30. April 2008 Um Börsianer und Analysten zum Ausflippen zu bringen, bedarf es oft recht wenig. Voller Enthusiasmus stürzen sie sich am Mittwochnachmittag auf die Wertpapiere des Schweizer Spezialchemiekonzerns Clariant und treiben dessen Aktienkurs um bis zu 18 Prozent nach oben. Auch die Anleihen zeigen sich heute gefragt und so legt der Kurs der 2013 fällige und mit 4,375 Prozent verzinste Euro-Anleihe um 1,24 Prozent zu.
Die Ursache der Begeisterung erscheint schwer verständlich, auch wenn von überraschend starken Quartalszahlen die Rede ist. Die ausgewiesene Betriebsmarge habe deutlich über der Markterwartung gelegen.
Überschäumende Begeisterung
Die Analysten zeigten sich durchweg positiv überrascht und zufrieden, nachdem Clariant die Prognosen für den operativen und Betriebsgewinn deutlich übertroffen hat. Positive Kosteneinsparungseffekte und eine bessere Preisgestaltung hätten höhere Produktionskosten, eine leicht gesunkene Auslastungsquote sowie negative Währungseffekte ausgeglichen. Einige von ihnen kündigen zudem eine Anhebung ihrer Schätzungen an.
Betrachtet man aber das abgelieferte Zahlenwerk, so beginnt man sich zu fragen, was eigentlich so großartig daran ist. Der Überschuss im fortgeführten Geschäft hat sich mit 41 Millionen Schweizer Franken mehr als halbiert. Damit verfehlte Clariant auch die Prognosen der von Thomson Financial befragten Analysten. Der Umsatz ging wegen ungünstiger Wechselkurse auf 2,112 von 2,156 Milliarden Franken im Vorjahresquartal zurück. In lokalen Währungen kletterten die Erlöse hingegen um drei Prozent.
Der Betriebsgewinn vor Einmaleffekten stieg um elf Prozent auf 167 Millionen Franken und die um Sondereffekte bereinigte operative Marge verbesserte sich auf 7,9 von 7,1 Prozent. Dagegen stagnierte er nach Sondereffekten nahezu. Da das operative Ergebnis nach Sondereffekten leicht zurückging und vor Sondereffekten nur um 5,5 Prozent wuchs, wird deutlich dass die Hälfte des höheren Betriebsgewinns aus geringeren Abschreibungen auf Investitionen resultierte. Positiv ist angesichts des gesunkenen Umsatzes aber zu vermerken, dass sich die Ertragsrelationen immerhin etwas verbessert haben.
Solide Zahlen - kein Anlass zu Enthusiasmus
Die Belastungen führt das Unternehmen zu großen Teilen auf Fremdwährungseffekte zurück, die den Überschuss mit 44 Millionen Franken sowie den operativen Gewinn mit 36 Millionen Franken belastet hätten.
Durch Preiserhöhungen wurden die um neun Prozent gestiegenen Rohstoffkosten vollständig neutralisiert. Auch für die Folgequartale gehe Clariant von steigenden Rohstoffpreisen aus, jedoch werde das Ausmaß geringer sein als bisher, sagte Finanzchef Patrick Jany während einer Telefonkonferenz am Mittwoch.
Insofern geben die Zahlen eigentlich nicht zu überschäumender Begeisterung Anlass, eher, wie es Martin Schreiber, Analyst der Zürcher Kantonalbank ausdrückt, sieht man einen Hoffnungsschimmer auf Basis solider Resultate.
Obendrein gibt es noch einiges zu tun und so sind die Analysten vorsichtig. Für Euphorie sei es aufgrund des unsicheren Umfeldes zu früh, hieß es bei Wegelin. Auch bei Vontobel hieß es, dass die weiteren Aussichten schwer einzuschätzen seien und die Wende wohl noch Zeit beanspruchen.
Rating-Agenturen zuletzt vorsichtig
Zudem enttäuschte das Unternehmen hinsichtlich der Cashflow-Generierung. Zwar wurde dies mit saisonalen Schwankungen im Umlaufvermögen erklärt, doch kam aus operativer Ebene zu einem Mittelabfluss von sechs Millionen Franken, nach einem Zufluss von 37 Millionen im Vorjahresquartal.
Die Eigenkapitalquote des mit Baa2/BBB- gerade noch im Investment-Grade-Bereich bewerteten Unternehmens hat sich gegenüber dem Vorjahrestermin auf 34,5 Prozent leicht verbessert und mit einer Nettofinanzverschuldung von etwas mehr als dem Doppelten des von Analysten erwarteten operativen Gewinns liegt es auch an dieser Stelle durchaus im soliden Bereich.
Dennoch senkten Standard & Poor's die Bonitätsnote der Euro-Anleihe im März auf BBB- und begründeten dies seinerzeit mit der schwachen Ertragslage und dem unterdurchschnittlichen Cashflow. In den kommenden zwei Jahren werde der frei Cashflow weiter mäßig sein.
Attraktive Anleihe mit Haken
In den vergangenen Jahren habe Clariant nur teilweise vom guten Weltwirtschaftsklima profitieren können, weil man mit den steigenden Rohstoffkosten und einem härteren Wettbewerb nicht zurecht gekommen sei.
Im Gegensatz zum Unternehmen waren die Analysten angesichts des verschlechterten Umfeld skeptisch in Bezug auf die Gewinnentwicklung. Zudem sahen sie Risiken in den intendierten Restrukturierungen des Beteiligungsportfolios. Clariant will sich auf die Sparten konzentrieren, in denen der Konzern sich in einer starken Position in attraktiven Märkten sieht.
Clariant bestätigte am Mittwoch seine Ziele und will vor Einmaleffekten eine höhere operative Marge und operativen Cashflow erzielen. Vor dem Hintergrund zunehmend ungewisser Konjunkturaussichten konzentriere man sich unverändert auf die Umsetzung weiterer Preiserhöhungs- und Kostensparmaßnahmen. Diese sollen die ansteigenden Rohstoff- und Energiekosten abfedern.
Die Euro-Anleihe des Konzerns rentiert derzeit mit rund 8,2 Prozent recht attraktiv mit deutlichen Aufschlägen von mehr als 200 Basispunkten zu vergleichbaren Anleihen. Sie hat indes einen Haken: Das Mindestinvestitionsvolumen beträgt 50.000 Euro. Einfacher ist es daher mit der 2012 fälligen Anleihe in Schweizer Franken, die mit 3,125 Prozent verzinst wird. Indes notiert diese mit 3,127 Prozent deutlich niedriger.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: mho
Bildmaterial: Burkert, Christian, F.A.Z.
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 6.344,25 | -1,50 |
| TecDax | 715,79 | -0,80 |
| DowJones | 11.349,28 | -2,43 |
| Nasdaq | 2.280,11 | -1,97 |
| STOXX 50 | 3.307,05 | -1,42 |
| Nikkei 225 | 13.334,76 | -1,97 |
| Euro/Dollar | 1,57 | +0,28 |
| Bund Future | 111,38 | +0,40 |
| Gold | 931,20 | +0,38 |
| Öl | 124,98 | -1,22 |
