Inflationsindexierte Anleihen

Preisauftrieb könnte stützen

28. April 2008 Lange Jahre schien es so, als ob das Thema Inflation ein historisches sei. Die Raten blieben niedrig, sogar das Gespenst Deflation machte eine Zeitlang zumindest im Blätterwald die Runde.

Kritische Ökonomen waren da nicht ganz so überzeugt. Angesichts stark steigender Geldmengen und steigender Vermögenspreise schien es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Preissteigerungen auf den Konsum übergreifen würden. Es war vielmehr die Frage, wann und wie.

Die Ärmsten trifft es am härtesten

Inzwischen scheint es soweit zu sein. Weltweit häufen sich die Meldungen über Inflationsraten, die neue Rekordstände markieren, besonders angetrieben durch Preissteigerungen im Nahrungsmittelbereich, die gerade in Ländern, in denen dem Sektor eine hohe Bedeutung zukommt, die gravierendsten Folgen zeitigt.

Ecuadors Präsident Rafael Correa etwa rechnet mit einer Zunahme der Nahrungsmittelengpässe auf dem Subkontinent, denen man unter anderem mit Subventionen begegnen will. Nichtsdestoweniger rechnet er mit einem Anstieg der Inflationsrate von 3,32 Prozent im vergangenen Jahr auf sechs Prozent.

Auch das westafrikanische Gabun reagiert mit der Aussetzung von Steuern auf Grundnahrungsmittel, nachdem die Preise für Obst und Gemüse in weniger als einem Jahr um 13 Prozent gestiegen sind. Solche Maßnahmen aber können nur kurzfristig wirken. Angesichts steigender Importpreise und der begonnenen Inflationsdynamik besteht die Gefahr, dass Nahrungsmittel zunehmend auf dem Schwarzmarkt verschwinden und auf diesem Weg die Stabilität der Volkswirtschaft unterhöhlen.

In Mosambique zeigt sich die Gefahr offener. Nachdem die Regierung eine Anhebung des Mindestlohns um 30 Prozent beschlossen hat, werden die Löhne um zehn bis 30 Prozent steigen. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Preissteigerungsrate in dem Land, in dem in den Jahren 2002 bis 2004 44 Prozent der Bevölkerung unterernährt waren, acht Prozent betragen.

Galoppierende Inflation in Island

Wenn es auch die armen Länder am härtesten trifft, so heißt das nicht, dass höher entwickelte Länder nicht vor Herausforderungen stünden. Das zeigt sich besonders im kleinen Island, in dem die Inflation mit 8,7 Prozent der Zentralbank trotz rekordhoher Zinsen von mehr als 15 Prozent längst davon galoppiert ist, deren Zielgröße nach wie vor bei 2,5 Prozent liegt. Mittlerweile fürchten nicht nur Rating-Agenturen eine harte Landung und den Bruch des Wachstumstrends. Dieser ist aufgrund der geringen Größe des Landes ohnehin volatil: Einzelne Großinvestitionen können die Wachstumsrate eines Jahres stark verzerren und für einen entsprechenden Basiseffekt im Folgejahr sorgen.

Doch wenn es um eine Wachstumsgeschichte geht, so macht Island den internationalen Finanzmärkten trotz seines aufgeblähten Bankensystems noch die wenigsten Sorgen. Viel eher mehren sich die Zweifel, ob die Schwellenländer ihr Wachstumstempo noch aufrecht erhalten können oder ob sie ins Schlingern geraten.

Osteuropa unter doppeltem Druck

Christoph Rosenberg, Repräsentant des IWF für Zentraleuropa und das Baltikum sieht einige Länder seitens steigender Rohstoffpreise unter zusätzlichem Feuer, die noch zum wachsenden Kostendruck durch steigende Löhne dazukämen. Die Zentralbanken der Region sähen sich das erste Mal seit vielen Jahren mit der Herausforderung einer hohen Inflation konfrontiert.

Rumänien verzeichnete im März eine Preissteigerungsrate von 8,6 Prozent und damit den stärksten Anstieg seit zwei Jahren. Grund sind steigende Importpreise, Löhne und Ausleihungen.

In Tschechien erwägt die Zentralbank eine sechste Zinserhöhung aufgrund steigender Weltmarktpreise für Lebensmittel. Diese würden sicherlich auf den Rest der Wirtschaft übergreifen, meint Robert Holman, Mitglied des Zentralbankrates, der entsprechende Lohnforderungen der Gewerkschaften erwartet.

