein schlechterer Wert als bei kleinen und mittleren Unternehmen. Diese Konstellation sei ungewöhnlich, heißt es beim Ifo-Institut, denn große Unternehmen hätten anders als die kleineren Zugang zum Anleihemarkt.

Der steht ihnen auch wieder als Finanzierungsquelle zur Verfügung. Seit Jahresbeginn wurden im Euro-Raum Unternehmensanleihen im Wert von rund 200 Milliarden Euro begeben. Das ist mehr als im gesamten Vorjahr. Auch die Finanzierungskonditionen haben sich gebessert. Zum einen ist das allgemeine Zinsniveau gegenüber dem Krisenhöhepunkt im Herbst 2008 gesunken, und zum anderen haben sich auch die Risikoaufschläge verringert. Industrieunternehmen, deren Rating besser als "BB+" ist, zahlen für ihre Anleihen im Durchschnitt einen Aufschlag von knapp 2 Prozentpunkten im Vergleich zum deutschen Staat. Noch im März betrug der Aufschlag rund 3,5 Prozentpunkte. Durch diese Entspannung hat sich die Zinslast für neue fünfjährige Anleihen von durchschnittlich fast 7 auf weniger als 5 Prozent verringert. Daten für das gesamte Kreditgeschäft der Banken gibt es nicht, aber die Zinsaufschläge auf dem Anleihemarkt geben einen Anhaltspunkt.

Trotzdem klagen viele Unternehmer über die Haltung der Banken. Schon geht die Rede von einer „gefühlten Kreditklemme“. Ein Beleg dafür ist eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelstages. Der DIHK hat im Juni das Ergebnis einer Umfrage unter 14.000 Unternehmen veröffentlicht. 23 Prozent klagten über schlechtere Konditionen von ihrer Hausbank. Bei weiteren 3 Prozent wurden Kredite sogar abgelehnt. Stellt man dem die 10 Prozent gegenüber, die verbesserte Konditionen meldeten, bleibt ein Saldo von 16 Prozentpunkten. Auf den ersten Blick ist das ein beunruhigender Wert. Doch erstaunlich ist, dass der Saldo zu Jahresbeginn ebenso hoch war, in der wirtschaftlichen Erholung Anfang 2005 bei 12 Punkten und Anfang 2004 sogar bei 21 Punkten lag.

Abschwächung der Kreditvergabe ist durch geringere Nachfrage zu erklären

Eine andere Annäherung an das Phänomen Kreditklemme ist die Erfahrung mit früheren Abschwüngen. Ökonomen versuchen, die historische Entwicklung des Kreditvolumens mit Nachfragefaktoren wie Bruttoinlandsprodukt und Investitionsquote zu erklären. Dahinter steht die Vorstellung, dass Unternehmen im Abschwung aus eigenem Antrieb weniger Kredit nachfragen, weil zum Beispiel Investitionen aufgeschoben werden. Aus den aktuellen Daten kann dann geschlossen werden, ob die Veränderung der Kreditvergabe allein aus der verringerten Kreditnachfrage resultiert oder aus einer Verweigerung der Anbieter.

Bisher sei die Abschwächung der Kreditvergabe vor allem durch geringere Nachfrage zu erklären, sagt Michael Schubert, Analyst der Commerzbank. Nur etwa 0,6 bis 0,7 Prozentpunkte der Veränderung seien auf Angebotsfaktoren zurückzuführen, zum Beispiel auf die wachsende Furcht der Banken vor Kreditausfällen. Das seien die Werte für das erste Quartal. Die Banken hätten aber ihre Kreditkonditionen weiter verschärft, und das wirke mit einiger Verzögerung. Deshalb sei zu erwarten, dass die dämpfende Wirkung der Angebotsfaktoren inzwischen auf etwa 1,5 Prozent gestiegen sei. Mit anderen Worten: Ohne die von der Industrie beklagte Zurückhaltung der Banken müsste die Kreditmenge etwa 1,5 Prozent höher sein, als sie ist.

Eine ähnliche Argumentation verfolgen auch die Notenbanken. Nach der jüngsten Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank sagte Präsident Jean-Claude Trichet, es sei angesichts des wirtschaftlichen Abschwungs nicht überraschend, dass die Nachfrage für die Abschwächung der Kreditvergaben eine sehr wichtige Rolle spiele. Es gebe auch dämpfende Angebotsfaktoren, aber auf die habe die Zentralbank schon angemessen reagiert. Gleichwohl forderte Trichet die Banken auf, Kapital aufzunehmen und dafür die zum Teil ungenutzten staatlichen Programme zu nutzen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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