28. Januar 2008 Die amerikanischen Währungshüter um den Vorsitzenden Ben Bernanke werden in dieser Woche den Leitzins weiter senken. Und auch mit diesem Zinsschritt ist das Ende der geldpolitischen Lockerung noch nicht erreicht. Denn die Turbulenzen auf den Finanzmärkten und die schlechte Wirtschaftslage in den Vereinigten Staaten erfordern weitere Liquiditätsspritzen. In dieser oder ähnlicher Weise äußern sich Bankvolkswirte an Wall Street kurz vor Beginn des Treffens des geldpolitischen Rates der Federal Reserve (Fed) an diesem Dienstag und Mittwoch und knapp eine Woche nach der außerplanmäßigen Verringerung des Leitzinses um 0,75 Prozentpunkte auf 3,5 Prozent. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Fed den Zielzins für Tagesgeld am Mittwoch auf 3 Prozent ermäßigt.
David Rosenberg, Chefvolkswirt der Investmentbank Merrill Lynch und einer der größten Pessimisten seiner Gilde, sieht die Fed auch nach der kraftvollen Zinssenkung von der vergangenen Woche deutlich im Hintertreffen. "Das liegt doch auf der Hand, wenn man sieht, dass die Rendite der zweijährigen Staatspapiere mit rund 2,2 Prozent rund 1,3 Prozentpunkte niedriger ist als das Geldmarktniveau", sagt Rosenberg. Der Ökonom ist sicher, dass die amerikanische Wirtschaft mit dem Jahreswechsel in eine Rezession geglitten ist und sagt für drei Quartale dieses Jahres ein Schrumpfen des Bruttoinlandsprodukts voraus.
Chefvolkswirt von Merrill Lynch: FED wird den Leitzins auf ein Prozent senken
"Der Abschwung wird ausgelöst von den Konsumausgaben, die unter einen zu erwartenden Rückgang der Häuserpreise von 15 Prozent in diesem und weiteren 10 Prozent im kommenden Jahr leiden", meint Rosenberg. Mit einer Fülle von Daten hat der Bankökonom sein Modell gefüttert und kommt zu dem Schluss, dass die amerikanische Notenbank ihren Kurs noch eine Weile fortsetzen und den Leitzins auf 1 Prozent senken muss, um eine Erholung der Konjunktur einzuleiten.
Auch für die Analysten der Investmentbank ING ist es keine Frage des "Ob", sondern nur des "Wie viel", wenn es um die Zinsentscheidung am Mittwoch geht. Eine Reihe von Volkswirten plädiere für einen kleineren Zinsschritt von 0,25 Prozentpunkten, die Marktakteure hingegen sähen derzeit 0,5 Prozentpunkte als wahrscheinlichstes Ergebnis. "Wenn die Märkte auch am Mittwoch noch fest mit einem halben Prozentpunkt rechnen, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass die Fed das auch beschließt", schreiben die ING-Fachleute in einer Mitteilung an ihre Kunden. Die Fed wolle unter den jetzigen Umständen gewiss nicht die Erwartungen der Marktakteure enttäuschen.
Tim Bond von Barclays Capital weist darauf hin, dass die Zinssenkungen der Fed in den vergangenen Monaten angesichts der konjunkturellen Entwicklung und im historischen Vergleich nicht ungewöhnlich seien. "Der Leitzins mag etwas niedrig sein, wenn man nur auf die Lage auf dem Arbeitsmarkt blickt, die so schlecht nicht ist. Aber mit Blick auf die verhältnismäßig niedrige Kerninflationsrate und die gestiegene Zurückhaltung in der Kreditvergabe ist die Reaktion der Fed nichts Besonderes", sagt Bond.
Panik oder berechtigte Zinssenkung?
Der Banker rechnet ebenfalls mit einem Zinsschritt um 0,5 Prozentpunkte, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil die Fed in den vergangenen Tagen nichts unternommen habe, um die Markterwartung in eine andere Richtung zu lenken. "Wenn es dazu kommt, würde die Fed allerdings etwas aggressiver vorgehen als in der Vergangenheit", sagt Bond. Das Barclays-Modell legt einen Leitzins von 3,25 Prozent nahe, etwas höher als die nun erwarteten 3 Prozent. "In diesem Umfeld müssen wir den Handel mit inflationsindexierten Staatsanleihen besonders beobachten. Dort könnte sich eine wachsende Besorgnis über eine Inflationsbeschleunigung zeigen", erläutert Bond.
Roger Kubarych, der die Fed im Auftrag der Hypo-Vereinsbank beobachtet, hält es für recht wahrscheinlich, dass die Fed-Ökonomen eine Rezession in ihrer Konjunkturprognose nun zu ihrem Hauptszenario machen werden und der Rat den Leitzins diese Woche von 3,5 auf 3 Prozent senkt. Kubarych ist nicht entgangen, dass die Zinssenkung der Fed am vergangenen Dienstag nicht überall auf Zustimmung gestoßen ist: "Manche kritisierten, dass das Timing fast schon Panik signalisierte und dass der Markt einen Zinsschritt in dieser Höhe bereits in den Terminkontrakten eingepreist hatte."
Doch der Ökonom schlägt sich auf die Seite jener, die den Beschluss für richtig halten. Die Zinssenkung sei erfolgt, um einem drohenden Kollaps vorzubeugen: "Da die Subprime-Krise einige der führenden Finanzinstitute bereits erheblich in Mitleidenschaft gezogen hat, wären die Folgen eines Einbruchs nur mit Mühe zu beheben gewesen", argumentiert Kubarych. Ob dem Schritt vom Mittwoch noch weitere folgen werden, lässt der Banker offen: "Das hängt von den Finanzmärkten und dem Konjunkturverlauf ab."
Text: F.A.Z., 29.01.2008, Nr. 24 / Seite 25
Bildmaterial: FAZ.NET