Sorgen um das Wachstum

Und dies macht sich bereits an den Anleihen- und Devisenmärkten bemerkbar. Nachdem Russlands Inflationsrate im März auf 13,3 Prozent gestiegen ist und damit deutlich über dem Inflationsziel von zehn Prozent und auf einem Zweieinhalb-Jahres-Hoch liegt, könnte die Zentralbank gezwungen sein, den Rubel aufwerten zu lassen, eine Politik, der sich möglicherweise auch andere Notenbanken zuwenden müssen, auch wenn diese um ihre Wettbewerbsfähigkeit fürchten.

So hat die Notenbank der Ukraine gerade erst eine Entscheidung über eine Ausweitung des Kursbandes, in dem die Hryvnia handeln darf, verschoben. Doch mittlerweile liegt die Inflationsrate auf einem Acht-Jahres-Hoch von 26,2 Prozent, weit entfernt von den 9,6 Prozent, die die Regierung für 2007 zugesagt hatte. Auch in Rumänien fürchtet man um den Wachstumspfad und so signalisierte die Zentralbank zuletzt ein Ende oder eine Pause der Zinserhöhungen.

In Israel reagierten die Anleihemärkte am Sonntag mit leichter Panik auf die Entscheidung der Zentralbank, die Zinsen nicht zu senken, sagt Shraga Stern, Anleihehändler bei Prisma Investment in Ramat Gan. Mittlerweile befürchtet man bereits Zinserhöhungen, nachdem die Inflation ein Zwei-Jahres-Hoch von 3,7 Prozent erreicht hat.

Asiens Rentenmärkte unter Druck

Auch die asiatischen Rentenmärkte reagieren mit Kursverlusten auf steigende Inflationsraten. Philippinische Staatsanleihen erlebten die schlimmste Woche seit zwei Jahren. Schon jetzt rechnet die Zentralbank mit einer Verfehlung des Inflationsziels im laufenden Jahr. Auch indonesische Bonds und die Rupiah litten unter Abgaben, nachdem mit einer steigenden Inflation die Sorgen um das Wirtschaftswachstum zunehmen. Mit 8,2 Prozent liegen die Preissteigerungen deutlich über dem Ziel von 6,5 Prozent und auch über dem Leitzins von acht Prozent.

Beide Notenbanken und auch die Thailands dürften gezwungen sein, die Zinsen weiter anzuheben, weil sie unter dem Druck anziehender Rohstoffkosten stehen. Ursprünglich hatte man aufgrund einer erwarteten Abschwächung des Wachstums der Weltwirtschaft mit einer Abschwächung der Inflation in der zweiten Jahreshälfte gerechnet. Doch , so Sin Beng Ong, Volkswirt bei JP Morgan, könne diese Annahme nicht zutreffen, besonders dann wenn die Rezession in den Vereinigten Staaten nicht so stark ausgeprägt verläuft.

Historische Inflationsrekorde

Auch andere Staaten geraten in Schwierigkeiten. In China hat die Inflation ein Elf-Jahres-Hoch erreicht, in Singapur gar ein 26-Jahres-Hoch. In Sri Lanka and Vietnam liegt sie bereits über 20 Prozent. Der 17-Jahres-Rekord gefährdet auch die jüngst oft kolportierte Tiger-Story für das Land in Indochina, nicht zuletzt, weil sie den Lebensstandard der 85 Millionen Einwohner gefährdet. Die Regierung hat im laufenden Jahr die Leitzinsen angehoben, die Reserveranforderungen an die Banken erhöht und zusätzliche Staatsanleihen ausgegeben. Die Rendite der fünfjährigen Benchmark-Anleihe ist mittlerweile auf den höchsten Stand seit knapp zwei Jahren geklettert.

Kaum anders ist das Bild in Südamerika. Allein Argentiniens untaugliche Versuche, die Inflationsrate statistisch zu verschleiern, zeigen wie gravierend das Problem ist. Schon offiziell ist die Preissteigerung auf nunmehr 8,8 Prozent gestiegen. Claudio Mauro, Volkswirt bei M&S Consultores in Buenos Aires, schätzt sie auf eher 22 Prozent. Der Kurs der im Dezember 2005 aufgelegten und 2033 fälligen Benchmark-Anleihe steht mittlerweile auf einem Allzeittief.

