28. März 2008 Die internationale Finanzkrise wird die britische Wirtschaft und die heimische Bankenszene länger und stärker belasten als bislang angenommen. Diese Ansicht vertrat Mervyn King, der Gouverneur der Bank von England, vor dem Finanzausschuss des britischen Parlaments. Um die drohenden Liquiditätsengpässe am Interbankenmarkt zu überbrücken, stellte der Chef der Notenbank zwar auch weiterhin hohe Kapitalhilfen in Aussicht. Doch er dementierte Planspiele, wonach die Zentralbanken mehrerer Länder erwägen sollen, schlechte Aktiva privater Banken aufzukaufen, um so deren Bilanzen zu entlasten.
Da die Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten eine neue, gefährliche Phase erreicht haben, arbeiten wir in enger Abstimmung mit den Großbanken unseres Landes an einer langfristigen Lösung der Probleme, sagte King vor den Parlamentariern in London, ohne Details zu nennen.
Masterplan dementiert
Um mögliche Bedenken über staatliche Aufkäufe von schlecht besicherten Wertpapieren auszuräumen, stellte er klar, dass bei dem diskutierten Konzept sämtliche Verlustrisiken aus Kreditgeschäften von den Aktionären der Geschäftsbanken getragen und somit nicht auf die Steuerzahler abgewälzt werden dürften.
King reagierte mit seiner Absage auf Spekulationen, die kürzlich in britischen Medien kursierten. Danach sei in den Chefetagen mehrerer Notenbanken erwogen worden, mit Hypotheken besicherte Wertpapiere in großem Stil aufzukaufen, um so eine Eskalation der Finanzkrise zu vermeiden. Als mögliche Quellen für diesen Masterplan, den angeblich die Bank von England forciere, werden die Vertreter britischer Banken genannt. Was freilich keine der namhaften Adressen in der Londoner City bestätigen will.
King und die Vorstandsvorsitzenden der sechs größten britischen Geschäftsbanken hatten in der vergangenen Woche auf einem routinemäßig anberaumten Treffen über die aktuelle Lage auf den Finanzmärkten beraten. Kurz danach teilte die Bank von England mit, dass sie ihre kurzfristige Liquiditätshilfe für die heimischen Banken um 5 Milliarden auf 10,9 Milliarden Pfund (13,9 Milliarden Euro) aufgestockt und zum Basissatz von 5,25 Prozent zur Verfügung gestellt habe (F.A.Z. vom 22. März).
Zinssenkungen in Aussicht gestellt
King, dessen Vertrag vor wenigen Wochen um fünf Jahre bis 2013 verlängert wurde, war zuvor intern sowie in der britischen Öffentlichkeit wegen seines zögerlichen Krisenmanagements in die Kritik geraten. Der 58 Jahre alte Gouverneur hatte sich lange Zeit dagegen gewehrt, den wegen der Liquiditätskrise in die Bredouille geratenen Geldhäusern finanziell zur Seite zu stehen.
Seine starre Haltung verschärfte unter anderem die Krise bei der angeschlagenen Hypothekenbank Northern Rock, die im Februar verstaatlicht werden musste. Um eine weitere Zuspitzung der Lage im heimischen Finanzsektor zu vermeiden, rückte King von seiner bisherigen Linie ab.
Bei seinem Auftritt vor dem Parlamentsausschuss deutete der Notenbank-Chef weitere Zinssenkungen an, wobei er radikale Schritte mit dem Hinweis auf die Inflationsgefahren explizit ausschloss. Analysten in der Londoner Finanzszene rechnen jetzt damit, dass die Bank von England im Mai ihren Leitzinssatz von 5,25 Prozent auf 5 Prozent verringern wird.
Gleichzeitig machte sich King in der Expertenrunde für eine Stärkung der nationalen Banken- und Marktaufsicht stark. Sein Aufruf fiel zeitlich mit der Vorlage eines internen Untersuchungsberichts der Financial Services Authority (FSA) zusammen. Darin gestehen die britischen Bankenaufseher schwere Mängel bei der Kontrolle von Northern Rock ein. Um solche Fehler künftig auszuschließen, soll die Zahl der FSA-Aufseher bis März 2009 von 506 auf 625 aufgestockt und die Häufigkeit der routinemäßigen Kontrollen deutlich erhöht werden.
Text: ufe / F.A.Z., 28.03.2008, Nr. 73 / Seite 25
Bildmaterial: REUTERS
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