Von Thomas Schmitt
04. Dezember 2007 Eine Rating-Agentur ist eine Goldgrube. Es gibt in der Finanzwelt kein besseres Geschäft, als Noten für Finanzanlagen aller Art zu vergeben. Bis zu diesem Jahr jedenfalls. Denn seit sich in Amerika die Hypothekenkrise ausweitet, ist Moody's bei Anlegern unten durch. Der Aktienkurs der großen Rating-Agentur hat sich halbiert.
Auch der Aktie von McGraw-Hill Companies, der Muttergesellschaft des großen Konkurrenten Standard & Poor's erging es kaum besser. Ihr Kurs fiel mittlerweile um rund 36 Prozent. Wieder einmal stehen die beiden Branchengrößen von allen Seiten unter Beschuss: Aktionäre fürchten Gewinneinbrüche, Banken kritisieren ihre Macht und Investoren deren Ohnmacht; Währungshüter und Politiker wollen sie am liebsten an die Kandare nehmen. Die Motive sind jeweils andere, der Anlass ist der gleiche: die Kreditkrise, die alle inzwischen total nervt. Davor hätten die Agenturen doch früh warnen sollen. Konnten sie das?
Profitable Geschäfte
Schön wäre es gewesen. Klar ist, dass die Rating-Agenturen zuletzt fürstlich verdient haben. So lag die Umsatzrendite von Moody's 2006 nach Steuern bei 37 Prozent. Zum Vergleich: Das schafft in Deutschland nur die Deutsche Börse. Wer 20 Prozent Umsatzrendite erreicht, ist super, wer zehn Prozent macht, gehört zu den Top 20.
Warum sind Rating-Agenturen so profitabel? Sie brauchen kein Kapital, sondern nur Köpfe. Sie lassen sich von den Benoteten bezahlen, womit sie sich dem Vorwurf von Interessenkonflikten und Gefälligkeitszensuren aussetzen. Und sie haben ihr Geschäft enorm erweitert.
Heute verteilen Moody's und Co. nicht bloß Bewertungen für die Anleihen von Staaten oder Unternehmen. Dies ist das alte Geschäft, wo auch schon manche Note total falsch war: in Lateinamerika und Asien genauso wie in Amerika oder Italien (siehe Die großen Fehleinschätzungen der Rating-Agenturen). Hinzu kam in den vergangenen Jahren das Geschäft mit neuartigen Finanzprodukten. Die Agenturen werden schon früh in die Entwicklung bei den Investmentbanken einbezogen. Die Banker wissen darum schnell, was sie tun müssen, um ein gutes Rating zu bekommen. Für die Banker ist das wichtig, denn nur damit lassen sich die komischsten, unverständlichsten und verrücktesten Geldanlagen verkaufen. Ein dubioses Doppelspiel (vgl. Zeitbomben auf den Kreditmärkten, Ratings unter Druck).
Nicht vorhersehbar
Viele professionelle Investoren machten es sich in den vergangenen Jahren allerdings auch einfach: Was sie von den Banken kauften, verstanden sie oft nicht. Doch sie griffen zu. Das stellte sich als großer Fehler heraus. Denn manche Finanzkonstruktionen sind trotz hervorragender AAA-Ratings plötzlich nicht mehr handelbar. Es gibt keine Preise mehr.
Das heißt nicht, dass sie ihren Wert verloren hätten. Denn die dahinterliegenden Kredite werden wahrscheinlich am Ende bedient. Doch das ist meist noch Jahre entfernt. Es heißt nur: Im Moment kann ein Investor an den Märkten mit vielen neuartigen Anleihekonstruktionen wenig anfangen. Das ist bitter, wenn Anleger schnell Geld benötigen.