Auch Musterländer haben Probleme. Nach 15 Zinserhöhungen hält die kolumbianische Notenbank die Zinsen derzeit konstant, um nicht den Peso-Kurs noch weiter nach oben zu treiben, der nach Ansicht der Regierung bereits jetzt die Wettbewerbsfähigkeit schwächt. Die Zentralbank versucht dieses Problems mit zusätzlichen Kapitalverkehrskontrollen Herr zu werden. Das aber läuft wiederum der Liberalisierungspolitik zuwider. Immerhin sank die Inflationsrate im März auf 5,93 von 6,35 Prozent. Doch das Inflationsziel liegt bei 3,5 bis 4,5 Prozent.

Sorgen auch in den Industrieländern

Dass dies alles kein Schwellenländer-, sondern ein globales Problem ist, zeigt sich aber nirgends deutlicher als darin, dass der Terminhandel mit japanischen Anleihen am Freitag nach zwischenzeitlich massiven Kursverlusten erstmals in seiner Geschichte um 15 Minuten unterbrochen werden musste.

Der Verkaufsdruck bei japanischen Staatsanleihen habe sich verstärkt, als sich Positionsauflösungen und Verkäufe zur Begrenzung von Verlusten gegenseitig befeuert hätten, so Marktteilnehmer. Insbesondere japanische Banken seien dabei als Verkäufer beobachtet worden.

Hintergrund der deutlichen Verluste sei der weltweit zu beobachtende Inflationsdruck, hieß es. Dieser habe für Spekulationen über ein bevorstehendes Ende des Zinssenkungszyklus in den Vereinigten Staaten gesorgt und zu der Erkenntnis, dass die japanischen Anleihen überteuert seien. Auslöser der Verkaufswelle seien vermutlich die unmittelbar vor Handelsstart gemeldeten japanischen Verbraucherpreise gewesen, die den höchsten Stand seit 10 Jahren gezeigt hätten, so ein Teilnehmer.

Die Angst vor einer beschleunigten Inflation hatte auch schon den amerikanischen Anleihemarkt am Freitag belastet und auch die britischen Gilts befinden sich seit zwei Wochen auf dem Weg nach unten, da weitere Zinssenkungen nicht mehr als wahrscheinlich gelten, da die Inflationserwartungen der britischen Verbraucher sich auf einem Rekordhoch befinden.

Chancen für Linker?

Und Lorenzo Bini Smaghi, Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), vertritt die Ansicht, dass die anhaltend hohe Inflation im Währungsraum nicht mehr tolerierbar sei. Auch das deutsche Direktoriumsmitglied Jürgen Stark ist wegen möglicher Zweitrundeneffekte besorgt. Im März hatten die Verbraucherpreise in der Eurozone um 3,6 Prozent über dem Niveau des Vorjahres gelegen. Damit erreichte die Jahresteuerung das höchste Niveau seit der Einführung des Euro im Jahr 1999 und lag deutlich über der Preisstabilitätsnorm der EZB, die eine Inflation von knapp 2 Prozent anstrebt.

Das weltweite Inflationsszenario lässt Linker, als Anleihen deren Verzinsung an die Entwicklung eines Preisindexes gekoppelt ist, wieder verstärkt in den Fokus des Interesses rücken. Deren Kursentwicklung verlief in den vergangene Monaten zum Teil deutlich schlechter als etwa die des Anleihenindex Rex. Das könnte sich in den kommenden Monaten ändern, wenn sich die Inflationserwartungen möglicherweise zu erhöhen begonnen.

Französische OATs haben sich etwa in den vergangenen Tagen deutlich besser geschlagen als der Markt. Die deutschen Linker sind dagegen mit dem Markt mitgelaufen. Das mag daran liegen, dass die Inflationserwartungen noch nicht so ausgeprägt sind.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

Bund-Future DetailsChart
Chart
NamePunkteProzent
Dax 6.440,70 -1,46
TecDax 721,58 -3,36
DowJones 11.349,28 -2,43
Nasdaq 2.280,11 -1,97
STOXX 50 3.354,58 -0,97
Nikkei 225 13.603,31 +2,18
Euro/Dollar 1,57 +0,10
Bund Future 110,94 +0,75
Gold 932,28 +0,50
Öl 124,98 -1,22
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2008

Quellen: IS.eFinance Solutions using Deutsche Börse AG, Morningstar und weitere. IS.eFinance Solutions implemented and powered by Interactive Data Managed Solutions AG, ©  1999-2007. Alle Börsendaten werden mit 15 Minuten Verzögerung dargestellt.