Rentenmärkte

Zinspolitik wird für Zentralbanken zum Drahtseilakt

01. November 2005 Nach einem jahrelangen Boom an den internationalen Rentenmärkten scheint sich in den vergangenen Monaten die Lage verändert zu haben. Stiegen die Kurse aufgrund immer tiefer fallender Zinsen und aufgrund von Sonderprozessen immer weiter an, so sieht es in Moment so aus, als ob diese Entwicklung ihr Ende gefunden haben könnte.

Das läßt sich unter anderem an der Kursentwicklung der internationalen Rentenmärkte in den vergangenen Wochen und Monaten ablesen. Auf Sicht von drei Monaten haben die Renditen nicht nur in „Krisenländern“ wie Indonesien deutlich angezogen, sondern auch in Thailand und einigen der mittel- und osteuropäischen Staaten, die lange Zeit vom Konvergenzprozeß hin zur Europäischen Union profitieren konnten.

Amerikanische Zinsen am kurzen Ende steigen deutlich

Hintergrund ist unter anderem die Tatsache, daß die amerikanische Zentralbank seit Monaten kräftig und nachhaltig die Zinsschraube anzieht und den Leitzins am Dienstag wohl auf vier Prozent erhöht, nachdem sie zuvor die Welt gewissermaßen mit Dollar geflutet hatte. Das führte bisher insbesondere am kurzen Ende der amerikanischen Zinskurve zu fallenden Kursen und steigenden Renditen. Auf Sicht von drei Monaten hat die Rendite von zweijährigen amerikanischen Papieren um 36 Basispunkte angezogen, jene von fünfjährigen Papieren um 30 Basis- oder 0,3 Prozentpunkte.

Die amerikanische Zentralbank begründet ihr Vorgehen mit steigenden Preisen, die insbesondere von den hohen Rohstoff- und Energiekosten ausgelöst werden. Denn Firmen versuchen, steigende Produktionskosten in Form höherer Verkaufspreise an die Kunden und schlußendlich an die Konsumenten weiterzugeben. Das Phänomen machte sich in den vergangenen Wochen auch in Europa bemerkbar und veranlaßte Repräsentanten der Europäischen Zentralbank und auch der Bundesbank zu entsprechend kritischen Äußerungen. Aus diesem Grund scheinen auch in Europa Zinserhöhungen nicht ausgeschlossen zu sein. Dabei hatte der Markt noch bis vor kurzem auf Zinssenkungen spekuliert.

Steigende Zinsen in den Industriestaaten würden die zumindest im historischen Vergleich relativ riskanten Rentenmärkte der Schwellenländer weniger interessant machen als bisher, auch wenn sich in manchen Staaten die fundamentale Situation aufgrund des Rohstoffbooms deutlich verbessert hat. Gleichzeitig dürften diese Staaten nach wie vor stark auf genau diesen Boom und auf eine anhaltende Dynamik in der Weltwirtschaft angewiesen sein. Sollte einer diese Pfeiler wegfallen, könnte sich die Risikowahrnehmung der Anleger noch deutlicher eintrüben, als in den vergangenen Wochen und zu weiteren Kursverlusten führen.

Zentralbanken im Dilemma, durch zu starke Zinserhöhungen das Wachstum zu dämpfen

Damit wird auch das Dilemma klar, in der sich sowohl die Zentralbanken als auch die Märkte befinden. Denn sollten die Zinsen zu rasch und deutlich angehoben werden, dürfte das früher oder später dämpfend auf die konjunkturelle Entwicklung durchschlagen. Insbesondere mit Blick auf Amerika kann man sich Sorgen machen. Denn dort scheint die Wirtschaft zwar optisch gut zu laufen, allerdings profitiert sie nach wie vor von den stimulativen Effekten der Steuersenkungen, der hohen Staatsausgaben und der tiefen Zinsen in der Vergangenheit, die über den induzierten Kredit- und Immobilienboom den Konsum und damit die Konjunktur angekurbelt haben. Die Frage ist, was passiert, sobald dieser Motor zu stottern beginnt.

Es wird befürchtet, abnehmendes Wachstum - es beruht auf extremen Ungleichgewichten und auf einer Finanzierung von außen (Budget- und Rekordleistungsbilanzdefizit) - würde nicht nur die Nachfrage aus China dämpfen und indirekt auch die Nachfrage nach Rohstoffen. In diesem Fall müßten auch die positiven Impulse auf die rohstoffreichen Staaten und Schwellenländer hinterfragt werden.

Plötzlich - bei Anzeichen für eine globale wirtschaftliche Abschwächung - könnten die Rentenmärkte wieder ins Spiel kommen. In diesem Sinne wird die Zinspolitik der Zentralbanken immer mehr zu einem Balanceakt. Anleger sollten in diesem Sinne wie Entwicklung aufmerksam verfolgen. Denn ein Risiko besteht unter anderem darin, daß die amerikanische Zentralbank das Vertrauen in den Dollar verspielen könnte. Er profitiert kurzfristig von einer gewissen Zinsphantasie. Mittel- und langfristig können jedoch die Defizite des Landes - sie zeigen sich auch in Form der Miseren bei Airlines und in der Automobilindustrie - zum Bumerang werden.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
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