Kein Wunder, dass da ein Sündenbock her muss. Haben sich Investoren nicht auf die Note verlassen? Wie konnte die Agentur etwas für gut befinden, was sich hinterher als schlecht herausstellt? Die Frage ist berechtigt, aber auch unfair. Denn Rating-Agenturen bewerten nur die Wahrscheinlichkeit, ob ein Kredit ausfällt. Da können sie mal falschliegen. Doch wenn das nicht zu oft passiert und wenn sie im Zweifel schnell warnen, machen sie ihren Job. Dass eine ganze neue Anlageklasse nicht mehr handelbar ist, dies war nicht vorhersehbar. Aus einem schlichten Grund: Dies gab es bisher so nicht.
Einfluss des einzelnen Kunden gering
Durch die Kreditkrise lernen nun alle Seiten schmerzhaft dazu und ändern Verfahren und Herangehensweise. Die Investoren denken wieder stärker mit, wenn sie etwas kaufen. Und die Rating-Agenturen nehmen den Banken nun nicht mehr alles ab, auch wenn diese dafür fürstlich zahlen. Schließlich steht in dieser Krise wieder das kostbarste Gut der Rating-Agenturen auf dem Spiel: ihr Ansehen und ihre Glaubwürdigkeit bei den Investoren.
Das Geschäftsmodell einer Rating-Agentur funktioniert am Ende nur, wenn Anleger deren Noten als Maßstab für eigenes Handeln an den Finanzmärkten akzeptieren. Da macht es dann sogar nichts, wenn Banken und Unternehmen für Ratings bezahlen. Das wirkt zwar ebenfalls dubios, doch der Einfluss eines einzelnen Zahlers auf die Finanzen der Agentur ist verschwindend gering.
Beispiel Moody's: Die Agentur beurteilt 170.000 Unternehmensanleihen, Staatspapiere und strukturierte Finanzierungsinstrumente, mehr als 100.000 Schuldtitel der öffentlichen Finanzwirtschaft, 10 000 Industrieunternehmen und Finanzinstitute sowie 100 souveräne Staaten. Wenn mal einige unzufrieden sind und nicht mehr zahlen, macht das Moody's nichts. Wenn aber alle Investoren glaubten, dass Moody's schlecht arbeitete, würde bald niemand mehr Geld für ein Rating zahlen.
Leere Drohungen
Dubiose Doppelrolle hin oder her: Das Geschäft wird weiter laufen so wie bisher, weil noch kein besseres Benotungsverfahren erfunden wurde. Das hat auch die Politik gemerkt: Alle ihre Ankündigungen, grundsätzlich einzugreifen, entpuppten sich als gegenstandslos. Nicht zuletzt deshalb, weil Rating-Agenturen nach der Kritik freiwillig durchsichtiger geworden sind. Dadurch sichern sie letztlich ihre Macht.
Die Politik jedoch ist Antworten schuldig geblieben: Wie soll eine Meinungsäußerung, und nichts anderes ist AAA oder BBB, reguliert werden? Kein Investor hätte ein Interesse daran, würde er doch gerade dann Gefälligkeitsnoten vermuten oder mit noch späteren Krisenwarnungen rechnen müssen.
Manche glauben, ein Grundübel in dem Markt sei die mangelnde Konkurrenz unter den Agenturen. Abgesehen davon, dass sich dies durch den Markteintritt von Fitch und DBRS auch auf globaler Basis geändert hat, besitzt der Rating-Markt natürliche Schranken. Nur wenn die Investoren neue Ratings wollen, weil sie mit den alten unzufrieden sind, haben Neulinge eine Chance.
Doch solange Moody's und Standard & Poor's auf Krisen reagieren und solange sie der Maßstab am Markt sind, gedeihen die Newcomer nur in Nischen. Letztlich ist jede Krise daher auch gut für das Ratingsystem: Auswüchse werden überprüft und Benotungssysteme angepasst. Das schützt zwar nicht vor der nächsten Krise. Es erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass Probleme künftig früher erkannt werden. Schließlich liegt - bei allen Zweifeln - hier das Hauptinteresse: Alle wollen möglichst wenig Geld verlieren.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.12.2007, Nr. 48 / Seite 60
Bildmaterial: F.A.Z., FAZ.NET
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