14. Januar 2008 Morgan Adams benötigt Geld. Und das ziemlich rasch. Die 27 Jahre alte Angestellte ist nach der Trennung von ihrem Freund in eine andere Wohnung eingezogen, hat ein neues Auto gekauft und jetzt auch noch ein Fernstudium angefangen. Um das alles zu finanzieren, hätte sie gerne 6500 Euro. Da ihr Dispositionskredit bei der Bank schon ausgeschöpft ist, zapft sie eine neuartige Quelle an: Auf der Internetplattform Smava.de will sie sich von Privatleuten Geld leihen - und das ausgerechnet mit dem Pseudonym der Titelheldin eines Films namens Piratenbraut.
Die Freibeuterin liegt im Trend: Private Kreditvermittlung im Internet ist seit dem vergangenen Jahr ein Wachstumsmarkt. Onlineportale wie Smava, Elolly, Auxmoney, Ongema oder Money4friends vermitteln seit kurzem zwischen privaten Geldgebern und Kreditsuchenden.
Fragwürdige Geschäftsmodelle
Wie so oft in der Finanzbranche kommt diese Welle aus dem angloamerikanischen Raum. Vorbild ist die britische Internetplattform Zopa, die vor gut zwei Jahren mit dem Konzept des Social Lending begonnen hat. Im Prinzip funktioniert das wie die Tauschbörse Ebay: Jemand bietet Geld, ein anderer sucht einen Kredit, und das Internet bringt beide über eine Art Auktionsverfahren zusammen.
Das Volk hilft sich gegenseitig - mit diesem Slogan und mehr als 36 Millionen Euro verfügbarem Kapital wirbt Auxmoney, hinter der ein Unternehmen aus Nevada steckt, für ihre Kreditvermittlung. Doch hinter den Marketingparolen mit dem basiskapitalistischen Duktus steckt ein Geschäftsmodell, das Verbraucherschützer und Finanzfachleute mit Ausnahme von Smava für fragwürdig halten.
Dabei klingt das Prinzip zunächst ebenso einfach wie hilfreich: Ein Kreditsuchender wie Morgan Adams registriert sich, beschreibt den Zweck, die Höhe des Kredites und den Zinssatz, den er zu zahlen bereit ist. Sind zu diesem Zinssatz keine Geldgeber zu finden, kann dieser nochmals verändert werden. Bei Smava wird den potentiellen Gläubigern auch die Schufa-Einstufung, also die Kreditwürdigkeit des Schuldners, gezeigt. Morgan Adams beispielsweise wird von der Schufa eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 15 Prozent bescheinigt, daher muss sie happige 16,4 Prozent für ihren Kredit bezahlen.
Nur eine Plattform differenziert nach Kreditwürdigkeit
Ebendiese Differenzierung nach Kreditwürdigkeit ist lediglich bei Smava zu finden. Denn als einzige der Internetplattformen hat diese eine Bank zwischengeschaltet - die Bank für Investments und Wertpapiergeschäfte (BIW). Wie bei einem gewöhnlichen Bankkredit prüft diese zunächst die Bonität des Schuldners und verlangt einen Einkommensnachweis. Ist die BIW einverstanden, kann ein Kreditwunsch online gestellt werden.
Wer beispielsweise einen negativen Eintrag bei der Schufa hat, wird hier gar nicht erst vermittelt. Auch die Kreditraten werden über die Bank bezahlt. Das hat für den privaten Gläubiger den Vorteil, dass er anders als bei allen anderen Plattformen im Falle einer Zahlungsunfähigkeit nicht im Regen steht: Die Bank mahnt den Schuldner bei einem Zahlungsrückstand an und verkauft den Kredit im äußersten Fall an ein Inkassounternehmen.
Ein weiterer Vorteil von Smava ist, dass nur dann eine Gebühr erhoben wird, wenn tatsächlich ein Kredit ausbezahlt wird. Plattformen wie Auxmoney kassieren dagegen eine Registrierungsgebühr von 9,50 Euro, ohne dass es eine Garantie für einen Kredit gibt. Bei Smava beträgt die Gebühr immerhin ein Prozent des Kreditvolumens.
Marktnische für schlecht Schuldner
Die zudem recht hohen Zinssätze werfen daher die Frage auf, warum ein Kreditnehmer mit guter Bonität sich dort Geld leihen sollte. Denn auf dem etablierten Bankmarkt tobt ein Preiskampf besonders um die besten Kunden. Wer kreditwürdig ist, der erhält von den Banken oft bessere Konditionen für Konsumenten- oder Dispositionskredite.
Anders ist es mit einem Schuldner wie Morgan Adams, der angesichts seiner recht schlechten Schufa-Note Schwierigkeiten haben dürfte, von der Bank weiteres Geld zu erhalten. Analysten der Deutschen Bank sehen daher vor allem im Geschäft mit schlechten Schuldnern eine Marktnische für die Kreditplattformen.
Morgan Adams ist dafür ein gutes Beispiel. Deren schlechte Schufa-Note schreckt die Geldgeber nicht ab. Im Gegenteil: Binnen drei Tagen hat sie sich das Gros des Kredits von elf verschiedenen Gläubigern gesichert: 3750 Euro. Und die Auktion läuft noch zwölf weitere Tage.
Private Kredite über das Internet sind nicht nur etwas für Renditejäger. Auch wer sein soziales Gewissen stärken will, wird fündig: Die Onlineplattform Kiva.org bringt wohltätige Privatpersonen mit geldsuchenden Kleinstunternehmern in Entwicklungsländern zusammen.
Die auch von den ehemaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton in Interviews beworbene Plattform ermöglicht es privaten Wohltätern, jeweils einem Kleinstunternehmer zinslos 25 Dollar zu leihen.
Der besondere Clou dieser Plattform für Mikrofinanz: Die Miniunternehmer stellen sich mit Foto, Beschreibung des Geschäftsmodells und der ersuchten Kredithöhe auf der Internetseite vor. Kiva arbeitet mit lokalen Partnerorganisationen zusammen, die das Geld vermitteln. Die Rückzahlquote der Kredite liegt bei 99,8 Prozent.
Es gibt aber auch Kritiker: Kiva macht der lokalen Mikrofinanzwirtschaft Konkurrenz, bemängelt Klaus Tischhauser von der auf Mikrofinanz-Anlagen spezialisierten Schweizer Responsability Social Investment Services.
Text: F.A.Z., 12.01.2008, Nr. 10 / Seite 21
Bildmaterial: Roger Hagmann
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