10. Juni 2008 Das europäische Finanzsystem wird in den kommenden sechs bis zwölf Monaten weiterhin sehr verletzlich bleiben. Zu dem Ergebnis kommt die Europäische Zentralbank (EZB) in ihrem am Montag veröffentlichten Bericht zur Stabilität des Finanzsystems, den EZB-Direktoriumsmitglied Lucas Papademos am Montag in Frankfurt vorgestellt hat.
Ein besonderer Unsicherheitsfaktor bleibt die Entwicklung des amerikanischen Immobilienmarktes. Negativ würde sich vor allem auswirken, wenn die Zahl der Hauseigentümer, die ihre Hypotheken nicht mehr bedienen könnten, weiter steige. Das sei jedoch ebenso wahrscheinlich wie ein weiterer Verfall der amerikanischen Eigenheimpreise: Der Angebotsüberhang auf dem amerikanischen Immobilienmarkt ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr, sagte Papademos.
Amerikanischer Kreditmarkt könnte sich weiter verschlechtern
Die Konditionen auf dem amerikanischen Immobilienmarkt könnten sich nach Ansicht der EZB im weiteren Verlauf des Jahres 2008 verschlimmern, weil in diesem Jahr die Hypothekenzinsen steigen werden. Es wird damit gerechnet, dass viele Hypotheken dann ganz ausfallen werden, weil die Schuldner sie nicht mehr bedienen können. Allerdings hätten viele Finanzkonzerne diese Entwicklung schon eingepreist, so dass die Hypothekenausfälle sie nicht mehr so hart treffen dürften wie noch im vergangenen Jahr.
Als weiteren Risikofaktor beschreibt der Bericht die steigende Wahrscheinlichkeit von Ausfällen von amerikanischen Konsumkrediten. In den Vereinigten Staaten sei eine Verschlechterung der finanziellen Situation der Haushalte zu erwarten, so dass viele Kreditnehmer ihre Schulden in Zukunft nicht mehr bedienen könnten. Papademos sagte, es mehrten sich die Anzeichen, dass sich die Konditionen auf den Märkten für Gewerbeimmobilien in den Vereinigten Staaten sowie in Europa verschlechtern würden.
Verschuldungsboom rächt sich
Auch die Unternehmensfinanzierung sieht die EZB aufgrund der Verschärfung der Standards für die Kreditvergabe bedroht. Die schärferen Kreditvorgaben werden vor allem Unternehmen mit einer hohen Verschuldungsquote und einer geringen Profitabilität in Schwierigkeiten bringen, sagte Papademos. Das trifft vor allem auf Unternehmen zu, die von privaten Beteiligungsgesellschaften übernommen wurden. Dies wiederum erhöhe die Wahrscheinlichkeit von Unternehmensausfällen. Zudem führten die Ölpreissteigerungen zu mehr Unternehmensausfällen, wie die Vergangenheit gezeigt habe.
Als weitere Risiken für die Finanzmarktstabilität nennt der Bericht globale finanzielle Ungleichgewichte; sie seien jedoch in den vergangenen Monaten geringer ausgeprägt gewesen. Als Beispiel wird vor allem das amerikanische Leistungsbilanzdefizit angeführt, dass sich im vergangenen Jahr auf 5,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verringert habe, und in diesem Jahr weiter sinken solle.
Seinen eher negativen Ausblick schloss Papademos allerdings mit einer positiven Bemerkung: Er betonte, dass die aktuellen Verluste vor allem aus schwer zu bewertenden Vermögensgegenständen resultierten. Man könne deshalb nicht ausschließen, dass die Kreditausfälle weniger schwerwiegend seien als derzeit erwartet. Das würde zu unerwarteten Wertsteigerungen in den Bankbilanzen führen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.
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